
Die spiegelnden Lichtspruch-Mantren 5 E und 48 w
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5 E Im Lichte, das aus Geistestiefen Im Raume fruchtbar webend Der Götter Schaffen offenbart: In ihm erscheint der Seele Wesen Geweitet zu dem Weltensein Und auferstanden Aus enger Selbstheit Innenmacht.
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48 w Im Lichte, das aus Weltenhöhen .…. Der Seele machtvoll fließen will, Erscheine, lösend Seelenrätsel, Des Weltendenkens Sicherheit, Versammelnd seiner Strahlen Macht, Im Menschenherzen Liebe weckend. ….. |
Musik zum Mantra 5 E — zärtlich — komponiert von Herbert Lippmann
Musik zum Mantra 48 w — heiter-ernst — komponiert von Herbert Lippmann
Über die spiegelnden Lichtsprüche 5 E und 48 w
Im Fluss der Seelenkalender-Mantren durch das Jahr heben sich vier als die sogenannten Lichtsprüche heraus. Da sie in gewissem Sinne eine Einheit bilden, will ich einleitend diese Vierheit charakterisieren. Die vier Lichtsprüche sind zum einen die spiegelnden Mantren 5 E und 48 w und zum anderen die ebenfalls untereinander spiegelnden Mantren 22 V und 31 e. Ihnen allen ist gemeinsam, dass sie vom Licht handeln. Alle vier Lichtsprüche sind reine Beschreibungen von Vorgängen. Eine bewusst erkennende, handelnde Instanz, einen bewussten Ich-Sprecher, wie ich diese Instanz nenne, gibt es nicht.

Die vier Lichtsprüche im Seelenkalender-Jahreskreis
Die hier zu betrachtenden Mantren 5 E und 48 w beschreiben, was im Licht erscheint — also das Beleuchtete. Das andere Spiegelspruch-Paar (22 V und 31 e) handelt dagegen von den Lichtquellen selber. Das Licht des Mantras 5 E stammt aus Geistestiefen, so wie auch das Licht des diagonal gegenüberliegenden Mantras 31 e aus Geistestiefen strahlt. Diese beiden Mantren weisen außerdem den gleichen Buchstaben (E, e) auf — sie sind Gegensprüche. Das Mantra 31 e wendet den Blick der Lichtquelle zu, der Leser steht dem Licht “gegenüber” und lernt diese Lichtquelle — das Licht aus Geistestiefen — kennen. Im Mantra 5 E wird die entgegengesetzte Blickrichtung eingenommen. Der Leser “steht” mit der Lichtquelle im Rücken und schaut, was dieses Licht bewirkt, was es beleuchtet und dadurch in diesem Licht erscheint.
Das ist bei den anderen beiden diagonal gegenüberliegenden Mantren anders. Im Mantra 22 V wird das Licht beschrieben, das aus Weltenweiten stammt, doch ein von dieser Lichtquelle Beleuchtetes tritt im Seelenkalender nicht auf. Das Licht, das im Mantra 48 w die geschilderten Zusammenhänge beleuchtet, stammt dagegen aus Weltenhöhen und damit von einer dritten Lichtquelle, die wiederum im Seelenkalender nicht näher charakterisiert wird. Dementsprechend ist in den Mantren 22 V und 48 w kein durchgehender Lichtstrahl zu erkennen. Dies wird auch dadurch unterstrichen, dass diese Mantren unterschiedliche Buchstaben aufweisen und deshalb keine Gegensprüche sind.
Im Spiegelspruch-Paar 5 E und 48 w ist ein gegensätzlicher Lichtstrom vorhanden: Im Mantra 5 E strahlt das Licht aus der Tiefe — und damit nach oben. Im Mantra 48 w strahlt das Licht aus der Höhe — und damit nach unten. Auch das Spiegelspruchpaar 22 V und 31 e zeigt eine Gegensätzlichkeit: Das Licht im Mantra 22 V strahlt aus Weltenweiten, also aus dem Umkreis zum Zentrum. Das Licht im Mantra 31 e stammt, wie schon erwähnt aus Geistestiefen, doch wird danach gesagt, dass es nach außen strebt, dass es sonnenhaft leuchtet. Dieses Licht ist also ein vom Zentrum ausstrahlendes Licht, wie wir es von der Sonne kennen. Das Licht aus Weltenweiten entspricht am ehesten der Gesamtheit des Sternenlichts, das die Erde umgibt — auch wenn der volle Umkreis nie gleichzeitig sichtbar ist.
Das im Mantra 5 E aufwärts und im spiegelnden Mantra 48 w abwärts strahlende Licht entstammt diametral entgegengesetzten Lichtquellen. Im Mantra 5 E stammt das Licht aus der Tiefe — und zwar der Tiefe des Geistes. Im Mantra 48 w stammt das Licht aus der Höhe — und zwar der Höhe der Welt. Das kann verwundern, ist doch in der naiven Vorstellung die Welt, also die Erde, auf der wir stehen das, was unter uns ist — die Tiefe. Der Geist ist dagegen mit dem Himmel, also mit der Höhe verbunden. Doch hier ist es umgekehrt. In beiden Mantren steht die Ortsangabe in der Mehrzahl: das Licht stammt aus einer Vielzahl von Tiefen bzw. Höhen. Ins Bild übertragen stammt das Licht aus vielen Tälern bzw. von vielen Berggipfeln. Was sind die Täler des Geistes — die Geistestiefen? Und was ist mit den Berggipfeln der Welt gemeint — den Weltenhöhen?
