Die spiegelnden Mantren 11 L und 42 q
11 L
Es ist in dieser Sonnenstunde An dir, die weise Kunde zu erkennen: An Weltenschönheit hingegeben, In dir dich fühlend zu durchleben: Verlieren kann das Menschen-Ich Und finden sich im Welten-Ich.
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42 q Es ist in diesem Winterdunkel Die Offenbarung eigner Kraft Der Seele starker Trieb, In Finsternisse sie zu lenken … …..Und ahnend vorzufühlen Durch Herzenswärme Sinnesoffenbarung. |
Musik zum Mantra 42 q — fromm — komponiert von Herbert Lippmann
Über die Spiegelsprüche 11 L und 42 q
Die Mantren 11 L und 42 q spiegeln in der ersten Zeile stark. Danach flammt dieses Phänomen nur noch ein bzw. zweimal auf. Im Mantra 11 L gibt es einen Sprecher, der den mit “du” angesprochenen Leser belehrt. Offen bleibt, wer eigentlich der Sprecher ist. Das Mantra 42 q ist in der neutral beschreibenden dritten Person geschrieben. Im Mantra 11 L gibt es also zwei ihrer selbst bewusste Wesen, den unbekannten Sprecher und den Hörer, im Mantra 42 q gibt es kein waches Ich.
Beide Mantren beginnen mit den Worten “Es ist in dieser/diesem …” und nun folgt jeweils eine Zeitangabe.
Es ist. Gleich zu Beginn wird die Aufmerksamkeit auf den gegenwärtigen Moment gelenkt. Es ist in diesem Augenblick, in dieser Gegenwärtigkeit. Der Ausgangspunkt der Mantren liegt im Anerkennen des Ist-Zustandes. Und das ist keine Selbstverständlichkeit, denn die Seele verliert sich nur allzu leicht in der Sehnsucht nach der verlorenen Vergangenheit oder im Wunsch nach einer erhofften, besseren Zukunft. In beiden Fällen wird das Ist nicht anerkannt, sondern überdeckt mit Vorstellungsbildern, die im Gegensatz stehen zur Gegenwart.
Nun folgt in beiden Mantren eine Zeitangabe, die gegensätzlicher nicht sein könnte. Im Mantra 11 L handelt es sich um die Sonnenstunde, im Mantra 42 q um das Winterdunkel. Eine Stunde ist Teil des Tageslaufes, der Winter dagegen eine Jahreszeit und damit Teil einer weit größeren Ganzheit als sie im Tag mit 24 Stunden gegeben ist. Der zweite Gegensatz besteht zwischen Sonne und Dunkelheit, denn die Stunde ist eine sonnenhafte, der Winter ist dunkel — genauer die Dunkelheit ist winterlich. Der Gegensatz besteht also zwischen einer kleinen, hellen und durch die Sonne “personifizierten” Einheit, der Stunde und der großen, dunklen Einheit des Jahres.
Nun fragt sich, was mit diesen beiden Einheiten gemeint ist, von welchem Ist-Zustand die beiden Mantren also ausgehen. Die menschliche Bewusstseinskraft reicht selten über eine Gegenwärtigkeit von wenigen Sekunden hinaus. Der Sprecher des Mantras 11 L spricht von einem Ist, das eine Stunde ist, im Mantra 42 q ist es schon ein Vierteljahr. Über dem Menschen stehend mit jeweils immer höherem Bewusstsein werden die neun Engelhierarchien gedacht. Die drei untersten sind in aufsteigender Reihenfolge: Engel, Erzengel und Archai. Könnte es also sein, dass ein Engelbewusstsein im Mantra 11 L spricht und im Mantra 42 q ein Erzengel Bewusstsein sich kundtut? Ergänzen möchte ich eine dritte noch größere Einheit nach Tag und Jahr, denn ich habe den Eindruck, dass sie indirekt in den Mantren auftaucht. Diese größte Einheit ist das Weltenjahr, die Wanderung des Frühlingspunktes durch den ganzen Tierkreis. Möglicherweise ist dies die Größe eines Archai Bewusstseins.
