Die Gegensprüche 11 L und 37 l

11 L

Es ist in dieser Sonnenstunde

An dir, die weise Kunde zu erkennen:

An Wel­tenschön­heit hingegeben,

In dir dich füh­lend zu durchleben:

Ver­lieren kann das Menschen-Ich

Und find­en sich im Welten-Ich.

WINTER

37 l

Zu tra­gen Geis­tes­licht in Weltenwinternacht

Erstre­bet selig meines Herzens Trieb,

Dass leuch­t­end Seelenkeime

In Wel­tengrün­den wurzeln,

Und Gotteswort im Sinnesdunkel

Verk­lärend alles Sein durchtönt.

Die Eurythmieformen zu den Mantren 11 L und 37 l

Über den Buchstaben “L”

Das L wird gebildet, indem die Zun­gen­spitze sich am oberen Gau­men hin­ter den Zäh­nen anschmiegt und der Luft­strom sich deshalb teilen muss. Dieses Umfließen, zu dem der Stimmk­lang tra­gende Atem­strom genötigt ist, gle­icht dem Wass­er, das um Steine herum­fließt. Deshalb ist das L der “Wass­er-Laut”. Das R ist dage­gen viel “rasch­er”, dynamis­ch­er und deshalb der “Luft-Laut”. Diese bei­den Laute ste­hen jew­eils alleine für ihr Ele­ment, das L für Wass­er und das R für Luft. Das ist bei den Laut­en der anderen bei­den Ele­mente anders. Sowohl das Feuer- als auch das Erdele­ment drück­en ihre Qual­itäten dif­feren­ziert durch eine ganze Rei­he ver­schieden­er Laute aus. Alle Blase­laute gehören zum Feuer, alle Stoßlaute ein­schließlich der Nasale zum Erdele­ment. Die vielfälti­gen Aspek­te des Wassers und der Luft sind jedoch zusam­menge­drängt in nur einem Laut, dem L bzw. R.  Deshalb kön­nen diese Laute als beson­ders “mächtig” erlebt werden.

Was verkör­pert der Wasser­laut L also? Schon äußer­lich betra­chtet ist die Ähn­lichkeit des L mit dem Wass­er bei der Artiku­la­tion des Lautes gegeben. Die Luft umfließt dabei die Zunge, wie das Wass­er einen Stein, eine Insel oder einen ganzen Kon­ti­nent. Rudolf Stein­er sagt, dass das L “etwas [zu tun hat] mit dem Gefühl, dass sich etwas herum­be­wegt, dass man in der Sprache nachzuah­men hat das sich Herum­be­we­gende.” (GA 299 In Ernst Moll, Die Sprache der Laute) So wun­dert es nicht, das L in vie­len Worten vorzufind­en, die mit dem Wass­er zu tun haben. Es ist der Laut des bewegten Wassers, der ‘Quellen’ und ‘Wellen’, der ‘Wolken’ und alles ‘Blauen’, des ‘Fließens’ und ‘Plätsch­erns’. Auch die ‘Flam­men’ des Feuers machen diese mean­dernde Bewe­gung, sie ‘flack­ern’ und ‘zün­geln’.

Auch mit der men­schlichen Sprache ste­ht das L in ein­er inti­men Beziehung, denn die Rede soll fließen, sie soll ohne Stock­en flüs­sig her­auskom­men. So wun­dert es nicht, dass die Schöpfer­mächte, die dem Men­schen die Sprache ermöglicht haben, auf hebräisch ‘El’, Plur­al ‘Elo­him’ heißen, das L also im Namen tra­gen. Die anderen Namen dieser Engel­hier­ar­chie laut­en Exu­sia (wörtlich ‘Ex-usia’, ‘aus der Macht’), oder Geis­ter der Form. Rudolf Stein­er sagt: “Die Geis­ter der Form sind die, welche den Men­schen dazu befähi­gen, sprechen, denken und aufrecht gehen zu ler­nen. In den ersten Lebens­monat­en und ‑jahren sind sie im Kampf mit luz­iferischen Geis­tern, die so stark und kräftig sind, dass sie das Bewusst­sein des Ich nicht aufkom­men lassen. Zulet­zt, nach den Anstren­gun­gen, die sein wahres Ich gemacht hat, ist der Men­sch einge­bet­tet in die Sphäre, in welch­er die Geis­ter der Form leben.” (GA 141, in: Ernst Moll, Die Sprache der Laute, S. 243) An ander­er Stelle sagt Rudolf Stein­er: “Die Geis­ter der Form schaf­fen nicht äußer­lich räum­liche For­men, son­dern das sind diese inneren, uns eigentlich nur zum Bewusst­sein kom­menden For­ma­tio­nen, die wir im Ver­lauf unseres See­len­lebens fassen kön­nen. Da ver­läuft aber alles bloß in der Zeit.” (GA 134, in: Die Sprache der Laute, S. 243) Gle­ichzeit­ig sind es aber auch die Geis­ter der Form, die die irdis­chen For­men erschaf­fen. Rudolf Stein­er sagt: “Wo immer Sie etwas in ein­er bes­timmten, abge­gren­zten Form erblick­en, da sind es diese Geis­ter der Form, welche tätig sind. … Der Name ‘Geis­ter der Form’ wurde von den alten Sehern deshalb gewählt, weil das Wesen dieser Geis­ter ein Kraftele­ment ist, das nach Gestal­tung drängt in dem min­er­alis­chen Reich.” (GA 105, in: Die Sprache der Laute, S. 242) Die eben­so mit L anlau­t­ende Logoskraft, die göt­tliche Schöpfer­kraft, die wie die men­schliche Sprache zunächst im Geist gedacht und dann physisch aus­ge­sprochen wird, kann hin­ter diesen Aus­führun­gen Rudolf Stein­ers über die Elo­him erah­nt werden.