Zunächst zu den Weltenhöhen (48 w), den Bergen als gemeinschaftlicher Lichtquelle. Rudolf Steiner sagt im Zusammenhang mit der Bergpredigt (Matthäus 5): “Gewöhnlich wird darunter eine Predigt verstanden, die Jesus von einem Berge herunter an das Volk gehalten hätte. Aber «auf den Berg gehen» ist ein Schlüsselwort, das sich in allen Geheimsprachen findet und uralt ist […] «Auf den Berg gehen» bedeutet: Ins tiefste Mysterium gehen und Worte lehren, welche die Jünger dann wieder zum Volke sprechen.“ (Lit.:GA 97, S. 94) Die Weisheit, die sich in der Bergpredigt ausspricht, könnte also als “Licht aus Weltenhöhen” bezeichnet werden. Das Thema der Bergpredigt in den Seligpreisungen ist die moralische Entwicklung des Menschen. Von nun an zählt, was er durch sein Ich sich erwirbt und in der Welt leistet, um damit in den Himmel aufzusteigen, die Weisheit aus der Höhe zu erhalten. Rudolf Steiner lässt den Christus diese neue Botschaft folgendermaßen aussprechen: “Bisher durftet ihr nicht an euer Ich appellieren; jetzt aber könnt ihr durch das, was ich euch geboten habe, die Reiche der Himmel euch durch die Kraft des Inneren, durch die eigene Kraft des Ich nach und nach aneignen. — Der ganze Geist der Bergpredigt ist durchhaucht von dem neuen Impuls der Ichheit des Menschen.“ (Lit.:GA 123, S. 184ff) Durch den Christus hat eine neue Zeit begonnen. Eine neue Sonne scheint dem Menschen von der Höhe — ein neues Leben schenkend. Durch die auf der Erde vollbrachten Taten des Christus ist es für den Mensch nun möglich, durch eigene Erdenerfahrung das Licht der Höhe zu erreichen.
Und die Täler des Geistes, die Geistestiefen (5 E)? Den aus der Tiefe aufsteigenden Geist konnte ich im Mantra 31 e als das Bewusstsein des Menschen beschreiben, das sich laut Rudolf Steiner im Herzen durch die Ätherisation des Blutes bildet und in den Kopf und darüber hinaus aufsteigt. Die Lebenskraft des Blutes wandelt sich mit jedem Herzschlag, mit jedem Tal dieses Zyklus durch latente Absterbeprozesse in Bewusstseinslicht — Materie wandelt sich in Geist, Geisteslicht aus der Tiefe. Das Licht aus Geistestiefen ist deshalb das Licht des Exkarnationsstromes.
Dadurch wird auch das Licht aus Weltenhöhen (48 w) nochmals klarer, denn dem Exkarnationsstrom steht der Inkarnationsstrom, der Strom der Leben schenkenden Kraft entgegen. Der Christus spricht in der Bergpredigt neun Seligpreisungen aus, die sich Rudolf Steiner folgend auf die neun Wesensglieder des Menschen beziehen. Sie beziehen sich auf die von “außen” sichtbare Leibnatur, die den Resonanzraum bildet für den neuen Klang des Ichs. “Das, was in einer solch bedeutsamen Epoche der Menschheit geschieht, das geschieht immer für den ganzen Menschen. Wenn auch nur ein einziges Glied seines Wesens ergriffen wird, so klingen doch alle andern mit. Alle Glieder des Menschen: der physische Leib, der ätherische Leib, die Empfindungsseele, Verstandes- oder Gemütsseele, die Bewußtseinsseele, das Ich, die höheren Seelenglieder sodann, sie leben auf durch die Nähe der Himmelreiche. Diese Lehren stimmen überein mit den großen Lehren der Urweltweisheit.“ (Lit.: GA 118, S. 145) (Die neungliedrige Natur des Menschen ist: physischer Leib, Ätherleib, Astralleib, Empfindungsseele, Verstandes- oder Gemütsseele, Bewußtseinsseele, Geistselbst, Lebensgeist, Geistmensch. Dem steht die siebengliedrige Folge der Wesensglieder gegenüber, die statt der drei Seelen das Ich nennt, ansonsten aber identisch ist.)
Jeder Prozess geht durch Stufen. Die Edda, das nordische Weisheitsbuch, spricht von neun Welten und neun Ästen des Weltenbaumes, der Esche Yggdrasil: “Neun Welten kenn ich, neun Äste weiß ich — Am starken Stamm im Staub der Erde.” (Völuspâ 2) Auch den Seligpreisungen der Bergpredigt liegt laut Rudolf Steiner das neungliedrige Menschenbild zu Grunde. Deshalb scheint mir der Abstieg des Lichtes gemäß des neungliedrigen Menschenbildes durch neun “Reiche” zu gehen. Der Aufstieg dagegen vollzieht sich, wie die Lehre der sieben Chakren und der Kundalinikraft zeigt, gemäß des siebenstufigen Menschenbildes.
Und nochmals will ich auf die drei Lichtquellen zurückkommen. Das sind: das Licht aus Weltenweiten (22 V), das Licht aus Geistestiefen (31 e, 5 E) und das Licht aus Weltenhöhen (48 w). Um welche Lichter handelt es sich hier? Wer sind die Wesen, deren Licht im Seelenkalender erscheint? Wem begegnen wir durch das jeweils ausgesendete Licht? Im Blog-Artikel zu den Spiegelsprüchen 6 F — 47 v habe ich über die drei Logoi, die dreifache Logoskraft geschrieben. Anschließend an diese Ausführungen lassen sich die drei Lichtquellen als diese drei Logoi, als Vater, Sohn und Heiliger Geist erkennen. Das Licht aus Weltenweiten, das zum Seelenlicht wird (22 V), ist das Licht, das der Vatergott dem Sohnesgott hinopfert, seine Liebe. Dieses Licht leuchtet in die Geistestiefen, um Früchte zu entbinden. Diese Früchte lassen das Menschenselbst aus dem Weltenselbst durch den Zeitenlauf herausreifen. Dieses Licht ist das ursprünglich Schöpferische. Das Licht aus Geistestiefen ist das Licht des Sohnes. Ein zweifaches ist in diesem Sohn laut Rudolf Steiner: das angenommene Leben und die unmanifestierte schöpferische Substanz. Im Licht aus Geistestiefen, das zur Lebenswillenskraft (31 e) wird, lässt sich das Leben des Sohnes erkennen, im Licht aus Geistestiefen, das im Raum fruchtbar webt (5 E) die schöpferische Ursubstanz. Und schließlich ist das Licht aus Weltenhöhen (48 w), das der Seele machtvoll fließen will und in dem die Sicherheit des Weltendenkens erscheint, das Licht des Heiligen Geistes. Da Rudolf Steiner den dritten Logos dreiteilig beschreibt, als wahres, nun differenziertes Bild des Vaters, kann auch der ganze Jahreskreis mit allen drei Lichtquellen als Ausdruck des Heiligen Geistes betrachtet werden.

