Die spiegelnden Mantren 4 D und 49 x

4 D

Ich füh­le Wesen meines Wesens:

So spricht Empfind­ung,

Die in der son­ner­hell­ten Welt

Mit Licht­es­fluten sich vereint;

Sie will dem Denken

Zur Klarheit Wärme schenken

Und Men­sch und Welt

In Ein­heit fest verbinden.

 

49 x

Ich füh­le Kraft des Wel­ten­seins:

So spricht Gedanken­klarheit,

Gedenk­end eignen Geistes Wachsen

In fin­stern Weltennächten,

Und neigt dem nahen Weltentage

Des Innern Hoff­nungsstrahlen.

….

…..

Musik zum Mantra 4 D — belehrend — komponiert von Herbert Lippmann

Musik zum Mantra 49 x — sich aufschwingend — komponiert von Herbert Lippmann

Über die Spiegelsprüche 4 D und 49 x

Die Mantren 4 D und 49 x entsprechen sich vor allem in den ersten bei­den Zeilen, danach gar nicht bzw. weit weniger, als die Spiegel­spruch-Paare 3 C — 50 y, 2 B — 51 ! und 1 A — 52 z. Dieses Mantren Paar ist indi­vidu­eller. In bei­den Mantren ste­ht am Anfang eine Selb­staus­sage und erst im Nach­hinein erfährt der Leser, wer da eigentlich über sich sel­ber spricht. Dann fol­gt eine Beschrei­bung der Tätigkeit des Sprech­ers. Es gibt also — anders als in den anderen erwäh­n­ten Mantren und auch den benach­barten Licht­sprüchen 5 E — 48 w — einen sich sein­er selb­st bewussten Sprech­er, den ich als Ich-Sprech­er beze­ichne. Doch was dann fol­gt, ist eine Schilderung aus der neu­tralen Beobachter­per­spek­tive ana­log zu den genan­nten Mantren.

Im Mantra 4 D spricht die Empfind­ung über sich sel­ber, im Mantra 49 x die Gedanken­klarheit. Die Empfind­ung beken­nt, dass sie sich sel­ber fühlt — das Wesen ihres Wesens. Die Gedanken­klarheit fühlt eben­so, doch nicht sich selb­st, son­dern die Kraft des Wel­ten­seins — das Nicht-Ich, das Außen. Die Empfind­ung ist das ger­ade aufkeimende Erleben des eige­nen Lebens. Es ist Bewusst­sein, das noch nicht Selb­st­be­wusst­sein ist und der Welt auch noch nicht erken­nend gegenüber­ste­ht. Die Gedanken­klarheit ist dage­gen max­i­male Bewuss­theit. Rudolf Stein­er unter­schei­det drei Wach­heitsstufen der Seele: die Empfind­ungsseele, die Ver­standes- oder Gemütsseele und die Bewusst­seinsseele. Ich gehe deshalb davon aus, dass sich im Mantra 4 D die Empfind­ungsseele ausspricht, im Mantra 49 x die Bewusst­seinsseele. Zwis­chen den Mantren 4 D und 49 x, zwis­chen der Empfind­ung und der Gedanken­klarheit span­nt sich das irdisch-men­schliche Bewusst­seins auf.

Die Empfind­ung (4 D) fühlt das Wesen ihres Wesens, sie fühlt, was ihr Wesen aus­macht, den Kern ihrer “Per­sön­lichkeit”. Das Wesen der Empfind­ung ist es, auf Sin­nes­reize zu reagieren. Betra­chte ich die all­seits bekan­nten fünf Sinne, ist jede Wahrnehmung zunächst ein Reiz, der auf den physis­chen Kör­p­er ein­wirkt und von diesem emp­fun­den wird. Dadurch entste­ht zuvorder­st Bewusst­sein für das eigene Sein, den eige­nen Kör­p­er, das eigene, erlebende Innen im Unter­schied zum Außen, zur Welt. Dann entste­ht eine dif­feren­zierende Wahrnehmung, denn Reize kön­nen als angenehm oder als unan­genehm emp­fun­den wer­den. Rudolf Stein­er nen­nt dies Lust oder Unlust, die durch die Empfind­ung erregt wer­den. Das Tre­f­fen dieser Unter­schei­dung bedeutet eine zweite Selb­st­wahrnehmung. Das Wesen der Empfind­ung ist also tat­säch­lich Selb­st­wahrnehmung, wie das Mantra sagt.