Die Qual­ität des L ist eine fließend gestal­tende und dadurch rhyth­misierende. Und auch im Alpha­bet habe ich Rhyth­mus ent­deckt, deren Zäsuren die Vokale sind. Zwei Rhyth­men sind es, die das Alpha­bet gliedern, wie die Abbil­dung unten zeigt. Der eine gliedert das Alpha­bet vom Anfang in 3 x 5, der andere vom Ende in 3 x 6. Diese Rhyth­men über­schnei­den sich in sieben Buch­staben, deren mit­tlerer das L ist.

Die Abbil­dung zeigt diese Rhyth­men ein­mal lin­ear, ein­mal als Sterne. Der Fün­f­stern stellt die Strö­mungen des Äther­leibs dar, der Sechsstern ver­bildlicht den Astralleib und der Sieben­stern das Mys­tis­che Lamm — so Rudolf Stein­er. Die Zuord­nung der Buch­staben zu den Zack­en der Sterne ist als Ver­such gedacht. Rudolf Stein­er sah im Alpha­bet keine willkür­liche Rei­hen­folge der Buch­staben, son­dern eine zutief­st weisheitsvolle. “Wenn der Men­sch die ganze Fülle des Göt­tlichen in einem Ursatze aussprechen wollte, so sprach er das Alpha­bet aus. … Sprach man das Alpha­bet aus in der ursprünglichen instink­tiv­en Weisheit der Men­schen, dann sprach man eine Astronomie aus. Alpha­bet-Aussprechen und Astronomielehre war für diese alten Zeit­en ein und das­selbe.“ (Lit.: GA 209, S. 116f) Oder: “Der men­schliche ätherische Leib stünde vor Ihnen, wenn Sie ein­mal das ganze Alpha­bet — man müßte es erst richtig­stellen, heute ist es nicht ganz richtig so, wie es gewöhn­lich aufgestellt wird, aber es kommt ja auf das Prinzip jet­zt an -, wenn Sie ein­mal laut­lich das Alpha­bet von a ange­fan­gen bis zum z hin­stellen wür­den, der Men­sch stünde vor Ihnen.” (Lit.: GA 279, S. 47)

 

Der gliedernde Aspekt des L kommt vor allem zum Tra­gen, wenn das L am Schluss des Wortes ste­ht, wie bei ‘Teil’, ‘Keil’ und ‘Beil’. Auch beim ‘Maul’, mit dem das Tier die Nahrung zerklein­ert, oder wenn etwas ‘faul’ ist und sich zer­set­zt, beim ‘Tal’ das die Bergkette unter­bricht zeigt sich diese Seite des L.

