Die spiegelnden Mantren 14 N und 39 n
SOMMER 14 N An Sinnesoffenbarung hingegeben Verlor ich Eigenwesens Trieb, Gedankentraum, er schien Betäubend mir das Selbst zu rauben, Doch weckend nahet schon Im Sinnenschein mir Weltendenken. |
39 n An Geistesoffenbarung hingegeben Gewinne ich des Weltenwesens Licht. Gedankenkraft, sie wächst Sich klärend mir mich selbst zu geben, Und weckend löst sich mir Aus Denkermacht das Selbstgefühl. |
Musik zum Mantra 14 N — verzaubernd — komponiert von Herbert Lippmann
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Musik zum Mantra 39 n — sich ablösend — komponiert von Herbert Lippmann
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Der nördliche und der südliche Einweihungsweg
Schon 1903 schreibt Rudolf Steiner, dass die Einweihung den Mysten stets mit einer Zweiheit an Kräften in Kontakt bringt. Hier nennt er sie die Vater- und Muttermächte des Daseins: “Diese [die Einzuweihenden] aber empfinden dann in der Mysterien-Einweihung die unmittelbare Berührung mit den geistigen Urgründen, mit den Vater- und Muttermächten des Daseins.” (GA 34, S. 47f, Ergänzung A.F.)
An anderer Stelle unterscheidet er zwischen einer nördlichen und einer südlichen Einweihung. Die südliche legt den Schwerpunkt auf den Weg nach Innen in den Mikrokosmos der eigenen Seele, die nördliche auf den Weg nach Außen und durch die Sinneswahrnehmung in den Makrokosmos. Auf beiden Einweihungswegen begegnet der Mensch Gefahren. Die eine ist der Verlust des Ichs, die andere übersteigerter Egoismus.
Das Mantra 14 N spricht davon, dass der Trieb verloren ist, ein Eigenwesen zu sein — also das zu sein, was das alltägliche Ich-Erleben genannt werden kann. Rudolf Steiner beschreibt etwas sehr ähnliches als Gefahr der nördlichen Einweihung: „Heute ist das nicht mehr der Fall, aber in älteren Zeiten war es, namentlich in den nordischen und westlichen Gegenden Europas, auch in unserer Gegend, der Entwickelung der in diesen Gegenden wohnenden Menschen durchaus angemessen, durch eine Art Ekstase in die Geheimnisse der großen Welt eingeführt zu werden. Aber damit waren sie auch ausgesetzt dem, was man Verlust des Ich nennen könnte. Doch war dieser Zustand nicht so gefährlich für die damaligen Menschen, weil sie mit einer gewissen ursprünglichen elementaren, gesunden Kraft behaftet waren und noch nicht so geschwächt waren in bezug auf ihre ursprünglichen Seelenkräfte, wie es die gegenwärtige Menschheit durch ihre hochgradige Intellektualität ist. So wie diese Menschen waren, haben sie alle diese gesteigerten Gefühle, die Hoffnungen des Frühlings, das Aufjauchzen des Sommers, die Wehmut des Herbstes, die Todesschauer des Winters durchmachen können und haben dennoch bis zu einem gewissen Grade ihr Ich behalten. Es mußte aber Vorsorge getroffen werden für diejenigen, welche Lehrer werden sollten für die heutige Menschheit, daß die Einweihung, das Hineinführen in den Makrokosmos in einer anderen Weise noch geschehen konnte. Worauf es ankommt, werden Sie begreifen können, wenn Sie sich vorstellen, daß ja die Hauptsache bei diesem Hinausleben in den Makrokosmos der Verlust des Ich ist. Das Ich wird immer schwächer und schwächer; der Mensch kommt schließlich in einen Zustand, wo er sich selber als menschliche Wesenheit verliert.