Die Gedanken­klarheit (49 x) fühlt dage­gen die Kraft des Wel­ten­seins, das Andere, das Dasein der Welt. Sie fühlt jedoch nicht ein­fach die Welt, oder das Sein der Welt, son­dern die Kraft dieses Welt-Seins. Wir ken­nen die Muskelkraft des Men­schen, die Schw­erkraft der Materie, die Kraft des Mag­net­ismus, der Elek­triz­ität oder der Atom­kraft. Diesen Kräften ist jew­eils eine Wirkrich­tung im Raum bzw. eine Verän­derungsrich­tung eigen. Was ist also die Kraft des Wel­ten­seins? Für mein Dafürhal­ten ist es die Zeit. Auch sie hat eine Wirkrich­tung vom Wer­den über das Sein zum Verge­hen. Die Gedanken­klarheit “fühlt” also die Kraft, die es braucht, damit Geist Materie, also Welt wird und ins Sein tritt und auch wieder zurück­kehrt zum rein geisti­gen Zus­tand. Die Gedanken­klarheit “fühlt” damit über die äußere Sinneswahrnehmung hin­aus. Sie ist nicht beschränkt auf den Reiz-Reak­tions-Erleb­nis­bere­ich der Empfind­ungsseele und auch nicht auf die daran anschließen­den ver­ständi­gen Gedanken, die der Ver­standes- oder Gemütsseele eigen sind. Das “Fühlen” der Gedanken­klarheit führt über die materielle, durch die Sinne ver­mit­telte Welt hin­aus. Und ich erkenne immer mehr, dass die Kraft des Wel­ten­seins, die Zeit — in ihren drei Offen­barun­gen als Gegen­wär­tigkeit, zyk­lis­che und lin­eare Zeit — tat­säch­lich die Grund­lage gedanklich klar­er geistiger Erken­nt­nis bildet.

Nun fol­gt in bei­den Mantren, eine Beschrei­bung der Tätigkeit der sprechen­den Instanzen. Die Empfind­ung (4 D) han­delt und inter­agiert mit dem Außen, die Gedanken­klarheit (49 x) gedenkt, erin­nert und macht sich den eige­nen Entwick­lungs­gang bewusst.  Sie schaut nach innen.

Die Empfind­ung (4 D) vere­int sich mit Licht­es­fluten in der son­ner­hell­ten Welt. Die Licht­es­fluten sind all die Wahrnehmungen, die auf den Men­schen, genauer seine Empfind­ungs­fähigkeit ein­fluten und ihm die Möglichkeit der Erken­nt­nis und damit das Erleben inneren Licht­es brin­gen. Die Wahrnehmungen tra­gen dieses Licht in sich, weil die Welt durch­woben ist von Weisheit, von Weisheit­slicht. Sonnen­er­hellt ist die Welt, weil das Licht des Bewusst­seins sie beleuchtet. Das Bewusst­sein strahlt im Wachzu­s­tand von allen Men­schen aus, son­st hät­ten sie keine Wahrnehmungen, nur bemerken sie dieses Ausstrahlen in der Regel nicht. Das Licht des Bewusst­seins keimt in der Empfind­ungsseele auf und vere­int sich wahrnehmend mit dem in allem Wahrgenomme­nen ver­bor­ge­nen Weisheitslicht.

Die Gedanken­klarheit (49 x) erin­nert sich dage­gen an die fin­steren Wel­tennächte, in denen ihr geistiges Wach­s­tum stat­tfand. Was haben geistiges Wach­s­tum und Dunkel­heit miteinan­der zu tun? Geistiges Wach­s­tum zeigt sich durch das Erstarken des inneren Licht­es. Und dieses zunächst schwache Licht braucht die umgebende Dunkel­heit, um sicht­bar zu wer­den, Wirkung zu erzie­len. Erst ein helles Licht kann auch am Tage leucht­en. Denken ist ein Innen­prozess, der Konzen­tra­tion und Fokus benötigt, der das Aus­blenden der Sin­nes­reize, also “Dunkel­heit” braucht.

