
Die spiegelnden Mantren 4 D und 49 x
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4 D Ich fühle Wesen meines Wesens: So spricht Empfindung, Die in der sonnerhellten Welt Mit Lichtesfluten sich vereint; Sie will dem Denken Zur Klarheit Wärme schenken Und Mensch und Welt In Einheit fest verbinden. |
49 x Ich fühle Kraft des Weltenseins: So spricht Gedankenklarheit, Gedenkend eignen Geistes Wachsen In finstern Weltennächten, Und neigt dem nahen Weltentage Des Innern Hoffnungsstrahlen. …. ….. |
Musik zum Mantra 4 D — belehrend — komponiert von Herbert Lippmann
Musik zum Mantra 49 x — sich aufschwingend — komponiert von Herbert Lippmann
Über die Spiegelsprüche 4 D und 49 x
Die Mantren 4 D und 49 x entsprechen sich vor allem in den ersten beiden Zeilen, danach gar nicht bzw. weit weniger, als die Spiegelspruch-Paare 3 C — 50 y, 2 B — 51 ! und 1 A — 52 z. Dieses Mantren Paar ist individueller. In beiden Mantren steht am Anfang eine Selbstaussage und erst im Nachhinein erfährt der Leser, wer da eigentlich über sich selber spricht. Dann folgt eine Beschreibung der Tätigkeit des Sprechers. Es gibt also — anders als in den anderen erwähnten Mantren und auch den benachbarten Lichtsprüchen 5 E — 48 w — einen sich seiner selbst bewussten Sprecher, den ich als Ich-Sprecher bezeichne. Doch was dann folgt, ist eine Schilderung aus der neutralen Beobachterperspektive analog zu den genannten Mantren.
Im Mantra 4 D spricht die Empfindung über sich selber, im Mantra 49 x die Gedankenklarheit. Die Empfindung bekennt, dass sie sich selber fühlt — das Wesen ihres Wesens. Die Gedankenklarheit fühlt ebenso, doch nicht sich selbst, sondern die Kraft des Weltenseins — das Nicht-Ich, das Außen. Die Empfindung ist das gerade aufkeimende Erleben des eigenen Lebens. Es ist Bewusstsein, das noch nicht Selbstbewusstsein ist und der Welt auch noch nicht erkennend gegenübersteht. Die Gedankenklarheit ist dagegen maximale Bewusstheit. Rudolf Steiner unterscheidet drei Wachheitsstufen der Seele: die Empfindungsseele, die Verstandes- oder Gemütsseele und die Bewusstseinsseele. Ich gehe deshalb davon aus, dass sich im Mantra 4 D die Empfindungsseele ausspricht, im Mantra 49 x die Bewusstseinsseele. Zwischen den Mantren 4 D und 49 x, zwischen der Empfindung und der Gedankenklarheit spannt sich das irdisch-menschliche Bewusstseins auf.
Die Empfindung (4 D) fühlt das Wesen ihres Wesens, sie fühlt, was ihr Wesen ausmacht, den Kern ihrer “Persönlichkeit”. Das Wesen der Empfindung ist es, auf Sinnesreize zu reagieren. Betrachte ich die allseits bekannten fünf Sinne, ist jede Wahrnehmung zunächst ein Reiz, der auf den physischen Körper einwirkt und von diesem empfunden wird. Dadurch entsteht zuvorderst Bewusstsein für das eigene Sein, den eigenen Körper, das eigene, erlebende Innen im Unterschied zum Außen, zur Welt. Dann entsteht eine differenzierende Wahrnehmung, denn Reize können als angenehm oder als unangenehm empfunden werden. Rudolf Steiner nennt dies Lust oder Unlust, die durch die Empfindung erregt werden. Das Treffen dieser Unterscheidung bedeutet eine zweite Selbstwahrnehmung. Das Wesen der Empfindung ist also tatsächlich Selbstwahrnehmung, wie das Mantra sagt.