Was mußte geschehen, damit der Mensch sich nicht verlor? Es mußte ihm gerade die Kraft zugeführt werden, die man als die Kraft des Ich bezeichnet. Die Kraft, die schwächer wurde in seiner eigenen Seele, die Kraft des Ich, die mußte von außen zugeführt werden. Und das geschah dadurch, daß diese nordischen Mysterien immer so verliefen, daß derjenige, der eingeweiht werden sollte, die Unterstützung genoß von Gehilfen, die den einweihenden geistigen Führer unterstützten. Ein geistiger Führer mußte da sein, aber es mußten auch Gehilfen da sein, die diesen geistigen Führer unterstützten. Und diese Gehilfen kamen auf folgende Weise zustande. Es wurden Menschen besonders erzogen, besonders vorbereitet in der Art, daß der eine Mensch zum Beispiel diejenigen inneren Erlebnisse und Empfindungen besonders stark durchmachte, die man durchmacht, wenn man sich hingibt alle dem, was man nennen kann die aufsprießende Natur des Frühlings. Es ist früher gesagt worden, daß der Einzuweihende das nicht in genügend starkem Maße selber tun kann. Deshalb wurden Menschen besonders erzogen, welche alle ihre Seelenkräfte so in den Dienst dieser nordischen Mysterien stellen mußten, daß sie auf alles übrige verzichteten, also auf das, was Herbst, Sommer und Winter erleben lassen. Sie sollten alle ihre Seelenkräfte dazu verwenden, um die Eigenart der aufsprießenden Frühlingsnatur gefühlsmäßig zu erleben. Andere wurden wiederum dazu veranlaßt, zu erleben das volle Leben des Sommers, andere wurden veranlaßt, zu erleben das volle Leben des Herbstes, andere dasjenige des Winters. Es wurde also auf verschiedene Menschen das verteilt, was ein Mensch im Laufe des Jahres erleben kann. Dadurch hatte man Menschen, die ihr Ich in der verschiedensten Weise gestählt, gestärkt hatten. Sie hatten dadurch, daß sie dieses Ich verstärkt einseitig hatten, Überfluß an Ich-Kraft. Und nun wurden sie nach gewissen Regeln mit demjenigen, der eingeweiht werden sollte, so in Verbindung gebracht, daß sie ihre überschüssige Ich-Kraft ihm hingaben, daß diese auf ihn zuströmte. So daß der Einzuweihende, der den Jahreslauf durchmachen sollte, das Jahr so durchlebte, daß er zu gewissen höheren Erkenntnissen des Makrokosmos hinaufgeführt wurde, während seinem Ich die Ich-Kräfte des Einweihungspriesters und seiner Gehilfen zuströmten. Es ergoß sich in die Seele des Einzuweihenden das, was die anderen ihm geben konnten.
Wenn man einen solchen Vorgang verstehen will, dann muß man sich allerdings einen Begriff davon machen können, mit welcher Hingabe und Aufopferung in jenen alten Zeiten in den Mysterien gearbeitet worden war. Von jener Hingabe, von jener Aufopferung ist in der heutigen exoterischen Welt nicht viel zu finden. Früher haben sich Menschen willig dazu hergegeben, einseitig ihr Ich zu verstärken, damit sie die Kraft dieses Ich abgeben konnten an den einen, der eingeweiht werden sollte und von ihm dann erfahren konnten, was er erlebt hatte, indem er hinaufstieg in eine Ekstase, die aber jetzt keine Ekstase mehr war, weil ihm fremde Ich-Kräfte zugeströmt sind, sondern es war ein bewußtes Hinaufsteigen in den Makrokosmos. Es waren zwölf Menschen, drei Frühlings‑, drei Sommer‑, drei Herbst‑, drei Wintermenschen notwendig, welche verschieden ausgebildete Ich-Kräfte dem Einzuweihenden zusandten, der sich so in die höheren Welten hinauflebte und der dann aus den Erfahrungen heraus, die er da machte, mitteilen konnte, wie es in den höheren Welten aussieht.“ (Lit.: GA 119, S. 153ff, Hervorhebungen A.F.)
Diese Einweihung wurde im Hochsommer gesucht. Rudolf Steiner sagt: “Und ebenso wußte man in jener Zeit, daß der … Zustand in der Hochsommerszeit vorhanden ist, in der Johannizeit, Ende Juni. Da hat die Erde am meisten ausgeatmet. Da hat die Erde an den außerirdischen Kosmos ihre Seele hingegeben. Von der Weihnachtszeit bis zur Johannizeit nimmt man immer wahr das Hinausatmen des Seelischen in den weiten Weltenraum. Die Seele der Erde strebt den Sternen zu. Die Seele der Erde will das Leben der Sterne kennenlernen. Und die Seele der Erde ist in ihrer Art am meisten verbunden durch das Licht der Sommersonne mit den Sternbewegungen der Johannizeit. Das hat man in gewissen Gegenden in alten Zeiten, Tausende von Jahren vor dem Mysterium von Golgatha wahrgenommen. Das konnte man erkennen. Und aus diesem Erkennen ging die Pflege der Sommermysterien hervor.
In den Sommermysterien, in den Johannesmysterien, die insbesondere im Norden gepflegt worden sind, in den Hochsommermysterien suchten die Schüler der Eingeweihten unter dem Rate der Eingeweihten, ihrer Initiierten, der Erdenseele in die Sternenweiten zu folgen, um von den Sternen zu lesen, welche geistigen Geschehnisse, welche geistigen Tatsachen mit der Erde verbunden sind.” (GA 226, S. 102f)
Bei der südlichen Einweihung, auf dem Weg nach Innen ging es um die Geburt des höheren Selbst. Rudolf Steiner vergleicht dieses innere Erlebnis mit dem Weihnachtsereignis: “Die Augen des Geistes werden dem Eingeweihten geöffnet. Es tut sich ihm in Licht und Farbe eine Welt des Geistes auf, eine ganz neue, viel größere Welt als die physische, mit allen ihren Wesen und Bewohnern. Alle Dinge scheinen ihm belebt. In diesem Augenblick erleben die Eingeweihten die Geburt ihres höheren Selbst. Das nannte man das innere Christus-Fest. Was diese Auserwählten erleben konnten und was die Eingeweihten auch heute noch erleben können, war für die andern, in den kleinen Mysterien, ein Ideal, das sie alle zu erreichen hoffen durften, der eine bald, der andere später. Wer weiß, daß jeder viele Leben durchzumachen hat, der kann gewiß sein, daß auch in ihm seine Erweckung, jene Einweihung einmal Wirklichkeit werden wird; daß die Erweckung des Christus in ihm erreicht werden wird, die Weihnacht, da das Licht in seinem Inneren leuchten wird. Dann wird sich jener Spruch aus dem Johannes-Evangelium umkehren: Und das Licht wird in der Finsternis begriffen werden.” (GA 97, S. 79, Hervorhebungen A.F.)