Die Sonnenstunde (11 L) meint ein helles, waches Bewusstsein, das auch als Tagesbewusstsein bezeichnet wird. Hier sind Sprecher und Hörer ihrer selbst bewusst. Das Winterdunkel (42 q) weist auf das Unterbewusstsein und damit auf einen Raum, der viel größer ist als der helle Bewusstseinsraum der Sonnenstunde. Dieses Mantra steht in der beschreibenden dritten Person. Für mich ist das Winterdunkel ein Hinweis auf den Seelenraum, der Bewusstsein und Unterbewusstsein umfasst. Ergänzen möchte ich hier noch das kollektive Bewusstsein als den dritten, überpersönlichen, menschheitlichen Bewusstseinsraum, die Gruppenseele der Menschheit.
Das ganze Mantra 11 L ist eine belehrende, autoritäre Ansprache. Eine weise Kund gilt es zu erkennen. Es gilt, Kenntnis zu erwerben, ein Kundiger zu werden. Doch wer spricht hier? Und wer wird als Du angesprochen und solcherart aufgefordert? Als Leser oder Hörer des Mantras fühle ich mich angesprochen. Das Du meint mich. Und wer ist es, der mir so autoritär den Weg weist? Der Sprecher ist mir, dem Angesprochenen überlegen. Er agiert als mein Lehrer. Doch wer ist dem menschlichen Bewusstsein so überlegen, dass er in dieser Weise mit mir, dem Menschen spricht? Es muss eine weisere, bewusstseinsmäßig viel höher entwickelte Macht sein, die größere Überschau hat und daraus Anleitung gibt. Der Schutzengel des Menschen — oder sein Geistselbst — die zukünftige Transformation seines Astralleibes kann hinter diesem Sprecher vermutet werden.
Rudolf Steiner sagt über das Erkennen früherer Zeiten am Beispiel von Johannes Scottus Eriugena: „… wenn dieses Denken zum Erkennen wird, da fühlt er [Scottus Eriugena], da ist noch etwas da von den alten Mächten, welche den Menschen durchdrungen haben in der alten Art der Erkenntnis. Er fühlt den Engel, den Angelos in sich. Daher sagt er, der Mensch erkenne als Engel. Es war Erbstück aus den alten Zeiten, daß in dieser Zeit der Verstandeserkenntnis ein solcher Geist wie Scotus Erigena noch sagen konnte, der Mensch erkenne wie ein Engel. In den Zeiten der ägyptischen, der chaldäischen Zeit, in den älteren Zeiten der hebräischen Zivilisation würde niemand etwas anderes gesagt haben, als: Der Engel erkennt in mir, und ich nehme Teil als Mensch an der Erkenntnis des Engels. Der Engel wohnt in mir, der erkennt, und ich mache das mit, was der Engel erkennt. – Das war in der Zeit, als noch kein Verstand da war. Als dann der Verstand heraufgekommen war, da mußte man das mit dem Verstande durchdringen; aber es war eben in Scotus Erigena noch ein Bewußtsein von diesem Durchdrungensein mit der Angelosnatur.“ (Lit.: GA 204, S. 269f)
Von dieser weisen Engel-Macht wird der als Du angesprochene Mensch angewiesen zu erkennen, Kunde zu erhalten. Bei der weisen Kund handelt es sich um eine Anweisung zur Lebensführung. Der Mensch soll sich der Weltenschönheit hingeben und gleichzeitig sich in sich fühlend durchleben. Er soll zum einen die Schönheit der Welt — alles was außerhalb seiner Seele ist — wahrnehmen. Und die Welt ist immer schön, sofern der Mensch nicht urteilt und unterscheidet zwischen angenehmen und unangenehmen Wahrnehmungen. Zum anderen soll der Mensch das Innen erfühlen. Er soll sich fühlend durchleben. Das bedeutet, sowohl in der Wahrnehmung, als auch in der Seele präsent zu sein. (Näheres dazu im Blog 11 L) Sich fühlend zu durchleben bedeutet auch, etwas zu erleben, das Anfang und Ende hat, das ein Prozess ist. So wird z.B. eine Krankheit durchlebt. Es ist die Eigenart des menschlichen Lebens, das es ein fühlendes Innensein bedeutet — von der Geburt bis zum Tod — vom Anfang bis zum Ende. Dieser Mensch wird also angewiesen zu erkennen, dass Leben bedeutet, sich an die Welt wahrnehmend hinzugeben und die eigenen Gefühle im Inneren zu fühlen — das ganze Leben hindurch.