Die drei Lichtquellen als die drei Logoi
Doch nun zurück zu den beiden Spiegelsprüchen 5 E und 48 w. Nach der Benennung der Lichtquellen wird in beiden Mantren beschrieben, was in dem jeweiligen Licht erscheint. Das Phänomen der grammatischen Entsprechung, das in der ersten Zeile überdeutlich war, nimmt nun rapide ab, inhaltliche Entsprechungen gibt es aber bis zum Schluss.
Im Licht aus Geistestiefen (5 E) erscheint das Wesen der Seele. Dies wird als Tatsache dargestellt. Doch das, was im Licht aus Weltenhöhen (48 w) erscheint, wird als ein Zukünftiges, zu Erwartendes, Herbeizurufendes beschrieben. Es ist die Sicherheit des Weltendenkens. Ein Gefühl — das Gefühl der Sicherheit — soll sich also einstellen. Dieses Gefühl der Sicherheit braucht etwas, worauf es sich bezieht, woraus es ersteht, geboren wird. Und das ist das Weltendenken. Die Schöpfungssicherheit, wie sie in der Welt zu beobachten ist, die alle Lebewesen weisheitsvoll erschafft, soll auch in der Seele erscheinen.
Doch vorher, bevor in den Mantren das Beleuchtete, das, was in dem jeweiligen Licht erscheint, genannt wird, gibt es weitere Informationen zum Geschehen. Das Licht aus Geistestiefen (5 E) webt fruchtbar im Raum und offenbart dabei das Schaffen der Götter. Eine der Tätigkeiten des Lichtes ist weben. Dieses Verb steht in der Verlaufsform (webend) und verdeutlicht damit ein zeitliches Geschehen des Lichtes, das im Raum wirkt. Hier fragt sich, wie dieses Weben des Lichtes im menschlichen Bewusstsein auftaucht. Es ist die Zeit, die das Prozessuale, das in ständiger Veränderung Begriffene zur Erscheinung bringt. Deshalb lässt sich sagen, die Zeit als zyklisches Geschehen webt im Raum. Die Zeit bringt die im Jahreslauf auftretenden Veränderungen der Naturprozesse im äußeren Raum hervor. Und zu diesem webenden Erschaffen gehört gleichermaßen das Vergehen, der Herbstprozess. Das Schaffen gleich mehrerer Götter offenbart sich in diesem Weben. Ich denke dabei an die Dreiheit indischer Götter: Brahma, der Erschaffer, Vishnu, der Erhalter und Shiva, der Zerstörer. Die Herrscher über die drei Zeiträume, Zukunft, Gegenwart und Vergangenheit sind übermenschlicher, göttlicher Natur. Das Licht aus Geistestiefen als der aufsteigende Strom der Vergeistigung wirkt als Zeit im Raum und offenbart die Göttlichkeit der drei Zeiträume. Dies geschieht fruchtbar, also für die Zukunft wirksam, Frucht schaffend. In diesem göttlich schaffenden, raum-zeitlichen Zusammenhang erscheint das Wesen der Seele.
Vom Licht aus Weltenhöhen (48 w) wird gesagt, dass es der Seele fließen will. Dieses Wollen weist zum einen auf zukünftiges Geschehen, zum anderen steht hinter jedem Wollen ein Wesen mit entsprechender Willensausrichtung. Das Licht will von der Höhe abwärts strömen wie ein Fluss fließt. Sein Ziel ist die Seele. In diesem Mantra steht also nicht der Raum und das Geschehen im Raum im Fokus, wie im Mantra 5 E, sondern die Zeit, die sich in den Seelenraum wie in einen Ozean als Zielort ergießt — und zwar aus der Zukunft. Es handelt sich im Mantra 48 w um den Zukunftszeitstrom der laut Rudolf Steiner dem Vergangenheits-Zeitstrom (der von der Ursache zur Wirkung strömt) entgegenwirkt und alles was in der Gegenwart geschieht auf ein Zukunftsziel hin ordnet. In diesem, aus der zukünftigen Vollendung gespeisten Zukunfts-Lichtstrom kann die Sicherheit des Weltendenkens erscheinen. Ich verstehe hier, dass im Bewusstsein, das gerne mit dem Ozean verglichen wird, die Sicherheit erscheint, im Besitz der vollumfänglichen Weisheit der Welt zu sein, ihrer Kompetenz der denkend schöpferischen Gestaltung. Im Zuge dieser erscheinenden Sicherheit lösen sich selbstredend alle Zweifel, Fragen und Rätsel — alle Seelenrätsel. Ein Rätsel ist etwas, dessen Entstehung nicht erklärt werden kann, dessen Ursache nicht erkennbar ist. Ursachen, die sich aus dem Ziel ergeben, bleiben deshalb solange Rätsel, bis der Zeitstrom aus der Zukunft hinzugenommen wird zum allseits bekannten Zeitstrom aus der Vergangenheit. Dann erscheinen rätselvolle Situationen in der Gegenwart als die Vorbereitung auf dieses Zukunftsziel, als das notwendige Training vor der Goldmedaille, als die zu erbringenden Hausaufgaben vor dem Erreichen eines bestimmten Bildungsgrades.