So wie durch die Sprache ein Sachver­halt erk­lärt und erhellt wer­den kann, ist das L auch der Laut des ‘Licht­es’, des ‘Leucht­ens’. Und auch hier find­et sich ein Hin­weis Rudolf Stein­ers auf die Elo­him. “Da haben wir z.B. jene Wesen­heit­en, die uns im Lichte ent­ge­gen­strahlen. … Über­all, wo etwas aufleuchtet, da haben wir in dem Lichte das Kleid von hohen Wesen­heit­en, die in der christlichen Eso­terik als ‘Gewal­ten’, als ‘Exu­si­ai’ beze­ich­net wer­den; man nen­nt sie auch die Geis­ter der Form.” Und an ander­er Stelle: “Die Son­nenge­wal­ten, die ihr Licht von außen der Erde zus­trahlen und als For­mgeis­ter wirk­ten, wer­den in der bib­lis­chen Urkunde die Elo­him, die Geis­ter des Licht­es genan­nt.” (GA 105 in: Die Sprache der Laute, 243)

Mit der Sonne ver­band man früher nicht nur das Licht, son­dern auch den Klang, wie es Johann Wolf­gang von Goethe noch for­muliert: “Die Sonne tönt nach alter Weise …” So zeigt sich die “sprechende”, Leben gestal­tende Kraft des L auch in Worten wie ‘Lied’ ‘Lob’-Gesang, ‘Laute’ ‘Leier’ und dem griechis­chen Son­nen­gott ‘Apollen’ bzw ‘Helios’.

Das Leben auf der Erde wird durch Son­nen­licht und Son­nen­ton, dem ätherischen Wass­er, neben dem irdis­chen möglich. Das sagt das L in Worten wie ‘Leben’, ‘Laub’, ‘Leib’, ‘Liebe’ und auch ‘Land’, denn hier ist das belebte, begrünte Land gemeint. Im keltischen Alpha­bet wird das L durch ‘Luis’, die Quecke beze­ich­net (Ernst Moll, Die Sprache der Laute, S. 228). Dieses sehr vitale Süß­gras ist fast weltweit ver­bre­it­et und dem Gärt­ner als kaum auszumerzen­des Unkraut bekan­nt. So ist die Quecke Sym­bol des strö­menden, ätherischen Lebens, das in jed­er Pflanze nach oben, zur Sonne strebt. Als solch­es ist das L der grüne ‘Lauch’ und auch der ‘Blüten’- und ‘Blumen’-laut, der beson­ders schön im Namen der ‘Lilie’ zum Aus­druck kommt.

Wie das Wass­er dun­kle Tiefen, so hat auch das L einen dun­klen, bedrohlichen Aspekt, der sich im ‘Lind­wurm’ oder der sich ’schlän­gel­nden Schlange’, in ‘Luz­ifer’ und ‘Lil­lith’, Adams erster Frau zeigt. Die Nacht heißt auf hebräisch ‘lajlah’ (ljlh) und davon ist ‘lilith’ (ljljt) abgeleit­et. Sie ist mit Tia­mat ver­gle­ich­bar, dem Salzwasserozean des kollek­tiv­en Bewusst­seins der baby­lonis­chen Mytholo­gie. Rudolf Stein­er sagt über Lil­lith: “Das sind die sat­ur­nischen Archai … die noch heute in uns wirk­sam sind während des Nachtschlafes, indem sie an unserem physis­chen und Äther­leib als auf­bauende Kräfte wirken. … Eben­so wie das tag­wache Leben ein fortwähren­des Ver­brauchen … Zer­stören der Kräfte des physis­chen Leibes ist, so ist das Schlafleben ein fortwähren­des Wieder­her­stellen, ein Regener­ieren, ein Auf­bauen. … Dieses Abbauen unseres physis­chen Leibes … durfte während des alten Sat­urn­da­seins nicht vorhan­den sein. [Son­st] hätte sich über­haupt niemals die erste Anlage unseres physis­chen Leibes bilden kön­nen. Denn man kann natür­lich nichts bilden, wenn man anfängt zu zer­stören. Die Sat­urn­tätigkeit musste an unserem Leibe eine auf­bauende sein. … Nun musste aber wenig­stens während ein­er gewis­sen Zeit diese auf­bauende Tätigkeit erhal­ten bleiben, auch als später, während des alten Son­nen­da­seins, das Licht ein­trat. Das kon­nte nur dadurch bewirkt wer­den, dass Sat­urn­we­sen zurück­ge­blieben sind, die das Auf­bauen besor­gen. … [Es gibt deshalb ein] Zusam­men­wirken von Lichtwe­sen und Fin­stern­iswe­sen. … Und es heißt daher…: <Und die Elo­him, sie nan­nten das, was als Geis­ter im Licht wob, ‘jom’ (jvm) = ‘Tag’, das aber, was in der Fin­ster­n­is wob, das nan­nten sie ‘lilith’ (ljljt)>, und das ist nicht nur unsere abstrak­te Nacht, das sind die sat­ur­nischen Archai. … Und das sind diejeni­gen, die auch heute noch in uns wirk­sam sind während des Nachtschlafes, indem sie an unserem Physis­chen- und Äther­leib als auf­bauende Kräfte wirken.” (GA 122 in: Die Sprache der Laute, S. 236) Im Zusam­men­hang mit der Szene der Walpur­gis­nacht im Faust sagt Rudolf Stein­er: “Das führt hin­auf in Zeit­en, in denen der Men­sch über­haupt nicht so kon­sti­tu­iert war. Lilith ist der Sage nach Adams erste Frau und Luz­ifers Mut­ter.” (GA 273 in: Die Sprache der Laute, S. 236) Und schließlich ‘Leviathan’ (Lvjthn) heißt auf Hebräisch das ‘Gewun­dene’. und meint ein kos­mis­ches See­unge­heuer der jüdis­chen Mytholo­gie, das am Ende der Welt von Gott besiegt wer­den wird.” Ernst Moll gibt als Mot­to des L: “Durch Nacht zum Licht” (Die Sprache der Laute, S. 235)