Das Zusammenwirken von Denken und Wille
Die Mantren 14 N und 39 n sind sowohl Spiegel- als auch Gegensprüche zueinander. Zum einen entsprechen sie sich in ihrer Grammatik und regen dadurch das Denken an, zum anderen tragen sie denselben Buchstaben, das “N” in der Überschrift und liegen sich im Jahreskreis gegenüber, worin ich Willensqualität ausgedrückt sehe. Rudolf Steiner beschreibt, dass Denken und Wille auf bedeutsame Art zusammenwirken:
“Der Mensch steht da in der Welt auf der einen Seite als ein Betrachtender, auf der anderen Seite als ein Handelnder, zwischen drinnen steht er mit seinem Fühlen. Er ist auf der einen Seite mit seinem Fühlen hingegeben an dasjenige, was sich seiner Betrachtung ergibt, auf der anderen Seite ist er mit seinem Fühlen wiederum beteiligt an seinem Handeln. … Nur dadurch, daß wir betrachtende Wesen sind, werden wir im vollsten Sinne des Wortes eigentlich Mensch. … Zu denken, daß wir die Welt nicht betrachten können, würde bedeuten, daß wir unser ganzes Menschsein von uns abtun müssen. Als handelnde Menschen stehen wir drinnen im sozialen Leben. Und im Grunde genommen hat alles das, was wir zwischen Geburt und Tod vollbringen, eine gewisse soziale Bedeutung.
Nun wissen Sie, daß, insofern wir betrachtende Wesen sind, in uns der Gedanke lebt, insofern wir handelnde Wesen sind, also auch insofern wir soziale Wesen sind, in uns der Wille lebt. … In allem Willensartigen lebt das Gedankenartige, in allem Gedanklichen lebt das Willensartige. Und es ist durchaus notwendig, daß man gerade über die hier in Frage kommenden Dinge sich klar werde, wenn man jene Brücke, von der ich hier jetzt schon so oft gesprochen habe, im Ernste bauen will, die Brücke zwischen der moralisch-geistigen Weltordnung und der physisch-natürlichen Ordnung.
… Die Art und Weise, wie wir die Gedanken verknüpfen und voneinander lösen, die Art und Weise, wie wir innerlich die Gedanken verarbeiten, wie wir urteilen, wie wir Schlüsse ziehen, wie wir uns überhaupt im Gedankenleben orientieren, das ist unser, ist uns eigen. Der Wille in unserem Gedankenleben ist unser eigener.
Wenn wir auf dieses Gedankenleben hinblicken, so müssen wir uns gerade bei einer sorgfältigen Selbstprüfung sagen …: Die Gedanken kommen uns von außen ihrem Inhalte nach, die Bearbeitung der Gedanken, die geht von uns aus. … Es ist für die Erfüllung dessen, was Selbsterkenntnis von uns Menschen will, im hohen Grade bedeutsam, wenn wir auseinanderhalten, wie auf der einen Seite uns von der Umwelt der Gedankeninhalt kommt, wie auf der anderen Seite aus unserem Inneren in die Gedankenwelt einstrahlt die Kraft des Willens, die von innen kommt.
Wie wird man eigentlich innerlich immer geistiger und geistiger? … Geistiger wird man durch die innere willensgemäße Arbeit innerhalb der Gedanken. … Und je stärker, je intensiver dieses innere Willensstrahlen wird in dem Elemente, wo eben die Gedanken sind, desto geistiger werden wir. Wenn wir Gedanken von der äußeren physisch-sinnlichen Welt aufnehmen…, dann werden wir dadurch … unfrei, denn wir werden hingegeben an die Zusammenhänge der äußeren Welt; … erst in der inneren Verarbeitung werden wir frei.
Nun gibt es eine Möglichkeit, ganz frei zu werden, frei zu werden in seinem inneren Leben, wenn man den Gedankeninhalt, insofern er von außen kommt, möglichst ausschließt, immer mehr und mehr ausschließt, und das Willenselement, das im Urteilen, im Schlüsseziehen unsere Gedanken durchstrahlt, in besondere Regsamkeit versetzt. Dadurch aber wird unser Denken … das reine Denken. Wir denken, aber im Denken lebt nur Wille. … Dasjenige, was da in uns lebt, lebt in der Sphäre des Denkens. Aber wenn es reines Denken geworden ist, ist es eigentlich ebensogut als reiner Wille anzusprechen. So daß wir aufsteigen dazu, uns vom Denken zum Willen zu erheben, wenn wir innerlich frei werden, daß wir gewissermaßen unser Denken so reif machen, daß es ganz und gar durchstrahlt wird vom Willen … Auf diese Weise heben wir uns heraus aus der physisch-sinnlichen Notwendigkeit, durchstrahlen uns mit dem, was uns eigen ist und bereiten uns vor für die moralische Intuition. Und auf solchen moralischen Intuitionen beruht doch alles das, was den Menschen von der geistigen Welt aus zunächst erfüllen kann. Es lebt also auf dasjenige, was Freiheit ist, dann, wenn wir gerade in unserem Denken immer mächtiger und mächtiger werden lassen den Willen.