Nach der Beschreibung, was jeweils im Licht erscheint, folgt im Mantra 5 E eine genauere Beschreibung, wie das Wesen der Seele in dem Licht aus Geistestiefen erscheint. Im Mantra 48 w folgen weitere Taten des Lichtes aus Weltenhöhen. Damit zeigt sich das Mantra 5 E als Beschreibung eines wahrnehmbaren Jetzt, einer Wahrnehmung im geistigen Raum. Das Mantra 48 w legt dagegen den Schwerpunkt auf einen zeitlichen Prozess. Dieser Eindruck wird unterstrichen durch drei Verlaufsendungen: lösend, versammelnd, weckend. Im Mantra 5 E gibt es nur eine solche Endung, “webend”, die hier ebenso das Wirken der Zeit verdeutlicht. Die beiden ersten Verben in der Verlaufsform im Mantra 48 w sind “lösend” und “versammelnd”. Hiermit sind gegensätzliche Prozesse beschrieben, die als Ballen (versammelnd, verdichtend) und Spreizen (lösend, auflösend) in der Ein- und Ausatmung wiedergefunden werden können. Obwohl die Atmung dem Bewusstsein näher liegt als der Pulsschlag des Herzens, sind sie doch vegetative, auch im Schlafzustand sich vollziehende Prozesse. Aus dieser Unbewusstheit wachrüttelnd lautet das dritte Verb in Verlaufsform “weckend”.
Wie erscheint also das Wesen der Seele im Licht aus Geistestiefen (5 E)? Das Wesen der Seele ist geweitet zum Weltensein. Das durch die Ätherisation des Blutes entstehende Bewusstseinslicht verleiht dem Menschen seine Wahrnehmungsfähigkeit. Dadurch weitet sich sein Bewusstsein über die Eigenwahrnehmung hinaus. Seine Seele ergießt sich in die Welt, indem die Welt sinnlich wahrgenommen wird und die Wahrnehmung von der Seele mit Gefühlen beantwortet wird. Das Wesen der Seele ist also nicht nur das Innensein, sondern auch das Weltensein, das alles Wahrgenommene einschließt. Durch diese für uns ungewohnte Denkart erscheint die Seele radikal geweitet. Und noch etwas geschieht dadurch. Die Seele ist fortan nicht auf den physischen Körper begrenzt, den sie im Leben bewohnt. Sie ist genauso Weltensein — und dadurch auferstanden. Die Seele steht nun nicht mehr der Welt gegenüber als abgegrenztes Eigenwesen, als eine Selbstheit, durch den sie beherbergenden physischen Körpers definiert, sondern sie ist eins mit der Welt — sie ist ebenso gut die wahrgenommene Welt wie der eigene Körper. Sie ist auferstanden aus der Enge der Innenmacht, die das Sein einer Selbstheit mit sich bringt.
Das Licht aus Weltenhöhen (48 w) fließt wirkend weiter, nachdem die Sicherheit des Weltendenkens darin erschienen ist. Dieses Licht ist so gewaltig, dass die ausdenkende, Schöpfung initiierende Schöpfermacht, die keinerlei Zweifel kennt, darin aufleuchten konnte. Nun versammelt dieses große, gewaltige Licht die Macht seiner Strahlen. Es konzentriert sie im Herzen des Menschen. Das aus der Vollmacht der zukünftigen Vollendung erschaffende, aus Weltenhöhen stammende Licht zieht all seine Macht im Menschenherzen zusammen, wie die Pflanze ihre Hervorbringungsmacht im winzigen Samenkorn konzentriert. Und diese Versammlung der ungeheuren Machtfülle im Menschenherzen verfolgt ein Ziel: die Liebe zu wecken. Liebe ist eine ausstrahlende, sich verbindende Macht. Das Licht aus Weltenhöhen hat das Ziel, den Samen für die Umkehr seiner herabfließenden Bewegung zu legen. Das herabstrahlende, das Weltendenken zur Erscheinung bringende Licht aus Weltenhöhen, soll die Möglichkeit erhalten, wieder aufzusteigen. Das Licht, das auf die Erde führt und die Inkarnation bewirkt, dieses Licht legt auch den Grundstein für die dadurch notwendig werdende Aufwärtsbewegung. Dies geschieht durch die Erweckung der Liebe. Sie bildet die Grundlage der Rückverbindung, für den Wiederaufstieg, die vergeistigende Exkarnation. Die Liebe, die der Vatergott als sein Leben dem Sohn hingeschenkt hat, soll nun im Menschen erwachen. Dadurch wird der Mensch zum Schöpfer.
In den Mantren 5 E und 48 w ist die Begegnung mit den zwei Säulen, auf denen das Leben beruht, beschrieben. Im Mantra 48 w steht die Säule des Makrokosmos vor dem Leser, die voller Weisheit das Leben schenkt und mit dem Abstieg auch die Voraussetzung schafft zum Wiederaufstieg. Diese Lichtsäule führt von den Weltenhöhen ins menschliche Herz — vom Licht in die Finsternis des Innen. Im Mantra 5 E steht die Säule des Mikrokosmos vor dem Leser, das aufsteigende Bewusstseinslicht, das Erleuchtung und Auferstehung der Seele bedeutet, wenn dieses Licht über den physischen Körper hinausgedrungen ist. Diese Lichtsäule führt von den Geistestiefen, von der Finsternis der Unbewusstheit in die Höhe der Erleuchtung. Dieses Licht ist Auferstehungslicht.