Vor diesem Hin­ter­grund wird ein anderes Bild des L ver­ständlich. Auf Hebräisch heißt das L ‘Lamed’, dessen begrif­fliche Bedeu­tung ‘erziehen, lehren, gewöh­nen’ ist. Als Gegen­stand ist ‘Lamed’ der ‘Ochsen­steck­en’ oder ‘Ochsen­stachel’, dessen Name ‘mal­mad’ von ‘lamed’ abgeleit­et ist. (Ernst Moll, Die Sprache der Laute, S. 239) Der Stock ist also der Zucht- und Lehrmeis­ter. Hier ist ‘Lehren’ kein ein­fach­es Deuten, wie beim Erziehen östlich­er Prä­gung (siehe 4 D — 30 d), son­dern ein autoritäres ‘Leit­en’ und ‘Lenken’, das dem West­en eigen ist — und die Gefahr der Gewal­tausübung birgt. Rudolf Stein­er sagt: “Und ger­ade dieses In-seine-Gewalt-brin­gen war der Aspekt, in dem die Mys­te­rien die dämonis­che Kraft des L gese­hen haben. [Das L war] das, was als ein beson­der­er Zauber­laut ange­se­hen wurde in den Mys­te­rien.” (GA 279, in: Die Sprache der Laute, S. 239) Wer ‘lesen’ und damit auch schreiben kann, bekommt Gewalt über die Sprache. Er kann die im Klang dahin­fließende Sprache dauer­haft fes­thal­ten, in For­men ban­nen. Deshalb wurde das heilige Wis­sen im West­en z.B. bei den Kel­ten nicht aufgeschrieben.

Von ein­er Lehrerin beson­der­er Art spricht Rudolf Stein­er ger­ade im Zusam­men­hang mit der Sprache: “So arbeit­ete beim Men­schen in seinen drei Wesens­gliedern, bevor er eine indi­vidu­elle Seele wurde, eine andere Seele — von der wir heute nur noch durch die Geis­teswis­senschaft Kunde erhal­ten -, welche die Vorgän­gerin unseres eige­nen Ich war. Und diese Vorgän­gerin unseres Ich, diese Grup­pen- oder Gat­tungsseele des Men­schen, welche dann dem Ich die von ihr bear­beit­eten drei Wesens­glieder über­gab, den physis­chen Leib, Äther­leib und Astralleib, um sie vom Ich weit­er bear­beit­en zu lassen, hat in ganz ähn­lich­er Art von ihrem Inneren, See­len­haften her­aus den physis­chen Leib, Äther­leib und astralis­chen Leib umgestal­tet, bear­beit­et, nach sich geregelt. Und die let­zte Tätigkeit, die dem men­schlichen Wesen zugrunde liegt, bevor es mit einem Ich begabt wor­den ist, die let­zten Ein­flüsse, die vor der Geburt des Ich liegen, sie sind heute in dem niedergelegt, was wir die men­schliche Sprache nen­nen.” (GA 59, S. 19)

