
Die spiegelnden Mantren 2 B und 51 ! (ohne Buchstaben, deshalb mit “!”)
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2 B Ins Äußre des Sinnesalls Verliert Gedankenmacht ihr Eigensein; Es finden Geisteswelten Den Menschensprossen wieder, Der seinen Keim in ihnen, Doch seine Seelenfrucht In sich muss finden. |
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51 ! Frühling-Erwartung Ins Innre des Menschenwesens Ergießt der Sinne Reichtum sich, Es findet sich der Weltengeist Im Spiegelbild des Menschenauges, Das seine Kraft aus ihm … Sich neu erschaffen muss.
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Musik zum Mantra 2B — nüchtern — komponiert von Herbert Lippmann
Musik zum Mantra 51 ! — vermummt — komponiert von Herbert Lippmann
Über die Spiegelsprüche 2 B und 51 !
Die Mantren 2 B und 51 ! stehen in der beschreibenden dritten Person. Ihr inhaltlicher Aufbau beruht auf dem Gegensatz von Innen und Außen. Sie thematisieren den Prozess von dem einen Gegensatz, dem substantivierten und dadurch absoluten Außen, zum anderen Gegensatz, dem ebenso substantivierten und deshalb absoluten Innen. Das Außen gehört zum Sinnesall, das Innen zum Menschenwesen. Dadurch thematisieren beide Mantren die Interaktion von Mensch und Welt, d.h. von all dem, was die Sinne von der Welt dem Menschen für sein Innenleben vermitteln.
Im Mantra 2 B ist das beschreibende Verb dieses von innen nach außen führenden Prozesses “verlieren”. Im Mantra 51 ! ist das entsprechende Verb des nun von außen nach innen gehenden Prozesses “ergießen”. Die beiden Verben verdeutlichen einen entgegengesetzten Vorgang, zumal Verlieren als Ausgießen oder Verflüchtigen vorgestellt werden kann und Ergießen entsprechend als Gewinnen oder Konzentrieren.
Im Mantra 2 B verliert die Gedankenmacht auf dem Weg zu diesem Außen des Sinnesalls ihr Eigensein. Im Mantra 51 ! ergießt sich der Sinne Reichtum in das menschliche Innere. Die Mantren beschreiben grundlegende Vorgänge des Wahrnehmungs-Menschen (51 !) und des Denk-Menschen (2 B), wobei die Mantren in den entgegengesetzt zugeordneten Halbjahren lokalisiert sind. Das Mantra 2 B, das von der Gedankenmacht handelt, befindet sich im Sommer-Halbjahr, das die Wahrnehmungsseite der Seele darstellt; und das Mantra 51 !, das vom Reichtum der Sinne, der Sinneswahrnehmung spricht, steht im Winter-Halbjahr, das zur Denkseite der Seele gehört. Die Mantren beschreiben, was geschieht, wenn das innen stattfindende Denken sich dem Außen aussetzt bzw. die außen gewonnene Sinneswahrnehmung nach innen strömt.
In beiden Mantren wird die Wirkung des Prozesses durch das Verb “finden” beschrieben. Die Geisteswelten finden den Menschensprossen wieder (2 B) und der Weltengeist findet sich im Spiegelbild des Menschenauges (51 !). Die beiden Subjekte sind gegensätzlich und doch setzen die Substantive sich aus den gleichen Wortteilen zusammen: die grammatisch aktiv findenden Geisteswelten (2 B) und der grammatisch passive sich findende Weltengeist (51 !) bestehen beide aus den Wortteilen “Welt” und “Geist” bzw. “Geist” und “Welt”. Die Geistes-Welten (2 B) sind Welten, die nicht irdisch sind, sondern geistig. Im Hohenpriesterlichen Gebet spricht Christus von dieser anderen Welt: “Sie [die Christus folgen] sind nicht aus der Welt des Irdischen, so wie ich auch nicht aus dieser Welt bin.” (Joh. 18;16, Übersetzung Emil Bock) Und diese geistige Welt ist offensichtlich eine in vielfache Welten gegliederte Welt. Der Welten-Geist (51 !) ist der Geist, der in der nun irdisch-sinnlich gedachten Welt wirkt, der Geist, der hinter allen Erscheinungen steht.
Im Mantra 2 B finden die Geisteswelten den Menschensprossen wieder und im Mantra 51 ! findet sich der Weltengeist im Spiegelbild des Menschenauges. Die Geisteswelten als Vielzahl der Orte finden den Menschensprossen, das eine Lebewesen. Der Weltengeist ist Wesen und findet sich an einem Ort, dem Spiegelbild des Menschenauges, das eine unendliche Vielzahl an Bildern spiegeln kann.
Nun folgt in beiden Mantren ein Zukunftsauftrag. Der Menschenspross muss in zwei Richtungen etwas finden, nachdem die Geisteswelten ihn wiedergefunden haben: er muss seinen Keim in den Geisteswelten finden und seine Seelenfrucht in sich selbst (2 B). Das Menschenauge (als ein paarweise vorhandenes) muss sich seine Kraft aus dem Weltengeist neu erschaffen (51 !). “Finden” und “erschaffen” sind hier zwei contraire Verben. Gefunden werden kann in der Zukunft nur, was zwar noch nicht sichtbar, jedoch grundsätzlich schon vorhanden ist. Die Kraft als sich stetig verbrauchende Energie muss dagegen stets neu gebildet, erschaffen werden.