Und noch etwas: Ler­nen, also geistiges Wach­s­tum find­et wesentlich in der Nacht statt. Am Tag wer­den die neuen Inhalte aufgenom­men, in der Nacht, während des Schlafs, wer­den sie inte­gri­ert, geord­net und bew­ertet. Der Geist wächst also tat­säch­lich nachts. Warum sind es aber Wel­tennächte? Hier denke ich an die fün­f­tausend Jahre, die das Kali Yuga, das fin­stere Zeital­ter herrschte und laut Rudolf Stein­er 1879 zu Ende ging. In der Zeit des Kali Yuga ist die Men­schheit klug, intellek­tuell gewor­den — ihr geistiges Poten­tial ist mas­siv gewach­sen. Nun ste­hen wir als Men­schheit am Beginn eines neuen Wel­tent­ages. Das weit­er unten aus­ge­führte Neigen, von dem das Mantra 49 x in dieser Sit­u­a­tion spricht, ste­ht für die Men­schheit nun an.

Im näch­sten Schritt fol­gt in bei­den Mantren eine aktive Tätigkeit, aus­ge­drückt durch ein Verb in Präsens mit ein­er Dativ-For­mulierung — ein­er Hin­wen­dung zu einem Du. Die Empfind­ung (4 D) will schenken. Sie will dem Denken zur Klarheit, die dem Denken imma­nent ist, Wärme schenken. Und durch dieses Geschenk will die Empfind­ung etwas bewirken. Sie will Men­sch und Welt in Ein­heit fest verbinden. Dem klaren, kalten, ratio­nalen Denken, das der Welt unbeteiligt gegenüber­ste­ht, man­gelt die Gefühlswärme der Empfind­ung. Die Empfind­ung ste­ht der Welt nicht gegenüber. Sie vere­int sich mit den Licht­es­fluten, der ein­strö­menden Wahrnehmung von der Welt. Es ist ihr Wesen, sich hinzugeben mit uneingeschränk­tem, liebevollem Inter­esse — allerd­ings unter ein­er Bedin­gung: in der Empfind­ungsseele darf keine Unlust geweckt wer­den bzw. Urteile von Lust und Unlust gefällt wer­den. Die Empfind­ungsseele muss gere­inigt und entwick­elt sein. Die Empfind­ung offen­bart sich als das Wesen der Berührtheit, als die Mem­bran zwis­chen innen und außen. Sie ist das aufkeimende, nach außen strahlende Bewusst­seinslicht genau­so wie das seel­is­che Emp­fang­sor­gan der Sin­nes­reize. Durch ihr Sein verbindet sie das Innen mit dem Außen — Men­sch und Welt.

Die Empfind­ungsseele (4 D) will. In diesem Wollen der Empfind­ungsseele kann Selb­st­be­haup­tung, Selb­st­wirk­samkeit und aktive Zukun­ft­sori­en­tierung gese­hen wer­den. Sie will sel­ber etwas. Durch diesen Eigen­willen wird sie schuld- und schicksalsfähig.

Die Gedanken­klarheit (49 x) will nicht etwas, so wie die Empfind­ung. Sie strebt keinem Ziel zu, son­dern neigt sich. Sie neigt die Hoff­nungsstrahlen dem nahen, dem kom­menden Wel­tentag. Was sind die Hoff­nungsstrahlen? Ist es das Licht des Bewusst­seins, das mit der Gedanken­klarheit an eine Gren­ze des Erken­nens gekom­men ist? Sind die Hoff­nungsstrahlen das Bewusst­sein selb­st, das dem Men­schen immer wieder schwindet, z. B. wenn er schläft, also das Bewusst­sein, das hier im Moment seines Unter­gangs erscheint? Sind die Hoff­nungsstrahlen das Licht der Gegen­wär­tigkeit, die ihren unver­mei­dlichen, eige­nen “Tod” ken­nt? Neigen sich die Hoff­nungsstrahlen wie die unterge­hende Sonne? Und hof­fen diese Strahlen deshalb auf ihren neuen Son­nenauf­gang? Obwohl die Hoff­nungsstrahlen (49 x) und die Licht­es­fluten (4 D) nicht an par­al­lel­er Stelle ste­hen und von der Form her nicht spiegeln, zeigen diese bei­den Licht-Worte kom­ple­men­tär sich ergänzende Lichtqual­itäten. Die vom Zen­trum ausstrahlen­den Hoff­nungsstrahlen erin­nern an das in den Umraum ausstrahlende Bewusst­seinslicht der Gegen­wär­tigkeit. Die Licht­es­fluten lassen dage­gen an einen Strom aus Licht denken, der wie die ver­stre­ichende Zeit dahin­strömt und alle Wahrnehmungen mit sich bringt.