Im Mantra 11 L geht es bis dahin um Erkennen und Fühlen. Im Mantra 42 q geht es um die dritte der Seelenfähigkeiten, um den Willen, denn jede Willensäußerung ist eine Offenbarung der eigenen Kraft. Im Winterdunkel ist die Offenbarung der eigenen Kraft der starke Trieb der Seele. Der Wille ist die unbewussteste der drei Seelenfähigkeiten. Er lebt im Dunkel der Seele, wo das Erkenntnislicht des Menschen noch nicht hinreicht. Die Motive des eigenen Willens können bewusst gemacht werden, doch nicht, wie all die Muskeln und Sehnen es anstellen, wenn gesprungen oder gesprochen werden soll, dass die Handlung geschieht. Und was meint Winterdunkel? Gibt es auch ein Sommerdunkel? Der Mensch schläft in die Wahrnehmung hinein, sagt Rudolf Steiner. Er wird für sein Inneres unbewusst. Das ist Sommerdunkel, denn das Sommer-Halbjahr steht laut Rudolf Steiner für die Wahrnehmungsseite der Seele, ihr nach Außen gehen. Winterdunkel ist ein Innen-Dunkel, denn das Winter-Halbjahr steht für das Denken und das Innenleben der Seele. Winterdunkel ist also das Dunkel des Willensreiches im Innern. Der Wille ist eine treibende Kraft. Er treibt die Seele, ihre Kraft zu offenbaren, nach außen zu wirken, Veränderung in der Welt hervorzurufen.
Rudolf Steiner erklärt den Begriff “Trieb” folgendermaßen: „Nun lebt in unserem physischen Leibe, diesen ganz durchgestaltend, durchdringend, der Ätherleib. Er ist für die äußeren Sinne übersinnlich, unsichtbar. Aber wenn wir auf die Willensnatur schauen, dann ist es so, daß ebenso, wie der Ätherleib den physischen Leib durchdringt, so ergreift er auch das, was sich im physischen Leibe als Instinkt äußert. Dann wird der Instinkt zum Trieb. Im physischen Leib ist der Wille Instinkt; sobald der Ätherleib sich des Instinktes bemächtigt, wird der Wille Trieb. Es ist dann sehr interessant, zu verfolgen, wie in der Beobachtung der Instinkt, den man in der äußeren Form mehr konkret erfassen kann, sich verinnerlicht und sich auch mehr vereinheitlicht, indem man ihn als Trieb betrachtet. Von Instinkt wird man immer so sprechen, daß er, wenn er sich im Tiere oder in seiner Abschwächung im Menschen vorfindet, dem Wesen von außen aufgedrängt ist; beim Trieb ist schon daran zu denken, daß das, was sich in einer mehr verinnerlichten Form äußert, auch mehr von innen kommt, weil der übersinnliche Ätherleib sich des Instinktes bemächtigt und dadurch der Instinkt zum Trieb wird.