Die Gedankenklarheit (49 x) fühlt dagegen die Kraft des Weltenseins, das Andere, das Dasein der Welt. Sie fühlt jedoch nicht einfach die Welt, oder das Sein der Welt, sondern die Kraft dieses Welt-Seins. Wir kennen die Muskelkraft des Menschen, die Schwerkraft der Materie, die Kraft des Magnetismus, der Elektrizität oder der Atomkraft. Diesen Kräften ist jeweils eine Wirkrichtung im Raum bzw. eine Veränderungsrichtung eigen. Was ist also die Kraft des Weltenseins? Für mein Dafürhalten ist es die Zeit. Auch sie hat eine Wirkrichtung vom Werden über das Sein zum Vergehen. Die Gedankenklarheit “fühlt” also die Kraft, die es braucht, damit Geist Materie, also Welt wird und ins Sein tritt und auch wieder zurückkehrt zum rein geistigen Zustand. Die Gedankenklarheit “fühlt” damit über die äußere Sinneswahrnehmung hinaus. Sie ist nicht beschränkt auf den Reiz-Reaktions-Erlebnisbereich der Empfindungsseele und auch nicht auf die daran anschließenden verständigen Gedanken, die der Verstandes- oder Gemütsseele eigen sind. Das “Fühlen” der Gedankenklarheit führt über die materielle, durch die Sinne vermittelte Welt hinaus. Und ich erkenne immer mehr, dass die Kraft des Weltenseins, die Zeit — in ihren drei Offenbarungen als Gegenwärtigkeit, zyklische und lineare Zeit — tatsächlich die Grundlage gedanklich klarer geistiger Erkenntnis bildet.
Nun folgt in beiden Mantren, eine Beschreibung der Tätigkeit der sprechenden Instanzen. Die Empfindung (4 D) handelt und interagiert mit dem Außen, die Gedankenklarheit (49 x) gedenkt, erinnert und macht sich den eigenen Entwicklungsgang bewusst. Sie schaut nach innen.
Die Empfindung (4 D) vereint sich mit Lichtesfluten in der sonnerhellten Welt. Die Lichtesfluten sind all die Wahrnehmungen, die auf den Menschen, genauer seine Empfindungsfähigkeit einfluten und ihm die Möglichkeit der Erkenntnis und damit das Erleben inneren Lichtes bringen. Die Wahrnehmungen tragen dieses Licht in sich, weil die Welt durchwoben ist von Weisheit, von Weisheitslicht. Sonnenerhellt ist die Welt, weil das Licht des Bewusstseins sie beleuchtet. Das Bewusstsein strahlt im Wachzustand von allen Menschen aus, sonst hätten sie keine Wahrnehmungen, nur bemerken sie dieses Ausstrahlen in der Regel nicht. Das Licht des Bewusstseins keimt in der Empfindungsseele auf und vereint sich wahrnehmend mit dem in allem Wahrgenommenen verborgenen Weisheitslicht.
Die Gedankenklarheit (49 x) erinnert sich dagegen an die finsteren Weltennächte, in denen ihr geistiges Wachstum stattfand. Was haben geistiges Wachstum und Dunkelheit miteinander zu tun? Geistiges Wachstum zeigt sich durch das Erstarken des inneren Lichtes. Und dieses zunächst schwache Licht braucht die umgebende Dunkelheit, um sichtbar zu werden, Wirkung zu erzielen. Erst ein helles Licht kann auch am Tage leuchten. Denken ist ein Innenprozess, der Konzentration und Fokus benötigt, der das Ausblenden der Sinnesreize, also “Dunkelheit” braucht.
Und noch etwas: Lernen, also geistiges Wachstum findet wesentlich in der Nacht statt. Am Tag werden die neuen Inhalte aufgenommen, in der Nacht, während des Schlafs, werden sie integriert, geordnet und bewertet. Der Geist wächst also tatsächlich nachts. Warum sind es aber Weltennächte? Hier denke ich an die fünftausend Jahre, die das Kali Yuga, das finstere Zeitalter herrschte und laut Rudolf Steiner 1879 zu Ende ging. In der Zeit des Kali Yuga ist die Menschheit klug, intellektuell geworden — ihr geistiges Potential ist massiv gewachsen. Nun stehen wir als Menschheit am Beginn eines neuen Weltentages. Das weiter unten ausgeführte Neigen, von dem das Mantra 49 x in dieser Situation spricht, steht für die Menschheit nun an.