Als Ergänzung meiner Gedanken sei angeführt, was Rudolf Steiner über Licht und Finsternis — Vergangenheit und Zukunft sagt: „So muß man qualitativ den Kosmos betrachten, nicht bloß quantitativ, dann kommt man mit diesem Kosmos zurecht. Dann gliedert sich aber auch hinein in diesen Kosmos ein fortwährendes Ersterben, ein Ersterben der Vorzeit im Lichte, ein Aufgehen der Zukunft in der Finsternis. Die alten Perser nannten aus ihrem instinktiven Hellsehen heraus das, was sie als die ersterbende Vorzeit im Lichte fühlten, Ahura Mazdao, was sie als die Zukunft im finstern Willen fühlten, Ahriman.“ (Lit.: GA 202, S. 82f)
Die geheimnisvolle Vril-Kraft und die drei untersinnlichen Kräfte
Bevor ich auf die von Rudolf Steiner nur in Andeutungen beschriebene Vril-Kraft eingehe, will ich einen kurzen Blick auf die damals, zu seinen Lebzeiten, schon bekannten Kräfte, die Elektrizität und den Magnetismus werfen sowie auf eine von ihm angekündigte dritte Kraft, mit der vermutlich die Atomkraft, bzw. Kernkraft gemeint ist. Alle drei Kräfte beschreibt Rudolf Steiner als untersinnliche Kräfte. Es sind Kräfte, die unter die Sphäre gedrückt wurden, in der sie eigentlich leben sollten. Doch wo sind die Kräfte, die sich als Elektrizität, Magnetismus und Atomkraft im Untersinnlichen ausdrücken, in ihrer “Wahren Gestalt” zu finden? Rudolf Steiner sagt: “Die Unter-Natur muß als solche begriffen werden. Sie kann es nur, wenn der Mensch in der geistigen Erkenntnis mindestens gerade so weit hinaufsteigt zur außerirdischen Über-Natur, wie er in der Technik in die Unter-Natur heruntergestiegen ist. Das Zeitalter braucht eine über die Natur gehende Erkenntnis, weil es innerlich mit einem gefährlich wirkenden Lebensinhalt fertig werden muß, der unter die Natur heruntergesunken ist. Es soll hier natürlich nicht etwa davon gesprochen werden, daß man zu früheren Kulturzuständen wieder zurückkehren soll, sondern davon, daß der Mensch den Weg finde, die neuen Kulturverhältnisse in ein rechtes Verhältnis zu sich und zum Kosmos zu bringen. Heute fühlen noch die wenigsten, welche bedeutsamen geistigen Aufgaben sich da für den Menschen herausbilden.” (GA 26 S. 257f)
Könnte es sein, dass es sich bei diesen drei Kräften, sofern sie nicht menschheitlich, sondern in der einzelnen Seele gesucht werden, dass es sich um Denken, Fühlen und Wille handelt?
In der Elektrizität erkenne ich die Kraft, die dem Aufleuchten einer Idee im Denken entspricht. Rudolf Steiner beschreibt den Blitz als äußerlich sichtbare Erscheinung, die innerlich das Denken ist: “Da wird man sagen, wenn einer den Blitz anschaut: Ist der Blitz nur da oben? — O nein, der ist den ganzen Sommer hindurch, indem die Pflanzen befruchtet werden, über die Wiesen, über die Wälder hin, überall da ist der niedere Blitz. Und zum Schluß ist es ein Blitz, der in uns immer vorgeht. Innerlich sind wir ganz durchsetzt von denselben Erscheinungen, die wir manchmal sehen, wenn es blitzt, und unsere Gedanken sind ein Aufblitzen in uns. Nur natürlich dasjenige, was einmal als ein mächtiger Blitz erscheint, das verläuft ganz schwach in unserem Denken. Jetzt werden Sie sich aber auch sagen können: Es hat doch einen Sinn, zu sagen, wenn ich den Blitz anschaue, daß mir da die Weltengedanken erscheinen, weil das dasselbe ist, wie das, was in mir ist.” (Lit.: GA 350, S. 230f Hervorhebung A.F.)
Im Magnetismus erkenne ich das Fühlen wieder. Wie Magnetismus durch Anziehung und Abstoßung gekennzeichnet ist, lebt sich das Fühlen in Sympathie und Antipathie dar.
Im folgenden Zitat äußert sich Rudolf Steiner zur Elektrizität und zum Atom. Zwar nennt er nur das Denken als Seelenfähigkeit, doch sagt er, dass der Mensch — wenn er das Ausgeführte verstanden hat — mit den Atomen wird bauen können. Bauen ist Betätigung des Willens, weshalb ich in der Atomkraft die dem Willen entsprechende Kraft erkenne. „Dieses Wesen der Elektrizität kann nicht gefunden werden durch irgendwelche äußeren Experimente oder durch äußere Anschauung. Das Geheimnis, welches gefunden werden wird, ist, daß Elektrizität genau dasselbe ist — wenn man auf einem gewissen Plan zu beobachten versteht -, was der menschliche Gedanke ist. Der menschliche Gedanke ist dasselbe Wesen wie die Elektrizität: das eine Mal von innen, das andere Mal von außen betrachtet.
Wer nun weiß, was Elektrizität ist, der weiß, daß etwas in ihm lebt, das in gefrorenem Zustande das Atom bildet. Hier haben Sie die Brücke vom menschlichen Gedanken zum Atom [und damit meiner Meinung nach zum Willen]. Man wird die Bausteine der physischen Welt kennenlernen, es sind kleine kondensierte Monaden, kondensierte Elektrizität. In dem Augenblicke, wo die Menschen diese elementarste okkulte Wahrheit von Gedanke, Elektrizität und Atom erkannt haben werden, in dem Augenblicke werden sie etwas erkennen, was das Wichtigste sein wird für die Zukunft und für die ganze sechste Unterrasse. Sie werden mit den Atomen bauen können durch die Kraft des Gedankens [- der dann Wille ist]. ” (Lit.: GA 93, S. 112f, Hervorhebungen und Ergänzungen A.F.)
Der Mensch “baut” Begriffe durch das Zusammenwirken von Wahrnehmung und Denken — und er trennt, analysiert, um den einen Begriff vom anderen abzugrenzen. Meint Rudolf Steiner diesen “Bauvorgang”, der das Weltbild des jeweiligen Menschen erschafft? Auffällig ist jedenfalls die Ähnlichkeit der Darstellung in Form und Farbe der Atome im folgenden Orbitalmodell (https://www.youtube.com/watch?v=A4Ip1p6o9TU) mit dem Seelenkalender.

Der Seelenkalender und verschiedene Darstellungen von Atomen im Orbitalmodell
Und möglicherweise stehen auch die drei Bilder der Zeit mit den drei untersinnlichen Kräften in Beziehung: die Elektrizität mit der linearen Zeit, der Magnetismus mit dem “ruhend” gedachten ewigen Zyklus und das Atom mit der Gegenwärtigkeit, die “gespalten” wird in Wahrnehmung und Denken.