Nun hat der Mensch auch noch den Empfindungsleib. Der ist noch innerlicher. Er ergreift nun wieder den Trieb, und dann wird nicht nur eine Verinnerlichung erzeugt, sondern es wird Instinkt und Trieb auch schon ins Bewußtsein heraufgehoben, und so wird daraus dann die Begierde.“ (Lit.: GA 293, S. 66f, Hervorhebung A.F.)
Der Trieb der Seele ist also eine ätherische, dem Pflanzenreich verwandte Kraft in Mensch und Tier. Ein Trieb kann deshalb eine seelische Ausrichtung bedeuten oder ein Spross im Pflanzenreich sein, der ebenso gerichtet ist.
Den Astralleib kann man als einen heißen, feurigen Leib bezeichnen, den Ätherleib als einen kristallinen, kalten und deshalb winterlichen. Das Mantra 11 L spricht von der Kunde, die erkannt werden soll. Erkennen ist eine astrale Fähigkeit. Die zu erkennende Kunde verstehe ich als Teil der göttlichen Weisheit, die die Welt durchwebt. Durch den Hinweis und die Führung des Engels kann der Mensch davon Kunde erhalten.
Der Kunde im Mantra 11 L entspricht die Offenbarung im Mantra 42 q. Die Kunde erhält man von Außen und nimmt sie in sich auf, die Offenbarung ist ein nach Außentreten eines Inneren. Eine Offenbarung stammt stets von einem offenbarenden Wesen, das sein Inneres nach außen wirken lässt. In diesem Fall ist es der Mensch. Er offenbart den moralischen Reifezustand seiner Seele durch das Maß an Liebe, das er seinen Taten mitzugeben in der Lage ist.
Es ist der starke Trieb der Seele (42 q), sie in Finsternisse zu lenken. Was sind diese Finsternisse? Die Finsternisse sind zum einen die Verdunkelungen des Astralleibs, die entstehen, wenn der Instinkt des physischen Leibes zum Trieb im Ätherleib und schließlich zur Begierde im Astralleib wird und sich die Begierde auf niedere Bedürfnisbefriedigung richtet. Zum anderen können die Finsternisse als die physische Welt betrachtet werden im Gegensatz zur lichten Geistwelt. Zumindest bei mir entsteht an dieser Stelle im Mantra das Bild einer abwärts gerichteten Bewegung. Dann bedeutet der in Finsternisse gerichtete Offenbarungstrieb den Willen oder den Drang zur Inkarnation.
Es fragt sich nun, wie die Offenbarung der eigenen Kraft in den Finsternissen (42 q) vorgestellt werden kann. Um welche Kraft könnte es sich handeln, die die Seele getrieben ist zu offenbaren? Ich vermute an dieser Stelle, dass es um die Kraft der Liebe geht. Sie bestimmt zum einen die moralische Qualität der Taten, zum anderen strebt sie nach Verbindung. Bestätigt fühle ich mich durch den Fortgang des Mantras. Mit Und schließt ein zweites Ziel der Seele an, nachdem sie die Kraft in Finsternisse gelenkt hat. Sie strebt nach Sinnesoffenbarung. Doch die ist noch nicht möglich. Sie kann lediglich durch Herzenswärme, also durch das Ausstrahlen von Liebe ahnend vorgefühlt werden.
Auch im Mantra 11 L folgt ein Zweites, hier eine zweite Belehrung. Sie lautet: Verlieren kann das Menschen-Ich und finden sich im Welten-Ich. Das Menschen-Ich verstehe ich hier als das irdisch-alltägliche Ich, als das Ego, von dessen Existenz der Mensch durch seinen Verstand zutiefst überzeugt ist. Dieses Ego kann verloren werden.