Betrachten wir den Menschen von dem anderen Pol aus, von dem Willenspol. Der Wille, wann tritt er durch unser Handeln uns besonders klar vor das Seelenauge? … Je mehr wir aus unserem Organischen herausgehen und übergehen zur Tätigkeit, die vom Organischen gewissermaßen losgelöst ist, desto mehr tragen wir in unser Handeln die Gedanken hinein. Das Niesen steckt noch ganz im Organischen drinnen, das Sprechen steckt zum großen Teil im Organischen drinnen, das Gehen schon sehr wenig, dasjenige, was wir mit den Händen vollziehen, auch sehr wenig. Und so geht es allmählich über in immer mehr und mehr vom Organischen in uns losgelöste Handlungen. Diese Handlungen, die verfolgen wir mit unseren Gedanken, wenn wir auch nicht wissen, wie der Wille in diese Handlungen hineinschießt. … Wir tragen in unser Handeln die Gedanken hinein, und je mehr sich unser Handeln ausbildet, desto mehr tragen wir die Gedanken in unser Handeln hinein.
Sie sehen, wir werden immer innerlicher und innerlicher, indem wir unsere Eigenkraft als Wille in das Denken hineinschicken, das Denken gewissermaßen ganz vom Willen durchstrahlen lassen. Wir bringen den Willen in das Denken hinein und gelangen dadurch zur Freiheit. Wir gelangen dazu, indem wir immer mehr und mehr unser Handeln ausbilden, in dieses Handeln die Gedanken hineinzutragen. Wir durchstrahlen unser Handeln, das ja aus unserem Willen hervorgeht, mit unseren Gedanken. Auf der einen Seite, nach innen, leben wir ein Gedankenleben; das durchstrahlen wir mit dem Willen und finden so die Freiheit. Auf der anderen Seite, nach außen, fließen unsere Handlungen von uns aus dem Willen heraus; wir durchsetzen sie mit unseren Gedanken.
Aber wodurch werden denn unsere Handlungen immer ausgebildeter? … Wir kommen zu einem immer vollkommeneren Handeln eigentlich dadurch, daß wir diejenige Kraft in uns ausbilden, die man nicht anders nennen kann als Hingabe an die Außenwelt. Je mehr unsere Hingabe an die Außenwelt wächst, desto mehr regt uns diese Außenwelt an zum Handeln. … Was ist Hingabe an die Außenwelt? Hingabe an die Außenwelt, die uns durchdringt, die unser Handeln mit den Gedanken durchdringt, ist nichts anderes als Liebe.
Geradeso wie wir zur Freiheit kommen durch die Durchstrahlung des Gedankenlebens mit dem Willen, so kommen wir zur Liebe durch die Durchsetzung des Willenslebens mit Gedanken. Wir entwickeln in unserem Handeln Liebe dadurch, daß wir die Gedanken hineinstrahlen lassen in das Willensgemäße; wir entwickeln in unserem Denken Freiheit dadurch, daß wir das Willensgemäße hineinstrahlen lassen in die Gedanken. Und da wir als Mensch eine Ganzheit, eine Totalität sind, so wird, wenn wir dazu kommen, in dem Gedankenleben die Freiheit und in dem Willensleben die Liebe zu finden, in unserem Handeln die Freiheit, in unserem Denken die Liebe mitwirken. Sie durchstrahlen einander, und wir vollziehen ein Handeln, ein gedankenvolles Handeln in Liebe, ein willensdurchsetztes Denken, aus dem wiederum das Handlungsgemäße in Freiheit entspringt.
Sie sehen, wie im Menschen die zwei größten Ideale zusammenwachsen, Freiheit und Liebe. Und Freiheit und Liebe sind auch dasjenige, was eben der Mensch, indem er dasteht in der Welt, in sich so verwirklichen kann, daß gewissermaßen das eine mit dem anderen sich gerade durch den Menschen für die Welt verbindet. .…
Alte Traditionen sprechen gerade hier bei dem, was Gedankenleben ist, was in seinem Bilddasein angewiesen ist, vom Willen durchstrahlt zu werden, um zur Realität zu werden — alte Vorstellungen sprechen hier von Schein (siehe Zeichnung).