Über die Gegensprüche 11 L und 37 l

Das Mantra 11 L ist nach dem Mantra 10 K das zweite und let­zte Mantra, bei dem die Posi­tion im Alpha­bet nicht mit der Zahl in der Mantren-Über­schrift übere­in­stimmt. Mit dem kom­menden Mantra find­et im Som­mer-Hal­b­jahr ein Aus­gle­ich zu dem über­sprun­genen J statt, indem das Mantra 12 ! keinen Buch­staben hat. Im Win­ter­hal­b­jahr geschieht dieser Aus­gle­ich jedoch erst mit dem Mantra 51 !, dem vor­let­zten dieses Hal­b­jahres. Das Mantra 37 l ist das Mantra der drit­ten Adventswoche. Da jede der vier Adventswochen ein Natur­re­ich bzw. Wesens­glied des Men­schen, the­ma­tisiert, ist nach dem Sein (35 i Min­er­al­re­ich bzw. Physis) und dem Wel­tenwort (36 k Pflanzen­re­ich bzw. Äther­leib) nun im Mantra 37 l das The­ma des Tier­re­ichs bzw. des Astralleibs zu erwarten.

Die Gegen­sprüche 11 L und 37 l haben bei­de einen Ich-Sprech­er und zeigen damit, dass sie Inhalte betr­e­f­fen, die dem men­schlichen Ver­stand zugänglich sind. Im Mantra 11 L ist dieser Ich-Sprech­er jedoch der­jenige, der den Leser und damit den Men­schen anspricht. Der Men­sch ist nur Hör­er und Empfänger der Botschaft. Er wird mit “du” ange­sprochen, doch wer da mit ihm spricht, bleibt im Dunkeln. Das ganze Mantra 11 L ist eine einzige streng belehrende Rede. (Das fol­gende Mantra 12 ! ohne Buch­staben kann als das Schweigen, die Pause nach der Rede ange­se­hen wer­den, in der der Hör­er ver­ste­ht.) Im Gegen­satz dazu ist es im Mantra 37 l der Ich-Sprech­er sel­ber, der über seine See­len­re­gun­gen Auskun­ft gibt.

Wer spricht also im Mantra 11 L zum Men­schen? Wer gibt ihm die Weise Kunde, wer ruft ihn auf genau jet­zt, in dieser Son­nen­stunde die weise Kund zu erken­nen? Wer fordert ihn auf, sich an die Wel­tenschön­heit hinzugebe? Wer ver­langt von ihm, dass er sich in sich fühlt und durch­lebt? Wer will also, dass der Men­sch sich in seinem See­len­raum erfühlt und die Emo­tio­nen durch­lebt, die dort zu find­en sind? Und wer schließlich informiert ihn, dass das Men­schen-Ich ver­lieren kann, dass die ego­is­tis­che Selb­st­be­zo­gen­heit reduziert bzw. über­wun­den wer­den kann? Und wer gibt ihm den Aus­blick, dass es danach weit­erge­ht, dass das Men­schen-Ich sich im Wel­ten-Ich find­en kann?

Ist es vielle­icht die weise Macht, die Gat­tungsseele der Men­schheit, die die Seele bewohnte und bildete, ihr die Sprach­fähigkeit schenk­te, bevor der Men­sch ein Ich hat­te? Ist sie es vielle­icht, die nun von außen spricht? Ist ihr Wesen vielle­icht in beson­der­er Weise mit dem Wasser­laut L ver­bun­den? Der erzieherische Entwick­lungs­gedanke, der ‘Lamed’, der Ochsen­steck­en, ist dem ganzen Mantra anzumerken. In der Son­nen­stunde ist der Licht-Aspekt des L zu find­en, in der Kunde der den Hör­er lehrende, in der Wel­tenschön­heit der in den Blüten ätherisch sich ent­fal­tende, im füh­len­den Durch­leben der Aspekt des inneren Wassers, und schließlich im Ver­lieren des Men­schen-Ich der teilende Aspekt des L in der End­stel­lung des Wortes. Diese ver­schiede­nen L Aspek­te mün­den im Wel­ten-Ich, das auf die höch­ste L‑Kraft ver­weist, auf die göt­tliche Schöpfer­ma­cht des El bzw. der Elohim.

Im ganzen Mantra 11 L zeigt sich die Kraft des L. Das L als Wesen gefasst ist der belehrende Sprech­er dieses Mantras. Dieses L ste­ht dem Men­schen gegenüber und spricht ihn von außen als “du” an. Und tat­säch­lich zeigen die Beobach­tun­gen, dass die Grup­penseele z.B. der Tiere von außen auf die einzel­nen Indi­viduen wirkt. Sie lebt in allen Tieren der Gat­tung gle­ichzeit­ig und steuert die ganze Gruppe, wie es bei einem Fisch- oder Vogelschwarm zu beobacht­en ist. Der Schwarm agiert wie ein einziger wohlor­gan­isiert­er großer Organismus.