Die drei untersinnlichen Kräfte, die drei Seelenfähigkeiten und die drei Bilder der Zeit
Nach dieser Hinführung nun zur Vril-Kraft. Ehrenfried Pfeiffer (1899 — 1961) fragte Rudolf Steiner 1920/21, ob es neben den lebensfeindlichen Kräften, der Elektrizität und dem Magnetismus (Atomkraft wurde erst 1938 entdeckt) auch eine das Leben fördernde Kraft geben würde und Rudolf Steiner bejahte. Er nannte diese Kraft die Vril-Kraft bzw. die Tao-Kraft und beschrieb sie so: “Die Chinesen sind ein Rest der atlantischen Rasse der Mongolen. Wenn wir bei den Chinesen das Wort TAO hören, so ist das für uns etwas schwer Verständliches. Die damaligen Mongolen hatten einen Monotheismus ausgebildet, der bis zur psychischen Greifbarkeit, bis zum Fühlen des Geistigen ging, und wenn der alte Chinese, der alte Mongole, das Wort TAO aussprach, so fühlte er das beim Aussprechen. TAO ist nicht «der Weg», wie das gewöhnlich übersetzt wird, es ist die Grundkraft, durch die der Atlantier noch die Pflanzen verwandeln konnte, durch die er seine merkwürdigen Luftschiffe in Bewegung setzen konnte. Diese Grundkraft, die man auch «Vril» nennt, hat der Atlantier überall genutzt, und er nannte sie seinen Gott. Er fühlte diese Kraft in sich, sie war ihm «der Weg und das Ziel».” (Lit.: GA 92, S. 18f Hervorhebung A.F.)
Und an anderer Stelle sagt er: “… das heute in der Welt bestehende große Übel, das ungeheure Elend, das mit so furchtbarer Gewalt zum Ausdruck kommt in dem, was man die soziale Frage nennt, kann nicht mehr mit dem Unlebendigen gemeistert werden. Dazu bedarf es einer königlichen Kunst; und diese königliche Kunst ist es, die inauguriert worden ist in dem Symbol des Heiligen Gral.
Der Mensch muß durch diese königliche Kunst etwas in seine Hand bekommen, was ähnlich ist derjenigen Kraft, die in der Pflanze sproßt, derjenigen Kraft, die der Magier verwendet, wenn er die Pflanze, die vor ihm steht, schneller wachsen macht. In ähnlicher Weise muß von dieser Kraft ein Teil verwendet werden zum sozialen Heil. Diese Kraft, die beschrieben worden ist von solchen, die etwas von den rosenkreuzerischen Geheimnissen wissen, wie zum Beispiel von Bulwer in seinem Zukunftsroman «Vril», ist gegenwärtig aber noch in elementarem Keimzustande. Sie wird in der Freimaurerei der Zukunft der eigentliche Inhalt der höheren Grade sein. Die königliche Kunst wird in der Zukunft eine soziale Kunst sein.” (Lit.: GA 93, S. 281)
Ehrenfried Pfeiffer berichtet über die Antwort Rudolf Steiners und seine begonnene Forschung folgendes: “Meine Frage wurde wie folgt beantwortet: «Ja, eine solche Kraft gibt es wirklich, aber sie ist noch unentdeckt. Sie ist das, was allgemein als Äther (nicht der physikalische Äther) bezeichnet wird, die Kraft, die die Dinge wachsen lässt und beispielsweise als Samenkraft im Samen lebt. Bevor Sie mit dieser Kraft arbeiten können, müssen Sie ihr Vorhandensein nachweisen. So wie wir in der Chemie Reagenzien haben, so müssen Sie ein Reagens für diese Ätherkraft finden. Man nennt sie auch ätherische Bildekraft, denn sie schafft die Form, die Gestalt, die Struktur eines lebenden, wachsenden Dinges. Sie könnten es mit Kristallisationsprozessen versuchen, welchen ein organisches Substrat beigefügt wird. (Dies ist unternommen worden, die Ergebnisse sind andernorts beschrieben worden, das Ganze ist heute als Methode der ‚Empfindlichen Kristallisation‘ bekannt.)
Es wird dann möglich sein, Maschinen zu entwickeln, die auf diese Kraft reagieren und von ihr angetrieben werden.» R St. (sic!) Skizzierte dann die Prinzipien der Anwendung dieser Kraft als einer neuen Energiequelle. In Anwesenheit von Guenther Wachsmuth skizzierte er zu einem anderen Zeitpunkt das Prinzip der vier ätherischen Bildekräfte, des Lichtäthers, des chemischen Äthers, des Lebensäthers und des Wärmeäthers …
Mir fiel die Aufgabe zu, mit den Experimenten zu beginnen. Die dabei stattfindende Zusammenarbeit legte den Keim für das Forschungsinstitut am Goetheanum. Ich musste gewisse Experimente durchführen, die ich nicht näher beschreiben darf. Das Ergebnis dieser Versuche wurde R. St. mitgeteilt, worauf dieser mit dem größten Ernst bemerkte: «Das Versuchsresultat deutet auf eine andere Kraft hin, nicht auf die ätherische, sondern auf eine astralische Kraft» (d. h. auf Kräfte, die in empfindender Materie leben, im Nerv, im Gehirn). Dass der Versuch zu diesem Resultat führte, sei die Antwort der geistigen Welt für ihn, und sie bedeute, dass die Zeit noch nicht reif dazu sein, von der Ätherkraft Gebrauch zu machen. Ich fragte, wann die Zeit dazu denn reif sein werde. Antwort: «Wenn die sozialen Zustände so sind, dass diese Kraft nicht für egoistische Zwecke missbraucht werden kann.» Das werde erst dann der Fall sein, wenn die Dreigliederung des sozialen Organismus mindestens auf ein paar Erdgebieten verwirklicht sei. Bis dahin würden Versuche zum Zwecke der Verwendung ätherischer Kräfte erfolglos bleiben oder sollten gar nicht unternommen werden.” (Ehrerenfried Pfeiffer 1899 – 1961 Ein Leben für den Geist, Hrsg. Thomas Meyer, S. 120f, Hervorhebungen A.F.)