Sehen wir uns den anderen Pol des Menschen an, wo die Gedanken nach dem Willensmäßigen hinstrahlen, wo in Liebe die Dinge vollbracht werden: da prallt gewissermaßen unser Bewußtsein an der Realität ab. Sie können nicht hineinschauen in jenes Reich der Finsternis — für das Bewußtsein das Reich der Finsternis -, wo der Wille sich entfaltet… Sie bewegen Ihren Arm; aber was da Kompliziertes vorgeht, das bleibt dem gewöhnlichen Bewußtsein geradeso unbewußt wie die Dinge des tiefen Schlafes, der traumlos ist. … Das Reale aber ist es, in dem wir leben, und das nicht ins gewöhnliche Bewußtsein heraufstrahlt. Alte Traditionen sprachen hier von Gewalt, weil dasjenige, in dem wir als Realität leben, zwar von dem Gedanken durchsetzt wird, aber der Gedanke doch in einer gewissen Weise in dem Leben zwischen Geburt und Tod davon abgeprallt ist (siehe Zeichnung).
Zwischen beiden drinnen liegt der Ausgleich, liegt dasjenige, was den Willen, der gewissermaßen nach dem Haupte strahlt, die Gedanken, die sozusagen mit dem Herzen, in unserem Handeln in Liebe erfühlt werden, was diese beiden miteinander verbindet: das gefühlsmäßige Leben, das sowohl nach dem Willensmäßigen hinzielen kann, wie nach dem Gedanken hinzielen kann. Wir leben in einem Elemente im gewöhnlichen Bewußtsein, wodurch wir auf der einen Seite dasjenige erfassen, was in unserem zur Freiheit hinneigenden, willensdurchsetzten Denken zum Ausdruck kommt, auf der anderen Seite, wo wir versuchen, immer gedankenvoller dasjenige zu haben, was in unser Handeln übergeht. Und was die Verbindungsbrücke zwischen beiden bildet, das nannte man von alten Zeiten her die Weisheit (siehe Zeichnung).
… Was aber geht denn eigentlich vor, indem der Mensch sein Gedankenleben entwickelt? Eine Realität wird zum Schein. … Wir tragen in unserem Haupte zwischen Geburt und Tod dasjenige, was aus einer Vorzeit, wo es Realität war, hereinragt als Schein, und wir durchstrahlen von unserem übrigen Organismus den Schein mit dem realen Elemente, das aus unserem Stoffwechsel kommt, mit dem realen Elemente des Willens. Da haben wir eine Keimbildung, die zunächst in unserem Menschentum abläuft, die aber eine kosmische Bedeutung hat. … Das ist dasjenige, wodurch die in den Schein ersterbende Vergangenheit wiederum angeregt wird durch das, was im Willen erstrahlt, zur Realität der Zukunft.
Verstehen wir recht: Was geschieht, wenn der Mensch sich zum reinen, das heißt, willensdurchstrahlten Denken erhebt? In ihm entwickelt sich auf Grundlage dessen, was der Schein aufgelöst hat ‑der Vergangenheit —, durch die Befruchtung mit dem Willen, der aus seiner Ichheit aufsteigt, eine neue Realität in die Zukunft hin. Er ist der Träger des Keimes in die Zukunft. Der Mutterboden gewissermaßen sind die realen Gedanken der Vergangenheit, und in diesen Mutterboden wird versenkt dasjenige, was aus dem Individuellen kommt, und der Keim wird in die Zukunft geschickt zum zukünftigen Leben.
Und auf der anderen Seite entwickelt der Mensch, indem er seine Handlungen, sein Willensgemäßes mit Gedanken durchsetzt, dasjenige, was er in Liebe vollbringt. Es löst sich von ihm los. Unsere Handlungen bleiben nicht bei uns. Sie werden Weltgeschehen; wenn sie von Liebe durchsetzt sind, dann geht die Liebe mit ihnen. … Indem wir aus dem Schein durch die Befruchtung des Willens dasjenige entwickeln, was aus unserem Inneren hervorgeht, trifft das, was da gewissermaßen aus unserem Kopfe fortströmt in die Welt, auf unsere gedankendurchsetzten Handlungen auf. Geradeso wie wenn eine Pflanze sich entwickelt, in ihrer Blüte der Keim ist, den außen das Licht der Sonne treffen muß, den außen die Luft treffen muß und so weiter, dem etwas entgegenkommen muß aus dem Kosmos, damit er wachsen kann, so muß dasjenige, was durch die Freiheit entwickelt wird, durch die entgegenkommende, in den Handlungen lebende Liebe ein Wachstumselement finden (siehe Zeichnung).
So steht der Mensch tatsächlich drinnen in dem Weltenwerden, und was innerhalb seiner Haut geschieht, und was aus seiner Haut ausfließt als Handlungen, das hat nicht bloß eine Bedeutung an ihm, das ist Weltgeschehen. Er ist hineingestellt in das kosmische, in das Weltgeschehen. Indem dasjenige, was in der Vorzeit real war, zum Schein im Menschen wird, löst sich fortwährend Realität auf, und indem dieser Schein wiederum befruchtet wird durch den Willen, entsteht neue Realität.” (GA 202, Zwölfter Vortrag, Hervorhebungen A.F.)