Ganz anders ist die Sit­u­a­tion im Mantra 37 l. Hier erk­lärt sich der Ich-Sprech­er des Mantras, den ich men­schlich denke. Er sagt, was ihn antreibt, welch­es Ziel er hat. Er strebt danach, Geis­tes­licht in Wel­tenwin­ter­nacht, also in die absolute Kälte und Dunkel­heit zu tra­gen. Er strebt danach, die Welt zu ver­ste­hen, die ihm zunächst dunkel und antipathisch-kalt gegenüber ste­ht. Das ist der Trieb seines Herzens, seine Leben­sauf­gabe, das, was ihn im Leben antreibt. Fol­gt er diesem inneren Vor­wärts­drän­gen, macht ihn das nicht nur glück­lich, es beseligt ihn sog­ar. Es führt ihn zum höch­sten Glück, dass für die Seele möglich ist, zur Vol­len­dung und Tran­szen­denz durch den Tod — wer­den doch die Ver­stor­be­nen selig genan­nt. Nun nen­nt der Ich-Sprech­er das Ziel, warum er Geis­tes­licht in Wel­tenwin­ter­nacht tra­gen, die Welt mit seinem Ver­stand erhellen will. Leuch­t­ende See­lenkeime sollen in Wel­tengrün­den wurzeln. Das Geis­tes­licht, das er trägt, ist also gle­ichzeit­ig ein lebendi­ges Licht, das mit einem keimenden Samen ver­gle­ich­bar ist. Der Ich-Sprech­er gle­icht dadurch einem Gärt­ner, der Licht-Keime in die win­terkalten und nacht­dun­klen Wel­tengründe pflanzt. Er pflanzt Ideen, lebendi­ge, entwick­lungs­fähige, also geist­gemäße Ideen. Mit seinem Tun schafft er die Voraus­set­zung, damit die göt­tliche Macht wirken kann, damit das Wort Gottes, die eigentliche leben­er­schaf­fende Macht, das Sin­nes­dunkel erhel­lend verk­lärt und durchtönt. Im Bild gesprochen erschafft das Gotteswort die Samen und lässt sie keimen. Der Men­sch muss sie pflanzen, damit die Licht-Keime wurzeln bilden, zur aus­gewach­se­nen Pflanze wer­den, blühend Samen bilden und den Zyk­lus schließen kön­nen. In diesem geschlosse­nen Zyk­lus, in dieser aus­gereiften, geist­gemäßen Idee, die Samenkraft für neue Ideen in sich trägt, klingt das Gotteswort verk­lärend. Und nur durch die Mith­il­fe des Men­schen erhellt sich das Sin­nes­dunkel. Nur wenn der Men­sch das Geis­tes­licht in die Dunkel­heit der Wel­tenwin­ter­nacht trägt und den leuch­t­en­den See­lenkeimen ermöglicht, in Wel­tengrün­den zu wach­sen, durchtönt das Gotteswort das Sein verk­lärend. Verk­lärt, erhellt sich das Sin­nes­dunkel, wird die Wahrnehmungswelt geist­gemäß ver­ständlich, so wird dies im Bild als das Lesen der okkul­ten Schrift aus­ge­drückt. Dann ist dieses Lesen gle­ichzeit­ig ein Hören des Gotteswortes, das in den Rhyth­men und Bildern der Natur diese verk­lärend durchtönt.

Wie der Fluss die Schiffe, so trägt das Leben den Geist. Und so ist es der vom Herzen stam­mende selige Trieb des Ich-Sprech­ers, Geis­tes­licht in Wel­tenwin­ter­nacht zu tra­gen. Hier verkör­pert der Ich-Sprech­er selb­st die L‑Kraft, die als Lebens­fluss den Geist tra­gen will. Und dieser Geist vervielfältigt sich in den leuch­t­en­den See­lenkeimen, die wurzeln, leben und sich ent­fal­ten wollen. Sie wollen den Geist in sein­er lebendi­gen Vielfältigkeit, in sein­er ganzen zyk­lis­chen Erschei­n­ung zum Aus­druck brin­gen. So wer­den sie zum Klangkör­p­er, sodass das Gotteswort im Sin­nes­dunkel verk­lärend alles Sein durchtö­nen kann.