Die Gedanken­klarheit (49 x) neigt die von innen ausstrahlen­den Hoff­nungsstrahlen vor dem nahen­den Wel­tentag. Das Erwachen in der Gegen­wär­tigkeit hat­te dem Men­schen den Fall aus dem kos­mis­chen Bewusst­sein in das gewöhn­liche irdis­che Bewusst­sein gebracht, begleit­et von Hochmut. Ein Zurück gibt es nicht, doch ger­ade die Gegen­wär­tigkeit trägt die Möglichkeit zur Tran­szen­denz in sich. Das Jet­zt ist das Nadelöhr: denn anders als Ver­gan­gen­heit und Zukun­ft ermöglicht die Gegen­wart Hand­lung. Die Gegen­wart hat eine höhere Real­ität, denn sie ist der einzige Zeitraum, in dem der Men­sch frei ist, wenn er sich dessen bewusst wird. Und es ist immer ger­ade Jetzt.

Das Jet­zt, ein winziger Zeitraum, der erfüllt ist mit dem Licht des Bewusst­seins, bildlich vorgestellt als ein­er kleinen Sonne, zeigt sich ver­wandt mit dem Jahreskreis, dem viel größeren Zeitraum, in dessen Mitte die geistige Sonne vorgestellt wer­den kann. Das Jet­zt ist ver­gle­ich­bar dem Samen, jed­er größere Zyk­lus wie z.B. der Tag-Nacht Zyk­lus und der Jahreskreis ist dazu die entwick­elte Pflanze. Gegen­wär­tigkeit birgt deshalb die Hoff­nung auf das Wieder­errin­gen des kos­misch-paradiesis­chen All-Bewusst­seins. Dieses Ewigkeits-Bewusst­sein schließt Ver­gan­gen­heit und Zukun­ft ein wie dies auch der Jahreskreis tut, sofern das Jahr noch nicht zur Gänze durch­lebt ist. Das Neigen der Hoff­nungsstrahlen ver­ste­he ich deshalb als eine dem Hochmut ent­ge­genge­set­zte Geste der Demut. Die Hoff­nungsstrahlen neigen sich vor dem her­an­na­hen­den Wel­tent­age — vor dem viel größeren zyk­lis­chen Zeitraum — vor der größeren Sonne.

Die Empfind­ung (4 D), die Leben­säußerung, die jedem belebten und beseel­ten Wesen eigen ist, vere­int sich mit den Licht­es­fluten und somit — im oben aus­ge­führten Sinne — auch mit der in der Welt strö­menden Zeit. Sie ist ein sich selb­st füh­len­des, Wesen mit eigen­em Willen, das wie jedes Lebe­we­sen mit dem Strom der äußeren Zeit ver­bun­den ist. Die Gedanken­klarheit (49 x), das klare Bewusst­seinslicht fühlt nicht sich selb­st, son­dern die Kraft des Wel­ten­seins. Die Gedanken­klarheit ist also mit der Welt ver­bun­den, wie es die Empfind­ung für den Men­schen anstrebt. Die Gedanken­klarheit will auch nicht sel­ber etwas, son­dern neigt ihr Hoff­nung tra­gen­des Licht vor dem größeren Licht des Wel­tent­ages. Die mit der Zeitlichkeit ver­bun­dene Empfind­ung (4 D) will Men­sch und Welt verbinden, denn nur durch die Verbindung des mikrokos­mis­chen Men­schen mit der für den Makrokos­mos ste­hen­den Welt kann die Empfind­ung ihre an die Zeit gebun­dene Sterblichkeit über­winden. Die Gedanken­klarheit (49 x) ist dage­gen im Besitz eines in Wel­tennächt­en größer gewor­de­nen Geistes. Sie ste­ht am Tor eines neuen Wel­tent­ages, ein­er vol­lkom­men neuen Bewusst­seins­möglichkeit. Ein neuer Wel­tentag ist eine neue Schöp­fung. Vor dieser neigt die Gedanken­klarheit ihr Licht, hof­fend, dass sie erwürdigt wird, diesen Wel­tentag auch zu erleben.