Über die Spiegelsprüche 14 N und 39 n
Die Mantren 14 N und 39 n spiegeln nicht nur, wie die anderen Mantren-Paare, sie tragen auch als einziges Spiegelspruch-Paar den gleichen Buchstaben – das “N” — in der Überschrift. Dadurch heben sie sich von den anderen Mantren-Paaren ab. Aufgrund dieser Besonderheit bezeichne ich beide Mantren zusammen als die Schwelle. Beide grenzen an Scheitelpunkte des Seelenkalender-Jahreskreises. Das Mantra 14 N ist das erste nach dem oberen Scheitelpunkt, also das erste auf dem absteigenden Kreisbogen. Das Mantra 39 n ist das letzte Mantra dieses Kreisbogens. Es steht vor dem unteren Scheitelpunkt des Jahreskreises. Danach beginnt der aufsteigende Kreisbogen. Das Mantra 39 n gehört zur Woche des Jahreswechsels und folgt auf das Weihnachtsmantra.
Beide Mantren nehmen die Perspektive eines wachen Ich-Sprechers ein und behandeln deshalb Prozessen, die im Bewusstsein stattfinden.
In beiden Mantren ist der Ich-Sprecher an etwas hingegeben. Im Mantra 14 N an die Sinnesoffenbarung, im Mantra 39 n an die Geistesoffenbarung. Sowohl Sinne als auch Geist vermitteln Offenbarung. Sie vermitteln das in ihnen verborgene, das sich öffnet, sich zeigt und im Licht erscheint. In beiden Mantren ist der Ich-Sprecher der Offenbarung hingegeben. Er gibt sich ganz diesem Erleben hin, ordnet sich als Empfangender unter. Im Mantra 14 N führte die Hingabe dazu, dass der Ich-Sprecher etwas in der Vergangenheit verlor, im Mantra 39 n gewinnt er etwas in der Gegenwart. Im Mantra 14 N verlor er Eigenwesens Trieb, im Mantra 39 n gewinnt er des Weltenwesens Licht. In einem Fall verlor er etwas dem einzelnen Menschen zugehöriges, im anderen Fall gewinnt er etwas allgemeines, Weltumfassendes.
Das Mantra 14 N ähnelt damit den Krisensprüchen, denn es wird eine Gefahr geschildert und anschließend die Lösung. Während der Ich-Sprecher an die Sinnesoffenbarung hingegeben war, verlor er den Trieb, ein Eigenwesen zu sein. Er verlor den im Ätherleib vorhandenen Trieb, also das Bestreben, — aufgrund der als persönlichen Besitz erlebten Lebenskraft — sich als ein abgegrenztes, der Welt gegenüberstehendes, eigenständiges Wesen zu erleben. Damit klingt die Gefahr des Ich-Verlustes an, wie sie Rudolf Steiner für die nördliche Einweihung schildert. Durch extatische Hingabe an die Wahrnehmung — die Sinnesoffenbarung — droht der Bezug zum eigenen Inneren verloren zu gehen.
Das Mantra 39 n ähnelt den Lichtsprüchen, denn der Ich-Sprecher gewinnt Licht. Er gewinnt das Licht des Weltenwesens. Ich verstehe den Christus als das Weltenwesen, denn mit seiner Grablegung und Auferstehung ist er der Geist der Erde und des Kosmos, also der Welt geworden.
Dann folgt im Mantra 14 N “Gedankentraum”, im Mantra 39 n “Gedankenkraft”. Der Gedankentraum ist das traumhaft unbewusste Vorstellungsbild im Denken. Die Gedankenkraft ist das vom Willen bewusst geführte Denken. Der Gedankentraum (14 N) schien zu betäuben und das Selbst zu rauben. Eine Betäubung raubt dem Menschen seine Fähigkeit, bewusst wahrzunehmen, sich der Welt als Ich gegenüber zu stellen. Dadurch verliert er den Leib als Spiegelungsapparat für sein Ich, das laut Rudolf Steiner als Selbst erlebt wird.
Ein zweistufiger Verlust wird im Mantra 14 N geschildert: der Trieb ging verloren, das Selbst schien betäubt und geraubt. Der Trieb entstammt dem Ätherleib. Durch die Hingabe an die Sinnesoffenbarung ging der Trieb, ein Eigenwesen zu sein, verloren. Das gehört zum Wahrnehmungsvorgang, denn der Mensch geht wahrnehmend aus sich heraus und wird eins mit dem Wahrnehmungsgegenstand. Die daraufhin unbewusst, traumhaft gebildeten Vorstellungsbilder scheinen das Selbst zu rauben und gleichzeitig betäubend zu wirken. Rudolf Steiner sagt: “Wessen Kräfte nicht gestählt sind, wenn er die «Schwelle» betritt, der empfindet nicht die Wirklichkeit der ewigen, geistigen Gewalten, die ihm da entgegentreten. Statt sich zu verbinden mit einer höheren Welt, fällt er in die niedere zurück.” (GA 34 S. 56) Und an anderer Stelle: “Und daß sie [mathematische Vorstellungen] uns für unser Bewußtsein als real erscheinen, das rührt davon her, daß sie vom Willen durchstrahlt sind. Diese Durchstrahlung des Willens macht sie real.” (GA 202, Zwölfter Vortrag)
Das Durchstrahlen mit dem Willen fehlt dem gedanklichen Vorstellungsbild also. Deshalb ist es Traum, weil es nicht bewusst willentlich erschaffen wurde. Und weil das Erleben der eigenen Kraft im Erschaffen mangelhaft ist, fehlt die Selbstwahrnehmung, weshalb das Selbst geraubt scheint. Die Vorstellung wird dadurch zu einer von außen passiv aufgenommenen. So lange die Seele an dieser Vorstellung festhält, sie nicht hinterfragt, bleibt ihre Eigenaktivität gelähmt, betäubt.