Das Mantra 2 B beschreibt, wie die Gedankenmacht, die Schöpfermacht des Menschen, ihr Problem verliert, zu egoistisch, zu selbstbezogen, zu phantastisch zu sein. Sie verliert es durch die Aufnahme der großen Vielzahl an Sinneserfahrungen in der Außenwelt. Dadurch finden die Geisteswelten den Menschensprossen wieder — nehmen ihn wieder zu sich, erheben ihn wieder in ihre Welt. Wenn der Mensch sich belehren lässt durch die in der Welt waltende Weisheit, wenn er sein Denken erhebt über das Nur-Sinnliche, wird er sichtbar für die Geisteswelten. Dann können die Geisteswelten in seinen Gedankenformen leben. Nun erst kann der Mensch zu tieferer Erkenntnis über sich selber durchdringen. Nun kann er Einsicht gewinnen in die tiefsten Fragen seines Wesens. Er kann seinen Keim sowie seine Seelenfrucht als Antwort seiner Lebensfragen schauend finden — den Keim im geistigen Außen, die Seelenfrucht im Innern. Die Wahrnehmung verhilft der Gedankenmacht zur eigentlichen Erfüllung, der Erkenntnis von Ursprung und Ziel des Menschenwesens.
Das Mantra 51 ! beschreibt wie die alltägliche Sinneswahrnehmung des Menschen zur geistigen Wahrnehmungskraft, zum geistigen Auge werden soll durch den in aller Wahrnehmung enthaltenen Weltengeist. Denken ist eine die Welt im Innern spiegelnde menschliche Geist-Tätigkeit. Durch die Denkkraft wird diese neu zu gewinnende Sehkraft des Menschenauges erschaffen. Die Denkkraft verwandelt die äußere Wahrnehmungsfähigkeit in geistige Wahrnehmungskraft, in die Kraft der Imagination.
Die Mantren 2 B und 51 ! beschreiben, wie die beiden Grundkräfte der Seele, Denken und Wahrnehmung, sich gegenseitig ergänzen und die jeweilige Einseitigkeit korrigieren.
Die drei Bilder der Zeit und der Rosenkreuzerspruch der Dreifaltigkeit
Die Zeit erlebt der Mensch in drei Bildern, drei inneren Wahrnehmungen: als Gegenwärtigkeit, lineare Zeit und zyklische Zeit. Der von Rudolf Steiner viel zitierte Rosenkreuzerspruch lässt sich durch diese drei Bilder sehr konkret denkend verstehen — nach meiner Meinung konkreter, als Rudolf Steiner die Bedeutung dieses Spruchs darstellt. Der Rosenkreuzerspruch lautet: «Ex deo nascimur — In Christo morimur — Per spiritum sanctum reviviscimus» Übersetzt: “Aus dem Gotte sind wir geboren — In dem Christus sterben wir — Durch den Heiligen Geist werden wir auferstehen”.
Bewusstsein und seine wachste Form, die Gegenwärtigkeit, entsteht durch die Verwandlung des im Leib webenden Lebens. Rudolf Steiner nennt diese Verwandlung des Lebens in Bewusstsein die Ätherisation des Blutes, die sich im Herzen vollzieht. Gegenwärtigkeit ist also aus dem von Gott geschenkten, im Körper webenden Leben geboren: – „Aus Gott sind wir geboren.“
Durch die Macht der fortschreitenden, linearen Zeit fällt jede Gegenwärtigkeit früher oder später der Vergangenheit anheim und “stirbt”, indem der Mensch unbewusst wird — die Sonne seines Bewusstseins bildlich gesprochen untergeht. Wenn das Bewusstsein im Herzen entsteht, nimmt dieses Bewusstsein als erstes das eigene Dasein war, das eigene Ich-Bin. Dann erst wendet es sich der sinnlichen Außenwelt zu. Und diese irdische Welt ist die Welt der vier Himmelsrichtungen, des Kreuzes. Das Bewusstsein wird “an der Welt gekreuzigt” und die Gegenwärtigkeit “stirbt” in dem Moment, wenn der Mensch unbewusst wird: – „In Christus sterben wir.“ Zur linearen Zeit gehört die Kraft der ewigen Entwicklung, des Strebens und die Einzigartigkeit jedes Augenblicks. Jede Gegenwart stirbt, und indem sich deren Auslöschung vollzieht, wird sie Bereicherung der Vergangenheit. Durch die Kraft der linearen Zeit sterben wir, durch sie hat das Leben Anfang und Ende und ist gleichzeitig unwiederbringlich, einzigartig, individuell.
Die zyklische Zeit folgt dem Gesetz der Wiederholung. In der zyklischen Zeit folgt stets auf die Nacht der Tag, auf den Winter der Frühling, auf den einen Tag der nächste Tag und auf das eine Jahr das nächste. Die zyklische Zeit ist Ausdruck des Gesetzes der Wiederholung des ewig Gleichen. Diese Kraft der Zeit führt beim Menschen zum Aufwachen am Morgen und zur Wiedergeburt nach dem Tod: – „Durch den Heiligen Geist werden wir auferstehen.“ Das Wirken der zyklischen Zeit ist die Grundlage der Auferstehung nach dem Tod und der Reinkarnation.

Die drei Bilder der Zeit und der Rosenkreuzer-Spruch