Im nächsten Schritt folgt in beiden Mantren eine aktive Tätigkeit, ausgedrückt durch ein Verb in Präsens mit einer Dativ-Formulierung — einer Hinwendung zu einem Du. Die Empfindung (4 D) will schenken. Sie will dem Denken zur Klarheit, die dem Denken immanent ist, Wärme schenken. Und durch dieses Geschenk will die Empfindung etwas bewirken. Sie will Mensch und Welt in Einheit fest verbinden. Dem klaren, kalten, rationalen Denken, das der Welt unbeteiligt gegenübersteht, mangelt die Gefühlswärme der Empfindung. Die Empfindung steht der Welt nicht gegenüber. Sie vereint sich mit den Lichtesfluten, der einströmenden Wahrnehmung von der Welt. Es ist ihr Wesen, sich hinzugeben mit uneingeschränktem, liebevollem Interesse — allerdings unter einer Bedingung: in der Empfindungsseele darf keine Unlust geweckt werden bzw. Urteile von Lust und Unlust gefällt werden. Die Empfindungsseele muss gereinigt und entwickelt sein. Die Empfindung offenbart sich als das Wesen der Berührtheit, als die Membran zwischen innen und außen. Sie ist das aufkeimende, nach außen strahlende Bewusstseinslicht genauso wie das seelische Empfangsorgan der Sinnesreize. Durch ihr Sein verbindet sie das Innen mit dem Außen — Mensch und Welt.
Die Empfindungsseele (4 D) will. In diesem Wollen der Empfindungsseele kann Selbstbehauptung, Selbstwirksamkeit und aktive Zukunftsorientierung gesehen werden. Sie will selber etwas. Durch diesen Eigenwillen wird sie schuld- und schicksalsfähig.
Die Gedankenklarheit (49 x) will nicht etwas, so wie die Empfindung. Sie strebt keinem Ziel zu, sondern neigt sich. Sie neigt die Hoffnungsstrahlen dem nahen, dem kommenden Weltentag. Was sind die Hoffnungsstrahlen? Ist es das Licht des Bewusstseins, das mit der Gedankenklarheit an eine Grenze des Erkennens gekommen ist? Sind die Hoffnungsstrahlen das Bewusstsein selbst, das dem Menschen immer wieder schwindet, z. B. wenn er schläft, also das Bewusstsein, das hier im Moment seines Untergangs erscheint? Sind die Hoffnungsstrahlen das Licht der Gegenwärtigkeit, die ihren unvermeidlichen, eigenen “Tod” kennt? Neigen sich die Hoffnungsstrahlen wie die untergehende Sonne? Und hoffen diese Strahlen deshalb auf ihren neuen Sonnenaufgang? Obwohl die Hoffnungsstrahlen (49 x) und die Lichtesfluten (4 D) nicht an paralleler Stelle stehen und von der Form her nicht spiegeln, zeigen diese beiden Licht-Worte komplementär sich ergänzende Lichtqualitäten. Die vom Zentrum ausstrahlenden Hoffnungsstrahlen erinnern an das in den Umraum ausstrahlende Bewusstseinslicht der Gegenwärtigkeit. Die Lichtesfluten lassen dagegen an einen Strom aus Licht denken, der wie die verstreichende Zeit dahinströmt und alle Wahrnehmungen mit sich bringt.
Die Gedankenklarheit (49 x) neigt die von innen ausstrahlenden Hoffnungsstrahlen vor dem nahenden Weltentag. Das Erwachen in der Gegenwärtigkeit hatte dem Menschen den Fall aus dem kosmischen Bewusstsein in das gewöhnliche irdische Bewusstsein gebracht, begleitet von Hochmut. Ein Zurück gibt es nicht, doch gerade die Gegenwärtigkeit trägt die Möglichkeit zur Transzendenz in sich. Das Jetzt ist das Nadelöhr: denn anders als Vergangenheit und Zukunft ermöglicht die Gegenwart Handlung. Die Gegenwart hat eine höhere Realität, denn sie ist der einzige Zeitraum, in dem der Mensch frei ist, wenn er sich dessen bewusst wird. Und es ist immer gerade Jetzt.
Das Jetzt, ein winziger Zeitraum, der erfüllt ist mit dem Licht des Bewusstseins, bildlich vorgestellt als einer kleinen Sonne, zeigt sich verwandt mit dem Jahreskreis, dem viel größeren Zeitraum, in dessen Mitte die geistige Sonne vorgestellt werden kann. Das Jetzt ist vergleichbar dem Samen, jeder größere Zyklus wie z.B. der Tag-Nacht Zyklus und der Jahreskreis ist dazu die entwickelte Pflanze. Gegenwärtigkeit birgt deshalb die Hoffnung auf das Wiedererringen des kosmisch-paradiesischen All-Bewusstseins. Dieses Ewigkeits-Bewusstsein schließt Vergangenheit und Zukunft ein wie dies auch der Jahreskreis tut, sofern das Jahr noch nicht zur Gänze durchlebt ist. Das Neigen der Hoffnungsstrahlen verstehe ich deshalb als eine dem Hochmut entgegengesetzte Geste der Demut. Die Hoffnungsstrahlen neigen sich vor dem herannahenden Weltentage — vor dem viel größeren zyklischen Zeitraum — vor der größeren Sonne.