Im Mantra 11 L hört der Men­sch das belehrende Wort ein­er unge­nan­nt bleiben­den höheren Macht — das L wirkt von außen. Im Mantra 37 l schafft er die Voraus­set­zun­gen, damit das Wort als Gotteswort erklin­gen kann. Hier ist er sozusagen aus­führen­der Musik­er ein­er göt­tlichen Kom­po­si­tion — oder auch Instru­ment, “Klangkör­p­er” des Wortes — das L wirkt durch ihn von innen.

Ergänzung

Hier beschreibt Rudolf Stein­er das Erleben der Natur. Seine Worte geben eine Ahnung von dem die Natur durchtö­nen­den und erhel­len­den Gotteswort: “Indem wir die äußer­liche Natur um uns sehen, sehen wir durch die Kräfte dieser Natur auch den Men­schen in sein physis­ches Dasein here­in­treten. Wir wis­sen aus all­dem, was uns aus der Geis­teswis­senschaft kom­men kann, daß wir diese Natur nicht im recht­en Sinne betra­cht­en, wenn wir sie nur ihren physisch-sinnlichen Äußer­lichkeit­en nach anse­hen. Wir wis­sen, daß göt­tliche Kräfte die Natur umweben, und wir wer­den unseres Ursprungs aus der Natur nur dann uns im wahren Sinne des Wortes bewußt, wenn wir auf dieses die Natur durch­wal­lende und durch­webende Göt­tliche hin­se­hen kön­nen. Dann blick­en wir auf zu den Vater­prinzip­i­en der Natur. Alles, was die Natur als Göt­tlich­es durch­wallt und durch­webt, sind uns Vater­prinzip­i­en im Sinne älter­er Reli­gio­nen und auch im Sinne des richtig ver­stande­nen Chris­ten­tums. Ob wir gewahr wer­den, wie das Blüm­chen auf dem Felde wächst, ob wir gewahr wer­den, wie aus der Wolke der Don­ner rollt und der Blitz zuck­end nieder­schießt, ob wir die Sonne über den Him­mel gehen und die Sterne leucht­en sehen, ob wir die Quellen und den Strom rauschen hören — wenn wir das, was in diesen äußeren Offen­barun­gen des Natur­da­seins sich geheimnisvoll als der Ursprung alles Wer­dens zeigt, gewahr wer­den, dann wer­den wir auch dessen gewahr, was uns sel­ber durch das Mys­teri­um der physis­chen Geburt in diese Welt here­in­stellt.” (GA 202, S. 122)

In der Beschrei­bung des Merkur- und Sul­phur-Prozess­es der Alchemis­ten wird der aktive Anteil des Men­schen deut­lich, der auch im Mantra 37 l liegt: “Der­jenige, welch­er eine wirk­liche Anschau­ung von dem vierdi­men­sion­alen Raum sich erwer­ben will, muß ganz bes­timmte Anschau­ungsübun­gen machen. Diese beste­hen darin, daß er sich zunächst eine ganz klare Anschau­ung, eine ver­tiefte Anschau­ung, nicht Vorstel­lung, bildet von dem, was man Wass­er nen­nt. Eine solche Anschau­ung von dem Wass­er ist nicht so leicht zu kriegen. Man muß lange medi­tieren und sich sehr genau in die Natur des Wassers ver­tiefen, man muß sozusagen hineinkriechen in die Natur des Wassers. Das zweite ist, daß man sich eine Anschau­ung ver­schafft von der Natur des Licht­es. Das Licht ist etwas, was der Men­sch zwar ken­nt, aber nur so ken­nt, wie er es von Außen empfängt. Nun kommt der Men­sch dadurch, daß er medi­tiert, dazu, das innere Gegen­bild des äußeren Licht­es zu bekom­men, zu wis­sen, wodurch und woher das Licht entste­ht, so daß er dadurch selb­st so etwas wie Licht her­vor­brin­gen, erzeu­gen kann. Diese Fähigkeit, Licht her­vor­brin­gen, erzeu­gen zu kön­nen, eignet sich der Yogi [Geheim­schüler] an durch Med­i­ta­tion. Das kann der­jenige, welch­er reine Begriffe wirk­lich med­i­ta­tiv in sein­er Seele anwe­send zu haben ver­mag, der reine Begriffe wirk­lich med­i­ta­tiv auf seine Seele wirken läßt, der sinnlichkeits­frei denken kann. Dann entspringt dem Begriffe das Licht. Dann geht ihm die ganze Umwelt auf als flu­ten­des Licht. Der Geheim­schüler muß nun gle­ich­sam chemisch verbinden die Anschau­ung, die er sich von Wass­er gebildet hat, mit der Anschau­ung des Licht­es. Das vom Licht ganz durch­drun­gene Wass­er ist ein Kör­p­er, der von den Alchemis­ten genan­nt wird Merkurius. Wass­er plus Licht heißt in der Sprache der Alchemis­ten Merkurius. Dieses alchemistis­che Merkur ist aber nicht das gewöhn­liche Queck­sil­ber. Sie wer­den die Sache nicht in dieser Form [über­liefert] erhal­ten haben. Man muß erst in sich die Fähigkeit erweck­en, aus dem [Umge­hen mit den reinen] Begrif­f­en selb­st das Licht zu erzeu­gen. Merkurius ist diese Ver­mis­chung [des Licht­es] mit der Anschau­ung des Wassers, diese licht­durch­drun­gene Wasserkraft, in deren Besitz man sich dann ver­set­zt. Das ist das eine Ele­ment der astralis­chen Welt.