Das Seitenhöhlchen

Das Mantra 49 x erweckt in mir stets die Vorstel­lung ein­er dun­klen Höh­le, an deren Ein­gang der Ich-Sprech­er, die Gedanken­klarheit ste­ht — die fin­steren Wel­tennächte hin­ter ihm und der nahe Wel­tentag vor ihm. Nun habe ich ent­deckt, dass es im 18. Jahrhun­dert ins­beson­dere bei der Her­rn­huter Brüderge­meine eine große Verehrung des “Seit­en­höhlchens”, also der Seit­en­wunde Christi gab.

Im Evan­geli­um erfahren wir nur von Johannes (19; 33–37), wie der Sol­dat mit ein­er Lanze die Seite Christi öffnete, um den Tod festzustellen. Auf Bildern der Kreuzi­gung ist diese Wunde stets auf der recht­en Kör­per­seite Jesu. Doch warum?

Im Buch des Propheten Ezechiel (Hes 47,1 ff EU) wird beschrieben, dass unter der recht­en Seite des Jerusale­mer Tem­pels ein Strom göt­tlich­er Gnade her­vorquillt, was als Voraus­deu­tung des Erlö­sungstodes Jesu am Kreuz gedeutet wird. Gle­ichzeit­ig verbindet die Seit­en­wunde auf sein­er recht­en Seite Christi Tod mit der Leber­wunde des Prometheus. Hier fraß der Adler, als Prometheus an den Felsen geschmiedet war, weil er das Feuer vom Him­mel ger­aubt hat­te. Und die Leber ist im Kör­p­er rechts.

Der Kirchen­lehrer Augusti­nus sah in der Seit­en­wunde, aus der Blut und Wass­er, Taufe und Abendmahl, d.h. die Kirche her­vorgin­gen, eine Entsprechung zur Erschaf­fung Evas aus Adams Rippe. Sin­ngemäß sagt er: Chris­tus schlief am Kreuz (cum dormiret in cruce), als seine Seite mit der Lanze geöffnet wurde. So wurde die Kirche als Braut Christi geboren, entsprechend wie Gott aus dem schlafend­en Adam, dem sterblichen Men­schen, Eva aus sein­er Seite erschuf. Und Hilde­gard von Bin­gen sagt: „Als Chris­tus Jesus, der wahre Sohn Gottes, am Lei­den­sholze hing, wurde ihm die Kirche in der Ver­bor­gen­heit der himm­lis­chen Geheimnisse ver­mählt, und sie empf­ing als Hochzeits­gabe sein pur­pur­far­benes Blut.“

Damit wird die Seit­en­wunde der Ort der Neuschöp­fung, der Quel­lort unsterblichen Lebens. Wurde in mit­te­lal­ter­lichen Darstel­lun­gen das Blut durch einen von Engeln gehal­te­nen Kelch aufge­fan­gen, find­en sich in der Refor­ma­tion­szeit Kreuzi­gungs­darstel­lun­gen (z.B. Lucas Cranach d. J. 1555), auf denen das Blut im hohen Bogen auf die dabeis­te­hen­den Men­schen fließt, wodurch aus­ge­drückt wird, dass jed­er Men­sch ohne Ver­mit­tlung der Kirche Anteil hat an der Heil­stat Christi.

Die Seit­en­wunde wurde alle­gorisch ver­standen zum Zuflucht­sort. Niko­laus von Zinzen­dorf stellte 1747 das „Höhlchen“ ins Zen­trum der Fröm­migkeit. Es wird nun in vie­len Kirchen­liedern als schützen­der Zuflucht­sort imag­iniert, in dem die Chris­ten wohnen, schlafen, essen, arbeit­en und spazieren gehen.

Ver­ständlich wird diese Imag­i­na­tion, wenn die Gegen­wär­tigkeit als dieser Ort betra­chtet wird. Das Bewusst­sein, das aus dem Herzen ausstrahlt, stammt aus der Dunkel­heit, aus der Höh­le des Herzens und ist deshalb auch durch das Blut aus­ge­drückt. Im Kelch ist unschw­er die zyk­lis­che Zeit, das “Gefäß” des sich stetig wan­del­nden Lebens zu erken­nen, in der Lanze die lin­eare Zeit, denn nur aus ihrem sich niemals wieder­holen­den Wesen kann der ein­ma­lige Moment geboren wer­den, der in der Gegen­wär­tigkeit erlebt wird. Wird Gegen­wär­tigkeit bewusst, ist der Moment schon vor­bei, der Augen­blick des Lebens bere­its “gestor­ben”. Durch die Lanze wird der Tod fest­gestellt, aus dem das neue Leben quillt, denn die Gegen­wart ist eine höhere Real­ität als Ver­gan­gen­heit und Zukun­ft. Nur hier kann Schöp­fung geschehen, Hand­lung stat­tfind­en. Im Bild des Seit­en­höhlchens als Zuflucht­sort ver­birgt sich die Erfahrung, dass die Gegen­wart, das Gegen­wär­tig-sein, schützt vor Zukun­ft­säng­sten und dem Hadern mit der Vergangenheit.

