Die Gegensprüche 1 A und 27 a

FRÜHLING

1 A

Wenn aus den Weltenweiten

Die Sonne spricht zum Menschensinn

Und Freude aus den Seelentiefen

Dem Licht sich eint im Schauen,

Dann ziehen aus der Selb­s­theit Hülle

Gedanken in die Raumesfernen

Und binden dumpf

Des Men­schen Wesen an des Geistes Sein.

HERBST

27 a

In meines Wesens Tiefen dringen:

Erregt ein ahnungsvolles Sehnen,

Dass ich mich selb­st­be­tra­ch­t­end finde,

Als Som­mer­son­nengabe, die als Keim

In Herb­stesstim­mung wär­mend lebt

Als mein­er Seele Kräftetrieb.

.…

.…

 

 

Die Eurythmieformen zu den Mantren 1 A und 27 a

Über den Buchstaben “A”

Das Gegen­spruch-Paar 1 A und 27 a ist durch den Buch­staben A ver­bun­den. Das A ist der erste Buch­stabe des Alpha­bets, Laut bzw. Schrift­sym­bol des Anfangs. Hier begin­nt die Evo­lu­tion des Men­schen, die sich in der Rei­he der Laute und ihrer Schrift­sym­bole ver­birgt, wie Rudolf Stein­er betont. Der griechis­che Name dieses ersten Lautes ist “Alpha”, her­vorge­gan­gen aus dem hebräis­chen “Aleph”. “Was war in der hebräis­chen Sprache der Aleph? … Es war der sich ver­wun­dernde Men­sch”, sagt Rudolf Stein­er (GA 279). Und an ander­er Stelle sagt er: “…und der Men­sch war als Sat­urn­men­sch [als Men­sch auf dem alten Sat­urn, der nur als Wärme vorhan­de­nen ersten Inkar­na­tion der Erde] eben­sogut Ver­wun­derung, wie er Wärme war. Er lebte in Ver­wun­derung, in Staunen über sein eigenes Dasein, denn er kam nun erst in dieses Dasein. Das ist Alpha: Der in Ver­wun­derung lebende Wärmemen­sch, der Sat­urn­men­sch.” (GA 346, S. 49)

Ernst Moll beschreibt das Schriftze­ichen des lateinis­chen A fol­gen­der­maßen: “Der gebär­den­hafte Aus­druck für das A ist die Gabel­bil­dung, der Winkel. Indem Strahlen aus­ge­hen von einem Mit­telpunkt, bilden sie solche Gabelun­gen oder Winkel. Das ist der Schöpferaspekt, der Göt­teraspekt des A. … In einem Fall kommt zur Darstel­lung der göt­tliche Anfang, indem Strahlen aus­ge­hen von einem Mit­telpunkt. Im anderen, wesentlicheren Fall der men­schliche Anfang, wo ein Mit­telpunkt entste­ht durch das Zusam­men­strahlen von Kräften, von Punk­ten aus dem Umkreis. … Bei­des ist eine ‘Gabel’, ein Winkel, als Sym­bol eines Anfangs. … Im A‑Erlebnis öffnet sich der Men­sch der Welt.” (Die Sprache der Laute, S. 47)

Rudolf Stein­er beschreibt dieses Ausstrahlen eben­so als Charak­ter­is­tikum des A in Gestalt des Aleph bzw. Alpha: Eine Sch­necke kann kein Aleph sein. … Ein Fisch kön­nte schon ein Alpha sein. Warum? Weil der Fisch ein Rück­grat hat, und weil das Rück­grat den Aus­gangspunkt des Wer­dens in einem solchen Wesen, das ein Aleph ist, bedeutet. Fassen Sie das Rück­grat so auf, dass vom Rück­grat strahlig aus­ge­ht das­jenige [die Rip­pen], was das Aleph oder Alpha aus­macht.” (GA 279)