Für beide Mantren aufschlussreich ist folgende Ausführung von Rudolf Steiner: “Dem indischen Schüler wurde die Menschengestalt, das Urbild, im oberen Devachan [in der oberen himmlischen Welt] klar wahrnehmbar. Dann umhüllte es sich im niederen Devachan [in der niederen himmlischen Welt] mit einer astralischen Hülle, die in sich die Kräfte hatte, Liebe zu entwickeln. Die Liebe, den Eros, nannte man Kama [die Begierdennatur]. So bekommt Kama einen Sinn für die Erdentwickelung. Es kleidet sich das göttliche Wort, das Brahman, in Kama, und durch das Kama hindurch tönte dem Schüler das Urwort heraus. Kama war es, in das sich Manas [das Geistselbst] kleidete, das war das Ich.” (Lit.: GA 106, S. 58, Hervorhebung A.F.)
Zu dem, was heute Ego genannt wird, kam es, weil die geistige Wesenheit des Menschen (Manas), die Liebefähigkeit als Begehren (Kama) auf irdische Ziele richtete. Das geschah menschheitlich in der ägyptischen Kultur der ägyptischen-chaldäischen Kulturepoche (2907 — 747 v. Chr.). Rudolf Steiner erklärt: “Was ihre chaldäischen Vorgänger auf himmlische Zusammenhänge beschränkten, das zogen die ägyptischen Weisen in den Dienst mehr und mehr irdisch werdender Angelegenheiten und animalischer Bedürfnisse; sie stellten die manasische Wesenheit in den Dienst der Materie. Eben das ist der Charakter der Verstandesseele, daß sie die manasische Weisheit benützt und damit äußere Bedürfnisse und Wünsche zu befriedigen sucht. Heute ist diese Entwickelung, die ägyptische Finsternis, die Manasverfinsterung, noch viel weiter gediehen. Kama Manas nennt man in der Theosophie eine solche Verbindung höheren Bewußtseins mit tierischen, irdischen, materiellen Zwecken. Eine Verunreinigung heiliger Dinge sahen die alten Religionen darin, wenn der Mensch sein höheres Geistesvermögen in den Dienst der niederen Naturbedürfnisse stellte.” (Lit.: GA 094, S. 265)
Das vom Verstand begriffene irdische Ich, das Menschen-Ich, kann der Mensch verlieren, denn es ist an das Leben im Körper gebunden. Dieses Ich kann verwehen im Nirvana, wie es im Buddhismus gelehrt wird. Doch im Mantra geht es weiter. Hier gibt es ein Und, denn das Verlieren muss nicht das Letzte sein. Es kann danach ein Finden geben. Das Ich kann sich finden im Welten-Ich. Das vom Ego befreite Ich kann sich als Glied einer neuen Gemeinschaft finden im weltumfassenden großen Ich, dem Welten-Ich, dem Christus.
Im Mantra 11 L geht es um Erkenntnis. Es zeigt im unbekannten Sprecher ein Bewusstsein, das dem menschlichen Bewusstsein überlegen ist. Es zeigt, wohin der “Kopf” des Menschen sich entwickeln soll. Im Mantra 42 q geht es um Kraft-Offenbarung. Es zeigt das schlafende Bewusstsein des Leibes, der seine Kraft offenbaren will und nur ahnungsweise Sinnesoffenbarung vorfühlen kann. Doch der Leib (vom Hals abwärts) wird sich laut Rudolf Steiner im nächsten Leben zum Kopf metamorphosieren. Er strebt Sinnesoffenbarung an.