Die Empfindung (4 D), die Lebensäußerung, die jedem belebten und beseelten Wesen eigen ist, vereint sich mit den Lichtesfluten und somit — im oben ausgeführten Sinne — auch mit der in der Welt strömenden Zeit. Sie ist ein sich selbst fühlendes, Wesen mit eigenem Willen, das wie jedes Lebewesen mit dem Strom der äußeren Zeit verbunden ist. Die Gedankenklarheit (49 x), das klare Bewusstseinslicht fühlt nicht sich selbst, sondern die Kraft des Weltenseins. Die Gedankenklarheit ist also mit der Welt verbunden, wie es die Empfindung für den Menschen anstrebt. Die Gedankenklarheit will auch nicht selber etwas, sondern neigt ihr Hoffnung tragendes Licht vor dem größeren Licht des Weltentages. Die mit der Zeitlichkeit verbundene Empfindung (4 D) will Mensch und Welt verbinden, denn nur durch die Verbindung des mikrokosmischen Menschen mit der für den Makrokosmos stehenden Welt kann die Empfindung ihre an die Zeit gebundene Sterblichkeit überwinden. Die Gedankenklarheit (49 x) ist dagegen im Besitz eines in Weltennächten größer gewordenen Geistes. Sie steht am Tor eines neuen Weltentages, einer vollkommen neuen Bewusstseinsmöglichkeit. Ein neuer Weltentag ist eine neue Schöpfung. Vor dieser neigt die Gedankenklarheit ihr Licht, hoffend, dass sie erwürdigt wird, diesen Weltentag auch zu erleben.
Das Seitenhöhlchen
Das Mantra 49 x erweckt in mir stets die Vorstellung einer dunklen Höhle, an deren Eingang der Ich-Sprecher, die Gedankenklarheit steht — die finsteren Weltennächte hinter ihm und der nahe Weltentag vor ihm. Nun habe ich entdeckt, dass es im 18. Jahrhundert insbesondere bei der Herrnhuter Brüdergemeine eine große Verehrung des “Seitenhöhlchens”, also der Seitenwunde Christi gab.
Im Evangelium erfahren wir nur von Johannes (19; 33–37), wie der Soldat mit einer Lanze die Seite Christi öffnete, um den Tod festzustellen. Auf Bildern der Kreuzigung ist diese Wunde stets auf der rechten Körperseite Jesu. Doch warum?
Im Buch des Propheten Ezechiel (Hes 47,1 ff EU) wird beschrieben, dass unter der rechten Seite des Jerusalemer Tempels ein Strom göttlicher Gnade hervorquillt, was als Vorausdeutung des Erlösungstodes Jesu am Kreuz gedeutet wird. Gleichzeitig verbindet die Seitenwunde auf seiner rechten Seite Christi Tod mit der Leberwunde des Prometheus. Hier fraß der Adler, als Prometheus an den Felsen geschmiedet war, weil er das Feuer vom Himmel geraubt hatte. Und die Leber ist im Körper rechts.
Der Kirchenlehrer Augustinus sah in der Seitenwunde, aus der Blut und Wasser, Taufe und Abendmahl, d.h. die Kirche hervorgingen, eine Entsprechung zur Erschaffung Evas aus Adams Rippe. Sinngemäß sagt er: Christus schlief am Kreuz (cum dormiret in cruce), als seine Seite mit der Lanze geöffnet wurde. So wurde die Kirche als Braut Christi geboren, entsprechend wie Gott aus dem schlafenden Adam, dem sterblichen Menschen, Eva aus seiner Seite erschuf. Und Hildegard von Bingen sagt: „Als Christus Jesus, der wahre Sohn Gottes, am Leidensholze hing, wurde ihm die Kirche in der Verborgenheit der himmlischen Geheimnisse vermählt, und sie empfing als Hochzeitsgabe sein purpurfarbenes Blut.“
Damit wird die Seitenwunde der Ort der Neuschöpfung, der Quellort unsterblichen Lebens. Wurde in mittelalterlichen Darstellungen das Blut durch einen von Engeln gehaltenen Kelch aufgefangen, finden sich in der Reformationszeit Kreuzigungsdarstellungen (z.B. Lucas Cranach d. J. 1555), auf denen das Blut im hohen Bogen auf die dabeistehenden Menschen fließt, wodurch ausgedrückt wird, dass jeder Mensch ohne Vermittlung der Kirche Anteil hat an der Heilstat Christi.