Im Brustko­rb eingeschlossen ist die Lunge und so weist Aleph eben­so auf den atmenden Men­schen. Rudolf Stein­er sagt: „Ich habe auch schon darauf aufmerk­sam gemacht, wie ein wirk­lich­es Ver­ständ­nis des Alpha — Aleph im Hebräis­chen — dazu führt, zu erken­nen, daß man, indem man diesen Buch­staben so benan­nte, aus­druck­en wollte: er ist das Sinnbild für den Men­schen. Alpha ist eigentlich, wenn man es annäh­ernd mit einem heuti­gen Worte aus­drück­en will, «der sein Atmen Empfind­ende». In dieser Benen­nung liegt direkt die Hin­deu­tung auf das Wort des Alten Tes­ta­mentes: der Erden­men­sch wurde dadurch geschaf­fen, daß ihm der lebendi­ge Odem einge­haucht wurde. — Das also, was da getan wurde mit dem Atmen, um den Men­schen zum Erden­men­schen zu machen, das Wesen, das dadurch dem Men­schen aufge­drückt wor­den ist, daß er der die Atmung Erlebende, Empfind­ende gewor­den ist, der die Atmung in sein Bewußt­sein Here­in­nehmende, das sollte mit dem ersten Buch­staben des Alpha­bets zum Aus­drucke kom­men.” (GA 209, S. 108) Mit dem Atem bekam der Men­sch seinen Geist. Der Atem ist Bild des Geistes und deshalb wird in Indi­en der atmende Men­sch als Geist­men­sch, als Atma bzw. Atman benan­nt. “… wenn das Ich endlich so stark gewor­den ist, … dass es den physis­chen Leib umwan­delt und seine Geset­ze reg­uliert, so dass das Ich über­all dabei ist und der Herrsch­er dessen ist, was im physis­chen Leibe lebt, dann nen­nen wir diesen so unter die Herrschaft des Ich gelangten Teil des physis­chen Leibes den ‘Geist­men­schen’ oder auch, weil jene Arbeit mit einem Reg­ulieren des Atmung­sprozess­es begin­nt, mit einem Worte der ori­en­tal­is­chen Philoso­phie ‘Atman’, was mit ‘Atmen’ zusam­men­hängt.” (GA 59, S. 15) Atman, den Geist­men­schen zu entwick­eln ist das ferne Ziel der men­schlichen Evo­lu­tion. So birgt der Laut des Anfangs gle­ichzeit­ig das Ziel in sich.

Über die Gegensprüche 1 A und 27 a

Das Mantra 1. und das 27. Mantra im See­lenkalen­der tra­gen die Sig­natur des A. Das Mantra 1 A ist das erste des ganzen See­lenkalen­der-Jahres. Es ste­ht am Beginn des Som­mer-Hal­b­jahres. Das Mantra 27 a ist das erste des Win­ter-Hal­b­jahres. Inhaltlich verbindet bei­de Mantren die Sonne, die mit ihren vom Mit­telpunkt ausstrahlen­den Son­nen­strahlen die A‑Geste vol­lzieht. Im Mantra 1 A spricht die Sonne zum Men­schensinn, im Mantra 27 a ahnt der Ich-Sprech­er sein Sonne-Sein und sehnt sich danach, sich im Ein­drin­gen in die Tiefe des eige­nen Wesens, in der Innen­schau, in der Selb­st­be­tra­ch­tung als Som­mer­son­nengabe zu finden.

Das Mantra 1 A beschreibt den Vor­gang in der neu­tralen drit­ten Per­son und meint mit dem Men­schen die ganze Men­schheit. Der Men­sch ist hier unbe­wusst. Im Mantra 27 a ist dage­gen ein einzel­ner Men­sch, ein wach­er Ich-Sprech­er anwe­send, der Kunde gibt von den Vorgän­gen in seinem Innern. So zeigen die Mantren 1 A und 27 a den Zusam­men­hang vom Unbe­wussten zum Bewusst­sein, von Gemein­schaft und Individuum.

Im Mantra 1 A spricht die Sonne aus den Wel­tenweit­en zum Men­schensinn. Sie strahlt auf ihn herab, in ihn ein und schenkt mit ihrem Licht die Möglichkeit wahrzunehmen. Der Men­sch ist hier ganz Wahrnehmung­sor­gan, ganz Sinn. Auch das Denken, das Zusam­men­hänge, Sinn erken­nt in der Flut der Wahrnehmungen, kann als ein “Sin­nesor­gan” ange­sprochen wer­den. Ist die Sin­n­find­ung gelun­gen, antwortet das Innere des Men­schen mit Freude und das Sehen wird zum Schauen.