Im Mantra 49 x zeigt sich der Aspekt der dun­klen Höh­le, im Mantra 4 D, in den Licht­es­fluten, der Strom neuen Lebens und Bewusst­seins, der Erfahrung des Jetzt.

Lebenspanorama und Tunnel-Erlebnis in den Nahtoderfahrungen und die zyklische und lineare Zeit

Heute ist bekan­nt, dass Nah­toder­fahrun­gen zwar stets indi­vidu­ell sind, ihre haupt­säch­lichen Merk­male sich jedoch wieder­holen. Es zeigte sich die gle­iche Grund­struk­tur unab­hängig von ihrer Kul­tur, Reli­gion und ihrem Bil­dungs­grad. Zu diesen immer wieder beschriebe­nen Erleb­nis­sen zählt das sich lösen von der physis­chen Hülle und sich darüber schwebend erleben, das Lebenspanora­ma, in dem das bish­erige Leben überblickt wird und das Tun­nel-Erleb­nis, das auch vor dem Lebenspanora­ma liegen kann. Ist das Lebenspanora­ma von Gle­ichzeit­igkeit geprägt, von einem Umgeben-sein von allen bish­eri­gen Erleb­nis­sen, so das Tun­nel-Erleb­nis von ein­er lin­earen Bewe­gung auf ein Ziel zu. Oft wird ein Sog beschrieben und das Ziel als ein Licht. Dann fol­gt das Ein­treten in dieses Licht, das auch als eine göt­tliche Macht erlebt wer­den kann. Immer wird berichtet von unbeschreib­lich­er Liebe, vom Gefühl, voll­ständig mit allen Unzulänglichkeit­en angenom­men zu sein, von aller Schuld reinge­waschen und endlich zu Hause angekom­men zu sein.

Auf­grund der Ähn­lichkeit dieser Erleb­nisse liegt die Ver­mu­tung nahe, dass sie men­schenkundlich und nicht kul­turell begrün­det sind. Christoph Hueck beschreibt in seinem Vor­trag “Nah­toder­fahrun­gen als Ein­wei­hungser­leb­nisse”, dass das Lebenspanora­ma Ergeb­nis der Loslö­sung des Äther­leibs aus dem physis­chen Kör­p­er ist, denn die Erin­nerun­gen wer­den im Äther­leib bewahrt. Er sagt auch, dass die gesamte geistige Forschung Rudolf Stein­ers als selb­st induzierte Nah­tode­ser­leb­nisse ver­standen wer­den kön­nen. Das legt nahe, dass das Tun­nel-Erleb­nis ein Vor­blick auf das nach drei Tagen nach dem Tod begin­nende, bis zur Geburt sich zurück­spu­lende zweite Dur­char­beit­en des Lebens ist, an dessen Ende der irdis­che,  “men­schliche” Teil des Astralleibs abgelegt wird, wie der Äther­leib am Ende der drei Tage nach dem Tod dem Wel­tenäther zurück­gegeben wird.

Im Fol­gen­den will ich Rudolf Stein­er sel­ber zu Wort kom­men lassen: “Ein Lebenspanora­ma, ein Lebens­bild, welch­es das­jenige, was son­st in der Zeit nacheinan­der gefol­gt ist, in einem Gewebe uns darstellt, das aus Äther geflocht­en ist. Das alles, was wir da sehen, lebt im Äther. Vor allen Din­gen empfind­en wir das­jenige, was da um uns herum ist, als lebendig. Es lebt und webt alles darin­nen. Dann empfind­en wir es als geistig tönend, als geistig leuch­t­end und auch als geistig wär­mend. Dieses Leben­sta­bleau schwindet, wie wir wis­sen, schon nach [etwa drei, A.F.] Tagen.” (GA 168, S. 74)