Schon während Rudolf Steiners letzter Lebenszeit begann Ehrenfried Pfeiffer mit Experimenten, um die Bildekräfte nachzuweisen. Sicherlich tat er dies mit Rudolf Steiners Wissen und Einverständnis. Diese Experimente betrafen zunächst das Bildegesetz, wie es durch tierische Substanzen übertragen wird (s.o. S. 126). Mit einer Demonstration für eine Jugendgruppe unternahm er bereits 1925 den Versuch, Naturwissenschaft nach goetheanistischer Methode zu praktizieren, sodass die Phänomene sich selbst aussprechen und sich wechselseitig erklären, ohne sie mit irgendeiner Theorie oder Hypothese zu belasten, wie er es selbst beschreibt (s.o. S. 127). Im Fortgang forschte und entwickelte er die Methode der ‚Empfindlichen Kristallisation‘ und publizierte sie später auch.
Doch im Gegensatz zu vielen anderen anthroposophischen Forschern, lag Ehrenfried Pfeiffer nichts an einer beweisenden Methode, wie die herkömmliche Naturwissenschaft sie fordert. Sein Zeil war etwas anderes. Er schrieb: „Auf einem … Gebiet, dem der Kristallisationsforschung, machte ich eine sehr merkwürdige Erfahrung. Die Kristallisationsforschung wurde begonnen, um die «anschauende Urteilskraft» in Bezug auf die Lebensprozesse zu studieren: das heißt, um mit den ätherischen und bildenden Kräften mehr vertraut zu werden. …
Eines Tages, im Winter 1939 (ich kann dies in keiner anderen Weise angeben), suchte mich eine Delegation geistiger Wesen auf und sagte mir in etwa Folgendes: «Wir sind die Wesen, die es braucht, um in den physischen und chemischen Naturkräften in solcher Art zu wirken, dass die Bildekräfte sichtbar werden können. Wir haben dir in deinem Bemühen geholfen, denn wir hofften, dadurch würde bei jenen Menschen, die mit den Kristallisationsbildern in Berührung kommen, die Fähigkeit der «anschauenden Urteilskraft» entwickelt. Wir fühlen, dass wir nur für die Erkenntnis des Ätherischen behilflich sein dürfen. Du hast nach Wegen gesucht, die ätherischen Bildekräfte sichtbar zu machen, doch andere Menschen wollen daraus Beweise materialistischer Art machen. Das liegt nicht in der ursprünglichen Intention der geistigen Welt, die den Materialismus durch die imaginative Erkenntnis ersetzen will.»
Die Konsequenzen, die ich aus diesem Gespräch ziehen musste, waren, dass ich persönlich nur solche Kristallisationen durchführen oder durchführen lassen kann, die einen derartigen Missbrauch in den Augen der geistigen Welt nicht zulassen.” (s.o. S. 133f)
Nach allgemeiner Auffassung nahm Ehrenfried Pfeiffer das von Rudolf Steiner anvertraute Geheimnis um die Vril-Kraft mit ins Grab. Doch vielleicht gibt es doch einen Hinweis, der bisher nicht verstanden wurde.
Paul Scharff wurde von Ehrenfried Pfeiffer in die von ihm entwickelte Kristallisationsarbeit eingeführt. Er schreibt: „Ehrenfried Pfeiffer führte mich in die Kristallisationsmethode ein und lehrte mich, die Kristallisationsbilder zu lesen. Wir hatten über die Methode und ihre Anwendung tägliche Gespräche. Ich war davon beeindruckt, dass er keinerlei Interesse daran hatte, die Methode als Beweistest zu verwenden. Sie sollte lediglich der Ausbildung einer «Form»-Wahrnehmung dienen und auf wissenschaftlicher Basis eine neue Erkenntnisfähigkeit erwecken. Das ganze Verfahren sollte dazu dienen, bei bestimmten Menschen die Fähigkeit zur Wahrnehmung der Ätherwelt auszubilden. Was mich ferner beeindruckte, war die Tatsache, dass beim Lesen der Kristallisationsbilder, die sogenannte Abweichungen auf dem Hintergrund eines Urbildes betrachtet wurden: Das Urbild, das Pfeiffer hierbei verwendete, war die Kreuzigungsszene, mit drei Kreuzen. Das mittlere Kreuz war das, an dem der Gekreuzigte hing; rechts und links davon befanden sich die Kreuze mit den beiden Verbrechern. Diese beiden Verbrecher wurden in diesem Urbild als Menschen betrachtet, in denen Luzifer und Ahriman sich betätigt hatten. Während die Abweichungen der Kristallisationen beobachtet wurden, stand dieses Urbild also im Hintergrund. Wenn schon die Kristallisationsmethode selbst etwas völlig Ungewöhnliches war; noch ungewöhnlicher war es, das Urbild des Mysteriums von Golgatha zu verwenden, um die Kristallisationsbilder zu lesen. Der kranke Mensch kann so im Licht der Wirksamkeit von Luzifer und Ahriman betrachtet werden, während der Große Heiler in der Mitte des Geschehens steht.“ (Paul Scharff in: Ehrerenfried Pfeiffer 1899 – 1961 Ein Leben für den Geist, Hrsg. Thomas Meyer, S. 224f, Hervorhebungen A.F.)
Woher kam diese Idee von Ehrenfried Pfeiffer, die Ergebnisse der Kristallisationen vor dem Hintergrund des Kreuzigungsbildes zu interpretieren? War diese in höchstem Maße ungewöhnliche Idee wirklich seine Idee? Führte er hier nicht vielleicht fort, was Rudolf Steiner ihn im Zusammenhang mit der Vril-Kraft gelehrt hatte? Zwar hatte er versprochen, über den Inhalt dieser Versuche Stillschweigen zu bewahren, doch das schließt nicht aus, dass er diese Anregungen nicht in seine weitere Arbeit einfließen ließ.