Im Mantra 39 n wird die gegenteilige Situation im Denken geschildert. Hier wächst die Gedankenkraft, klärt sich und gibt dem Ich-Sprecher sich selbst. Das geschieht, weil das Licht des Weltenwesens durch die Hingabe an die Geistesoffenbarung gewonnen wird. Dieser Ich-Sprecher empfängt bereits Offenbarungen aus dem Geist. Er ist einen Schritt weiter, könnte man sagen. Lese ich das Mantra jedoch als Beschreibung des Weges nach innen, könnte es sich auch um die Offenbarungen des eigenen Geistes handeln — und diese liegen der Seele viel näher als die Geisterkenntnis hinter der Sinnesoffenbarung. Den Geistesoffenbarungen gibt sich der Ich-Sprecher hin und gewinnt dadurch das Licht, das zum Weltenwesen gehört — das von ihm ausströmt.
Möglicherweise handelt es sich bei diesem Licht um das Licht aus Geistestiefen (31 e und 5 E), das ich als das Licht des Bewusstseins beschrieben habe. Es entsteht durch latente Absterbeprozesse des Körpers, durch die Ätherisation des Blutes, wie Rudolf Steiner es beschreibt. Dadurch ist es Licht, das von der Materie kommt, von der irdischen Welt — vom Weltenwesen. Ich denke hier an den Rosenkreuzerspruch: «Ex deo nascimur — In Christo morimur — Per spiritum sanctum reviviscimus» (Aus dem Gotte sind wir geboren — In dem Christus sterben wir — Durch den Heiligen Geist werden wir auferstehen). Indem das Leben stirbt, ersteht es als Licht, als Bewusstseinslicht. Wer also an Geistesoffenbarung, an die Offenbarung des Ewigen, Unwandelbaren, des Nicht-Lebenden und sich nicht Entwickelnden — an den “Vater” hingegeben ist, der gewinnt das Licht des Weltenwesens, des Christus. Und fast selbstredend wächst durch das zunehmende Bewusstsein die Gedankenkraft. Je mehr Fragen schon durchdacht wurden, desto klarer wird die Erkenntnis. Die Gedankenkraft klärt sich dadurch. Und je intensiver das Denken betätigt wird, desto stärker erlebt sich der Mensch als derjenige, der denkt. Die Gedankenkraft gibt dem Menschen sich selbst. Aus Bewusstsein wird Selbstbewusstsein. Aus der astralen Bewusstseinskraft wird das vom Ich durchstrahlte Selbstbewusstsein.
In beiden Mantren wirkt jetzt etwas weckend. Im Mantra 14 N ist es das Weltendenken, im Mantra 39 n das Selbstgefühl. Im Mantra 14 N steht dieses Wecken im Gegensatz zur vorher beschriebenen Gefahr des drohenden Selbstverlusts — das Weckende wird mit “Doch” eingeleitet. Im Mantra 39 n ist das Wecken ein nächster Schritt — das Weckende ist durch “Und” verbunden mit dem vorher gesagten. Im Mantra 14 N naht das Weckende, im Mantra 39 n löst es sich. Es löst sich für den Ich-Sprecher aus (seiner) Denkermacht. Das Selbstgefühl (39 n) löst sich aus der Denkermacht heraus, verselbständigt sich. Das Weltendenken (14 N) naht dagegen im Sinnenschein. Es ist „eingekleidet“ eingehüllt in Sinnenschein.
Rudolf Steiner sagt, das „Schein“ der alte Begriff ist für das Vorstellungsleben, das vom Willen durchstrahlt werden muss, um zur Realität zu werden (siehe Zitat oben). Doch das Weltendenken, das im Sinnenschein wirkt, ihn durchstrahlt, ist keine menschliche Willenskraft. Es ist die Kraft, die die Welt ausgedacht hat, die all die weisheitsvoll gefügten Gesetzmäßigkeiten „erfunden“, erschaffen hat. Im Weltendenken kann der Christus als von Anbeginn wirkender Schöpfergott, als Logos erblickt werden. Und dadurch ist das Weltendenken ein handelndes, vom Willen durchdrungenes, mit ihm Eins gewordenes Denken. Wenn das Weltendenken den Sinnenschein durchstrahlt, wenn der Schöpferwillen aus dem Sinnenschein auf den Ich-Sprecher zukommt – ihm naht, wacht der Ich-Sprecher aus dem Gedankentraum auf, der sein Selbst zu rauben schien. Dann wird auch sein Denken Realität und die bloße Vorstellung des Selbst wird zum Schöpfungsakt des eigenen Selbst. Nun erlebt sich der Ich-Sprecher nicht mehr getrieben, ein Eigenwesen zu sein. Nun ist er ein aus Sinnenschein – also Vorstellung – und Weltendenken – der Kraft, die die Geschöpfe will – ein geistig erschaffenes Selbst.