Das Leben­sta­bleau ist also von Gle­ichzeit­igkeit geprägt. Das Leben wird als ein Zeitraum im Ganzen erfasst als ein imag­i­na­tives, lebendi­ges vielgestaltiges Bild. Die Zeit als Raum und damit die zyk­lis­che Zeit scheint mir die Grund­lage zu bilden. Was danach fol­gt, hat lin­earen Charak­ter. Hier ist der Astralleib im Fokus: “Im Able­gen des Äther­leibes ist ein Leben­sta­bleau, bei dem wir das ganze Leben gle­ichzeit­ig haben. Das Zurück­leben, das ist ein wirk­lich­es Durch­leben desjeni­gen, was wir angerichtet haben, im Rück­wärts­ge­hen. Und wenn wir also rück­wärts­ge­gan­gen sind bis zu unser­er Geburt, dann sind wir reif gewor­den, auch von unserem astralis­chen Leib das­jenige abzule­gen, was von ihm vom Irdis­chen durchtränkt ist.” (GA 168, S. 79) Die lin­eare Zeit in Gestalt des Zeit­stroms aus der Zukun­ft wird hier erkennbar als die den Prozess tra­gende Kraft. Da Nah­toder­leb­nisse niemals so lange dauern, dass der Äther­leib wirk­lich abgelegt wird, kann das Tun­nel­er­leb­nis nur eine Vorah­nung sein von dem oben beschriebe­nen Zurück­leben bis zur Geburt. Tat­säch­lich kann der Durch­gang durch den Tun­nel auch vor dem Lebenspanora­ma erlebt wer­den. Der lin­eare Charak­ter des Tun­nels ist unbe­strit­ten. Lässt sich auch das Licht, das so häu­fig an seinem Ende erfahren wird, dadurch ver­ste­hen? Ich denke, es ist eine vor­weggenommene Erfahrung des gere­inigten, son­nen­gle­ichen Astralleibs, der eige­nen Vorge­burtlichkeit. Deshalb wir dieses Erleben oft auch als ein Ankom­men beschrieben.

In den Nah­toder­fahrun­gen bleibt das Bewusst­sein des eige­nen Selb­st erhal­ten. Rudolf Stein­er beschreibt, was die Grund­lage dieses Ich-Bewusst­seins ist über die ganze nach­todliche Zeit bis zu ein­er neuen Geburt: “Von der anderen Seite, von der geisti­gen Seite her, wenn zurück­geschaut wird zum Moment des Todes, erscheint der Tod immer­fort als der Sieg des Geistes, als das Her­aus-sich-Winden des Geistes aus dem Physis­chen. Da erscheint er als das größte, her­rlich­ste, als das bedeut­sam­ste Ereig­nis. Und außer­dem entzün­det sich an diesem Ereignisse das­jenige, was unser Ich-Bewußt­sein nach dem Tode ist. Wir haben in der ganzen Zeit zwis­chen dem Tode und ein­er neuen Geburt nicht nur in ähn­lichem, son­dern sog­ar in einem viel höheren Sinne ein Ich-Bewußt­sein als hier im physis­chen Leben. Aber dieses Ich-Bewußt­sein wür­den wir nicht haben, wenn wir nicht immer­fort zurück­blick­en kön­nten, sehen wür­den, aber von der anderen Seite, von der geisti­gen Seite, diesen Moment, in dem wir uns her­aus­gerun­gen haben mit unserem Geisti­gen aus dem Physis­chen.” (GA 168, S. 72) In diesem Erleben lässt sich die Gegen­wär­tigkeit, die dritte Erschei­n­ungs­form der Zeit erken­nen, denn Gegen­wär­tigkeit herzustellen bedeutet, den eige­nen Geist ein Stück her­auszuheben aus dem physis­chen Leib, zum eige­nen Beobachter zu werden.

Wie die zyk­lis­che und lin­eare Zeit die Grund­lage bilden für das Leben auf der Erde, damit der Men­sch sein Bewusst­sein entwick­eln und seine Kraft der Gegen­wär­tigkeit aus­bilden kann, so bilden diese drei Bilder der Zeit die Grund­lage des nach­todlichen Seins, von dem die Nah­toder­leb­nisse nur eine Vorah­nung geben. Die drei Erleb­nis­di­men­sio­nen der Zeit bilden hüben wie drüben das tra­gende Fundament.