Die Seitenwunde wurde allegorisch verstanden zum Zufluchtsort. Nikolaus von Zinzendorf stellte 1747 das „Höhlchen“ ins Zentrum der Frömmigkeit. Es wird nun in vielen Kirchenliedern als schützender Zufluchtsort imaginiert, in dem die Christen wohnen, schlafen, essen, arbeiten und spazieren gehen.
Verständlich wird diese Imagination, wenn die Gegenwärtigkeit als dieser Ort betrachtet wird. Das Bewusstsein, das aus dem Herzen ausstrahlt, stammt aus der Dunkelheit, aus der Höhle des Herzens und ist deshalb auch durch das Blut ausgedrückt. Im Kelch ist unschwer die zyklische Zeit, das “Gefäß” des sich stetig wandelnden Lebens zu erkennen, in der Lanze die lineare Zeit, denn nur aus ihrem sich niemals wiederholenden Wesen kann der einmalige Moment geboren werden, der in der Gegenwärtigkeit erlebt wird. Wird Gegenwärtigkeit bewusst, ist der Moment schon vorbei, der Augenblick des Lebens bereits “gestorben”. Durch die Lanze wird der Tod festgestellt, aus dem das neue Leben quillt, denn die Gegenwart ist eine höhere Realität als Vergangenheit und Zukunft. Nur hier kann Schöpfung geschehen, Handlung stattfinden. Im Bild des Seitenhöhlchens als Zufluchtsort verbirgt sich die Erfahrung, dass die Gegenwart, das Gegenwärtig-sein, schützt vor Zukunftsängsten und dem Hadern mit der Vergangenheit.
Im Mantra 49 x zeigt sich der Aspekt der dunklen Höhle, im Mantra 4 D, in den Lichtesfluten, der Strom neuen Lebens und Bewusstseins, der Erfahrung des Jetzt.
Lebenspanorama und Tunnel-Erlebnis in den Nahtoderfahrungen und die zyklische und lineare Zeit
Heute ist bekannt, dass Nahtoderfahrungen zwar stets individuell sind, ihre hauptsächlichen Merkmale sich jedoch wiederholen. Es zeigte sich die gleiche Grundstruktur unabhängig von ihrer Kultur, Religion und ihrem Bildungsgrad. Zu diesen immer wieder beschriebenen Erlebnissen zählt das sich lösen von der physischen Hülle und sich darüber schwebend erleben, das Lebenspanorama, in dem das bisherige Leben überblickt wird und das Tunnel-Erlebnis, das auch vor dem Lebenspanorama liegen kann. Ist das Lebenspanorama von Gleichzeitigkeit geprägt, von einem Umgeben-sein von allen bisherigen Erlebnissen, so das Tunnel-Erlebnis von einer linearen Bewegung auf ein Ziel zu. Oft wird ein Sog beschrieben und das Ziel als ein Licht. Dann folgt das Eintreten in dieses Licht, das auch als eine göttliche Macht erlebt werden kann. Immer wird berichtet von unbeschreiblicher Liebe, vom Gefühl, vollständig mit allen Unzulänglichkeiten angenommen zu sein, von aller Schuld reingewaschen und endlich zu Hause angekommen zu sein.
Aufgrund der Ähnlichkeit dieser Erlebnisse liegt die Vermutung nahe, dass sie menschenkundlich und nicht kulturell begründet sind. Christoph Hueck beschreibt in seinem Vortrag “Nahtoderfahrungen als Einweihungserlebnisse”, dass das Lebenspanorama Ergebnis der Loslösung des Ätherleibs aus dem physischen Körper ist, denn die Erinnerungen werden im Ätherleib bewahrt. Er sagt auch, dass die gesamte geistige Forschung Rudolf Steiners als selbst induzierte Nahtodeserlebnisse verstanden werden können. Das legt nahe, dass das Tunnel-Erlebnis ein Vorblick auf das nach drei Tagen nach dem Tod beginnende, bis zur Geburt sich zurückspulende zweite Durcharbeiten des Lebens ist, an dessen Ende der irdische, “menschliche” Teil des Astralleibs abgelegt wird, wie der Ätherleib am Ende der drei Tage nach dem Tod dem Weltenäther zurückgegeben wird.