Rudolf Steiner erklärte es so: „Der Mensch, wie wir ihn vor uns haben nach seiner Hauptesorganisation, weist nach dem vorigen Erdenleben. — Wie unsere Intelligenz nach dem fernen, urfernen vergangenen Sonnenleben weist, so weist unsere gegenwärtige physische Hauptesorganisation mit der irdischen Artung der Erkenntnisfähigkeiten, das heißt für die Hinorganisierung der Erkenntnisfähigkeiten auf das Ich-Bewußtsein, zurück in unseren früheren Erdenlauf. Ich habe schon früher darauf aufmerksam gemacht, was das menschliche Haupt eigentlich ist. Schematisch können Sie sich folgendes

sagen: Der Mensch besteht aus dem Haupte und aus der übrigen Organisation. — Sagen wir (siehe Zeichnung), das ist der jetzige Lebenslauf (Mitte), das ist der vorige Lebenslauf (links), das ist der folgende Lebenslauf (rechts). So können wir sagen: Das Haupt unseres gegenwärtigen Lebenslaufes ist entstanden durch Metamorphose unserer übrigen Leibesorganisation im vorhergehenden Lebenslauf, und unseren Kopf vom vorigen Lebenslauf haben wir verloren. — Natürlich verstehe ich da nicht — das ist ja handgreiflich — die physische Organisation, sondern die Kräfte, die Formkräfte, die die physische Organisation wirklich hat. Dasjenige, was wir außer der Hauptesorganisation, der Trägerin der Erkenntnisfähigkeiten für das Ich, jetzt an uns tragen als übrige Menschenorganisation, Rumpf mit Gliedmaßen, das wird Hauptesorganisation unseres künftigen Erdenlebens.
Sie alle [die Zuhörer] tragen schon die Kräfte in sich, welche im Haupte konzentriert sein werden in Ihrem späteren Erdenleben. Was Sie heute mit Ihren Armen vollbringen, was Sie mit Ihren Beinen vollbringen, das wird eingehen in die innere Organisation des Hauptes in Ihrem nächsten Erdenleben. Und was an Kräften von Ihrem Haupte im nächsten Erdenleben ausströmt, das wird Ihr Karma, Ihr Schicksal für das nächste Erdenleben sein. Aber das, was da Ihr Schicksal im nächsten Erdenleben sein wird, das wandert auf dem Umwege durch Ihre übrige Organisation, durch die Sie sich hineinstellen ins Menschenleben heute, in Ihr künftiges Hauptesleben hinüber.“ (Lit.: GA 196, S. 229f)
Die Begriffe Sonnenstunde (11 L) und Winterdunkel (42 q) bestätigen das Verständnis der Mantren als Darstellung des Kopf- und Körperbewusstseins. Der Kopf ist die kleine Einheit. Er ist Tag, eingeteilt in Stunden. Der Leib ist die große Einheit, er ist dementsprechend Jahr, eingeteilt in Vierteljahre. Der Tag kann betrachtet werden als der Bewusstseinsraum des im Denken wirkenden Engels. Das Jahr kann betrachtet werden als der Bewusstseinsraum der im Körper in den Seelenfähigkeiten wirkenden Erzengel. Die Sonnenstunde ist eine Stunde auf der Lichtseite, das Winterdunkel ist eine Jahreszeit auf der Dunkelseite des jeweiligen Zyklus. Gemeinsam ergänzen sie sich zu einer höheren Ganzheit.
Und auch die ganz große Einheit, das Weltenjahr klingt in beiden Mantren an. Die im Mantra 42 q vorausgeahnte Sinnesoffenbarung — die kommende Verwandlung des Körpers in den Kopf des neuen Lebens — ist nur möglich, weil eine noch größere Einheit beide zusammenfasst. In diesem größten Ganzen vermute ich den Bewusstseinsraum der Archai. Sie sind die mächtigen Engel des Uranfangs und der Persönlichkeit — dessen, was einen Menschen mit Kopf und Körper in einem Leben ausmacht.
Und aus dem Kopf des alten Lebens, so sagt Rudolf Steiner (siehe oben), bildet sich das, was als Schicksal, als Karma, von außen auf den Menschen (den neu gebildeten Kopf mit neuem Körper) wirkt. Im Mantra 11 L wird auf ein Größtes, auf das Welten-Ich verwiesen. Nachdem das Ich sich verloren hat, kann es sich finden im Welten-Ich, in Christus. Wenn das gelingt, kann der Christus zum Herrn des Karma, zum helfenden Führer im Leben werden.