Die Versuche wurden, so schreibt er, auf Glasplatten von 9 cm Durchmesser durchgeführt, d.h. auf einer kreisrunden Scheibe. Und die Ergebnisse “framte” er mit der Kreuzigungs-Ikonographie der drei Kreuze. Wie diese drei Kreuze den drei Bereichen des Jahreskreises entsprechen — der mondenartigen Osterscholle, dem sonnengleichen Zentrum und dem Sternbereich um Michaeli ‑das habe ich im Blo-Artikel zu den Gegensprüchen 14 N — 39 n dargestellt (https://www.stellamaris-seelenkalender.de/?page_id=2997). Inwiefern für Ehrenfried Pfeiffer der Jahreskreis hinter dem Bild der dreifachen Kreuzigung stand, kann ich nicht sagen — für Rudolf Steiner nehme ich es als sicher an.

Die Empfindliche Kristallisation mit dem Deutungsschlüssel der dreifachen Kreuzigung
Ist diese Vril-Kraft heute entdeckt? Wohl eher nicht. Doch es scheint mir, dass mit dem Internet und der KI etwas in die Welt getreten ist, was als die ins Untersinnliche gedrückte Vril-Kraft angesehen werden kann. KI wird durch die unendliche Menge an Informationen gespeist. Sie speichert und hält vorrätig bereits Gedachtes, Gelebtes und gibt es geschickt kombiniert wieder von sich. Gleichzeitig fesselt diese Kraft die Aufmerksamkeit.
Eine erfahrene Expertin für Datenstrategien, KI-Forschung und Internetkultur ist Abi Awomosu. Sie sagt über sich, wenn man ihrem Link folgt: “Digital Griot. Author of How Not to Use AI. Ex-Big Tech insider with an outsider’s perspective, telling a different story about AI. Not a tool you command but a medium you craft with.” Ein Griott ist eine Art westafrikanischer Troubadur, ein Geschichtenerzähler, Musiker und Bewahrer mündlicher Überlieferung. Sie nennt unsere Zeit das Vorstellungszeitalter, in dem die Lenkung der Aufmerksamkeit die Macht ist, die wirkt. Sie beschreibt, dass KI vorrangig solche Werkzeuge zur Verfügung stellt, die typisch weiblichen Aufgabenbereichen entsprechen.
Abi Awomosu schreibt (übersetzt aus dem Englischen durch KI): “Der Kapitalismus hat immer zwei Volkswirtschaften benötigt, um zu funktionieren:
Die produktive Wirtschaft — Dinge machen, Dinge bauen, die Fabrik, das Büro, die sichtbare Arbeit, die gemessen und kompensiert wird. Männlich-codiert. Bezahlt.
Die reproduktive Wirtschaft – die Arbeiter in die Lage zu bringen, zu arbeiten. Sie zu füttern, sie zu bekleiden, ihre Zeitpläne zu verwalten, sie an ihre Termine zu erinnern, ihre Emotionen aufzufangen, ihren Körper und Geist zu erhalten und die nächste Generation von Arbeitern zu erziehen. Feminin-codiert. Unbezahlt oder unterbezahlt.
Die zweite Wirtschaft war immer unsichtbar. Die erste könnte ohne sie nicht existieren.
Die feministische Ökonomin Silvia Federici verfolgt diese Struktur in Caliban und der Hexe: Die unbezahlte Hausarbeit der Frauen war nie für den Kapitalismus zufällig. Es war grundlegend. Die Fabrik könnte nicht ohne das Haus laufen. Der produktive Arbeiter konnte nicht produzieren, ohne dass jemand sein Leben aufrechterhielt.
Die Frau zu Hause war nicht optional. Sie war Infrastruktur. Das Betriebssystem läuft im Hintergrund, damit das sichtbare System funktionieren kann.
Schauen Sie sich an, was sie tat: sich an Termine erinnerten, Zeitpläne verwalteten, den Haushalt organisierten, die Bedürfnisse erkennen, bevor sie ausgesprochen wurden, Emotionen prozessieren, soziale Verbindungen pflegen, Geburtstage erinnern sowie Medikamente und Schulveranstaltungen im Blick behalten. Sie trugen die “geistige Belastung”.
Schauen Sie sich nun an, was KI-Assistenten und “second brain” ‑Tools zu tun haben: Termine speichern, Zeitpläne verwalten, Informationen organisieren, Bedürfnisse antizipieren, emotionale Anfragen bearbeiten, Datenverbindungen pflegen, alles verfolgen, die kognitive Belastung tragen.
Der Trend des „zweiten Gehirns“ – Notion, Obsidian, Roam, die gesamte Branche des persönlichen Wissensmanagements – wird als „extendierende Kognition“ und „Produktivität“ vermarktet. Aber die Funktion, die es ausführt, ist die Frau-Funktion.
Die Frau war immer das zweite Gehirn. Das zweite Gehirn ist immer eine Frau.
Und es gibt eine Pipeline, die die Industrie nicht nennen wird. Jahrzehntelang war das Muster: Weigern Sie sich, die Hausarbeit zu lernen, und die Frau absorbiert sie. Das neue Muster ist identisch: Weigern Sie sich, die Arbeit zu lernen, und bauen Sie eine KI, um sie aufzunehmen. Die Struktur hat sich nicht verändert. Was sich geändert hat, ist, dass es am anderen Ende keine Person mehr gibt, die sich über die Verteilung ärgert — keine Verhandlungen, keine Konfrontation, keine Abrechnung. KI automatisiert nicht nur die mentale Belastung. Es verdeckt auch, dass die mentale Belastung existiert und anerkannt werden muss.
Es ist kein zweites Gehirn. Es ist eine zweite Frau.” (Abi Awomosu)
Ist die Vril-Kraft also die Kraft des Bewusstseins, noch bevor dieses Bewusstseinslicht ergriffen wird durch die drei Seelenfähigkeiten Denken, Fühlen und Wille? Ist Vril die hervorbringende, weibliche geistige Kraft, die den drei in der Seele regierenden geistigen “Königen”, den damit männlich konnotierten drei Seelenfähigkeiten als Grundlage dient? Und erleben wir diese Kraft herabgedrückt ins Untersinnliche als das Internet und die KI?