Im Mantra 27 a ist es der Ich-Sprech­er, der Men­sch, der gle­ich dem Strahl der Sonne her­ableuchtet — nun in die Tiefe des eige­nen Wesens. Eine Ahnung von Zukun­ft, ein Hin­be­we­gen, ein Sehnen führt diesen Ich-Men­schen, um sich als Som­mer­son­nengabe, als Gabe der Som­mer­son­ne zu erken­nen. In der Selb­st­be­tra­ch­tung, wenn er wie in einen inneren Spiegel schaut, möchte er sich selb­st find­en — und zwar nicht so, wie er sich im Außen find­et als Men­sch voller Unzulänglichkeit­en, gemis­cht aus Licht und Schat­ten, son­dern als Geschenk der Som­mer­son­ne, als reines Licht.

Wenn der Men­sch also wahrgenom­men und ver­standen hat (1 A), find­et ein weit­er­er Prozess statt. Dann, so schildert das Mantra 1 A weit­er, zieht etwas aus ihm her­aus, strahlt etwas von ihm aus. Was da vom Men­schen sich löst, von ihm wegzieht, sich verselb­ständigt, das sind seine Gedanken. Aus der Selb­s­theit Hülle, also aus der leib­lichen Hülle ziehen die Gedanken in die Raumes­fer­nen, hin­aus in die Welt. Ein Gedanke wie z.B. die Idee der Evo­lu­tion der Arten löst sich von dem­jeni­gen, der diese Idee zum ersten Mal äußert. Sie wirkt weit­er in der Welt. Doch die Aus­sage des Mantras 1 A, wie diese vom Men­schen wegziehen­den Gedanken wirken über­rascht. Es schließt sich der Kreis gewis­ser­maßen, denn die Gedanken binden das Wesen des Men­schen — ohne dass dieser davon weiß — dumpf — an das Sein des Geistes. Die Sonne als geistiges Wesen sprach zu Beginn zum Men­schen. Er nahm ihr Sprechen auf, wie in der Einat­mung die Luft. Die durch dieses Sprechen aus­gelösten Gedanken des Men­schen gle­ichen der Ausat­mung. In seinen Gedanken ist der Men­sch sel­ber am meis­ten Geist. Deshalb haben die Gedanken die Macht, den Men­schen an den Geist zu binden, ihn den geisti­gen Geset­zen zu unter­w­er­fen. Dadurch ist er nicht nur Erden­men­sch, son­dern auch poten­tiell Geistmensch.

Auch im Mantra 27 a wird eine Gegen­be­we­gung angedeutet. Der Bewe­gung von oben nach unten beim Ein­drin­gen in die Tiefe des eige­nen Wesens fol­gt eine Wach­s­tums­be­we­gung von unten nach oben. Die Som­mer­son­nengabe ist nicht nur Sonne, sie ist auch Keim und damit ein von unten nach oben wach­sendes, lebendi­ges Wesen. Dieser Keim lebt wär­mend in ein­er herb­stlich kühlen Umge­bung — in Herb­stesstim­mung. Der Keim lebt in einem Leib, der sterblich ist, in dem es Herb­st ist. Doch im Keim, dem Geschenk der Som­mer­son­ne, lebt neue, junge Leben­skraft. Der Keim ist der Kräftetrieb der Seele. Ich denke, dass dieser von der Sonne stam­mende Keim die Kun­dalinikraft ist, die auf­steigende, den Tod über­windende Leben­skraft im Men­schen, die stufen­weise Chakra für Chakra immer andere Bewusst­sein­shor­i­zonte eröffnet. Damit zeigt sich dieser Kräftetrieb der Seele tat­säch­lich als ausstrahlen­des Bewusst­seinslicht — als Sonne.

Wel­terken­nt­nis (1 A) und Selb­sterken­nt­nis (27 a) vere­inen sich in diesen bei­den Mantren des Anfangs. Mit den Worten von Johann Wolf­gang von Goethe klingt dieser Zusam­men­hang so: “Der Men­sch ken­nt nur sich selb­st, insofern er die Welt ken­nt, die er nur in sich und sich nur in ihr gewahr wird. Jed­er neue Gegen­stand, wohl beschaut, schließt ein neues Organ in uns auf.”