Im Folgenden will ich Rudolf Steiner selber zu Wort kommen lassen: “Ein Lebenspanorama, ein Lebensbild, welches dasjenige, was sonst in der Zeit nacheinander gefolgt ist, in einem Gewebe uns darstellt, das aus Äther geflochten ist. Das alles, was wir da sehen, lebt im Äther. Vor allen Dingen empfinden wir dasjenige, was da um uns herum ist, als lebendig. Es lebt und webt alles darinnen. Dann empfinden wir es als geistig tönend, als geistig leuchtend und auch als geistig wärmend. Dieses Lebenstableau schwindet, wie wir wissen, schon nach [etwa drei, A.F.] Tagen.” (GA 168, S. 74)
Das Lebenstableau ist also von Gleichzeitigkeit geprägt. Das Leben wird als ein Zeitraum im Ganzen erfasst als ein imaginatives, lebendiges vielgestaltiges Bild. Die Zeit als Raum und damit die zyklische Zeit scheint mir die Grundlage zu bilden. Was danach folgt, hat linearen Charakter. Hier ist der Astralleib im Fokus: “Im Ablegen des Ätherleibes ist ein Lebenstableau, bei dem wir das ganze Leben gleichzeitig haben. Das Zurückleben, das ist ein wirkliches Durchleben desjenigen, was wir angerichtet haben, im Rückwärtsgehen. Und wenn wir also rückwärtsgegangen sind bis zu unserer Geburt, dann sind wir reif geworden, auch von unserem astralischen Leib dasjenige abzulegen, was von ihm vom Irdischen durchtränkt ist.” (GA 168, S. 79) Die lineare Zeit in Gestalt des Zeitstroms aus der Zukunft wird hier erkennbar als die den Prozess tragende Kraft. Da Nahtoderlebnisse niemals so lange dauern, dass der Ätherleib wirklich abgelegt wird, kann das Tunnelerlebnis nur eine Vorahnung sein von dem oben beschriebenen Zurückleben bis zur Geburt. Tatsächlich kann der Durchgang durch den Tunnel auch vor dem Lebenspanorama erlebt werden. Der lineare Charakter des Tunnels ist unbestritten. Lässt sich auch das Licht, das so häufig an seinem Ende erfahren wird, dadurch verstehen? Ich denke, es ist eine vorweggenommene Erfahrung des gereinigten, sonnengleichen Astralleibs, der eigenen Vorgeburtlichkeit. Deshalb wir dieses Erleben oft auch als ein Ankommen beschrieben.
In den Nahtoderfahrungen bleibt das Bewusstsein des eigenen Selbst erhalten. Rudolf Steiner beschreibt, was die Grundlage dieses Ich-Bewusstseins ist über die ganze nachtodliche Zeit bis zu einer neuen Geburt: “Von der anderen Seite, von der geistigen Seite her, wenn zurückgeschaut wird zum Moment des Todes, erscheint der Tod immerfort als der Sieg des Geistes, als das Heraus-sich-Winden des Geistes aus dem Physischen. Da erscheint er als das größte, herrlichste, als das bedeutsamste Ereignis. Und außerdem entzündet sich an diesem Ereignisse dasjenige, was unser Ich-Bewußtsein nach dem Tode ist. Wir haben in der ganzen Zeit zwischen dem Tode und einer neuen Geburt nicht nur in ähnlichem, sondern sogar in einem viel höheren Sinne ein Ich-Bewußtsein als hier im physischen Leben. Aber dieses Ich-Bewußtsein würden wir nicht haben, wenn wir nicht immerfort zurückblicken könnten, sehen würden, aber von der anderen Seite, von der geistigen Seite, diesen Moment, in dem wir uns herausgerungen haben mit unserem Geistigen aus dem Physischen.” (GA 168, S. 72) In diesem Erleben lässt sich die Gegenwärtigkeit, die dritte Erscheinungsform der Zeit erkennen, denn Gegenwärtigkeit herzustellen bedeutet, den eigenen Geist ein Stück herauszuheben aus dem physischen Leib, zum eigenen Beobachter zu werden.
Wie die zyklische und lineare Zeit die Grundlage bilden für das Leben auf der Erde, damit der Mensch sein Bewusstsein entwickeln und seine Kraft der Gegenwärtigkeit ausbilden kann, so bilden diese drei Bilder der Zeit die Grundlage des nachtodlichen Seins, von dem die Nahtoderlebnisse nur eine Vorahnung geben. Die drei Erlebnisdimensionen der Zeit bilden hüben wie drüben das tragende Fundament.