Rudolf Steiner sagt, dass der nordische Mensch sein Ich von außen auf sich zukommen sah – ganz so, wie dem Ich-Sprecher das Weltendenken naht. Und in der entsprechenden Einweihung drohte eine Gefahr, die der im Mantra 14 N beschriebenen ähnelt. Ich erkenne in diesem Mantra das nördliche Einweihungserleben wieder. Dementsprechend stellt sich die Frage, ob das Mantra 39 n den südlichen Einweihungsweg beschreibt.
Über den Willen sagt Rudolf Steiner, dass in der eigentlichen, tief unbewussten Willenssphäre eine Kraft lebt, die das Bewusstsein abprallen lässt. Diese Kraft wurde „Gewalt“ genannt (siehe oben). Das Selbstgefühl (39 n) löst sich aus Denkermacht. Das Wort „Macht“ steht inhaltlich dem Wort „Gewalt“ nahe, wenn auch Gewalt auf mich einen noch machtvolleren Eindruck macht. Dann kann ich lesen: aus der Denkermacht – aus dem mit Willensmacht, mit Gewalt durchsetztem Denken löst sich das Selbstgefühl. Der Prozess ist ebenso wie im Mantra 14 N ein Geschehen, dass im oberen Menschen, im Denken stattfindet. Von daher gesehen beschreibt das Mantra 39 n keinen gegenteiligen Prozess zum Mantra 14 N, denn der müsste im Willensbereich stattfinden. Und doch wirken Denken und Wille hier anders zusammen.
Das von außen kommende ist des „Weltenwesens Licht“, also der Schein des göttlichen Denkens, des Weltendenkens. Dieses Licht gewinnt der Ich-Sprecher. Es befruchtet den Willen, die Gedankenkraft, sodass aus der Denkermacht, der Gewalt im Denken sich etwas Neues bildet, das Selbstgefühl. Dieses Selbstgefühl löst sich aus Denkermacht wie das Kind, das geboren wird. Das Selbstgefühl wird dadurch zur dritten äußeren Instanz, die im Mantra auftritt. Die ersten beiden waren die Geistesoffenbarung und das Licht des Weltenwesens. In der Geistesoffenbarung kann dem Rosenkreuzerspruch folgend (wie oben dargestellt) der Vatergott erlebt werden und im Licht des Weltenwesens der Christus. Im sich lösenden Selbstgefühl kann der Heilige Geist vermutet werden, aus dessen Kraft, wie der Spruch sagt, wir wieder auferstehen — neu geboren werden.
Selbstgefühl (39 n) ist die im Fühlen entstehende Sicherheit, ein Selbst zu sein. Selbstgefühl ist also kein Gedanke, kein Gedankentraum, der das Selbst droht zu rauben (14 N), weil ein Gedanke eben nicht Realität, sondern Schein ist. Und Selbstgefühl entstammt auch nicht dem Trieb, Eigenwesen zu sein (14 N), das heißt aus dem Willen. Selbstgefühl entstammt der mittleren der drei Seelenfähigkeiten, dem Gefühl. Selbstgefühl löst sich als eigene Realität ab von der Gedankenmacht. Selbstgefühl bildet sich im Weltenlicht empfangenden und von Willensmacht durchstrahlten Denken – also durch einen geistigen Prozess. Und dieses Zusammenwirken der Polaritäten erschafft die Realität des Selbstgefühls. Selbstgefühl ist die fühlende Wahrnehmung des aus dem Geist, aus Denkermacht sich lösenden Selbst – und damit des eigenen Geistselbst.
Das Selbstgefühl wirkt selber weckend. Es weckt auf wie die aufgehende Sonne am Morgen. Ich denke, das Selbstgefühl ist das, was im Bild das Erleben der Sonne um Mitternacht für die Einweihungsschüler war. Das Selbstgefühl als fühlende Wahrnehmung des eigenen Geistselbst war das Ziel der Einweihung in die eigenen Seelentiefen, das dem Weihnachtsereignis entsprechende Seelenerlebnis. Der südliche Einweihungsweg hatte hier seinen Hauptfokus, wie der nördliche das vorrangige Ziel hatte, in den Makrokosmos zu führen – für das Weltendenken zu erwachen. Doch auf jedem der beiden Einweihungswege galt es im zweiten Schritt, auch den anderen Weg zu gehen. In der nördlichen Einweihung wurde der Weg in den Makrokosmos gesucht, um von dort aus den Mikrokosmos, das Seeleninnere zu erkennen. In der südlichen Einweihung wurde der Weg in die eigene Seele gesucht, um von hier aus durchzudringen in den geistigen Makrokosmos, die große Welt.