Das zweite [Ele­ment] entste­ht dadurch, daß man sich, eben­so wie man vom Wass­er sich eine Anschau­ung gebildet hat, man sich von der Luft eine Anschau­ung bildet, daß wir also die Kraft der Luft durch einen geisti­gen Vor­gang her­aus­saugen. Wenn Sie [auf der anderen Seite Ihr] Gefühl in sich in gewiss­er Weise konzen­tri­eren, so erzeu­gen, so entzün­den Sie durch das Gefühl das Feuer. [Wenn Sie die Kraft der Luft gle­ich­sam chemisch verbinden mit dem durch Gefühl erzeugten Feuer, so] bekom­men Sie «Feuer­luft». Sie wis­sen, daß in Goethes «Faust» von Feuer­luft gesprochen wird. Das ist etwas, wo das Innere des Men­schen mitar­beit­en muß. Also das eine Ele­ment wird [aus einem gegebe­nen Ele­ment, der Luft,] her­aus­ge­so­gen, das andere [das Feuer oder die Wärme] wird von Ihnen selb­st erzeugt. Diese Luft plus Feuer nan­nten die Alchemis­ten Schwe­fel, Sul­fur, leuch­t­ende Feuer­luft. Wenn Sie nun diese leuch­t­ende Feuer­luft in einem wäßri­gen Ele­mente haben, dann haben Sie in Wahrheit jene [astrale] Materie, von der es in der Bibel heißt: und der Geist Gottes schwebte, oder brütete, über den «Wassern».

[Das dritte Ele­ment entste­ht, wenn] man der Erde die Kraft entzieht und das dann verbindet mit den [geisti­gen Kräften im] «Schall»; dann hat man das, was [hier] Geist Gottes genan­nt wird. Daher wird es auch «Don­ner» genan­nt. [Wirk­ender] Geist Gottes ist Don­ner, ist Erde plus Schall. Der Geist Gottes [schwebt also über der] astralen Materie.

Jene «Wass­er» sind nicht gewöhn­liche Wass­er, son­dern was man eigentlich astrale Materie nen­nt. Diese beste­ht aus vier Arten von Kräften: Wass­er, Luft, Licht und Feuer. Die Anord­nung dieser vier Kräfte stellt sich der astralis­chen Anschau­ung als die vier Dimen­sio­nen des astralen Raumes dar. So sind sie in der Wirk­lichkeit. Es sieht im Astralen eben ganz anders aus als in unser­er Welt. Manch­es, was als astral aufge­faßt wird, ist nur eine Pro­jek­tion des Astralen in den physis­chen Raum.

Sie sehen, das­jenige, was astral ist, ist halb sub­jek­tiv [das heißt dem Sub­jekt pas­siv gegeben], halb Wass­er und Luft, denn Licht und Gefühl [Feuer] sind objek­tiv, [das heißt vom Sub­jekt tätig zur Erschei­n­ung gebracht]. Nur einen Teil von dem, was astral ist, kann man außen [als dem Sub­jekt gegeben] find­en, aus der Umwelt gewin­nen. Den anderen Teil muß man sub­jek­tiv [durch eigene Tätigkeit] dazubrin­gen. Aus Begriffs- und Gefühlskräften gewin­nt man [aus dem Gegebe­nen] durch [tätige] Objek­tivierung das andere. Im Astralen haben wir also Sub­jek­tiv-Objek­tives. Im Devachan gibt es gar keine [für das Sub­jekt bloß gegebene] Objek­tiv­ität mehr. Man würde dort ein völ­lig sub­jek­tives Ele­ment haben.

Wir haben eben da etwas, was der Men­sch erst [aus sich her­aus] erzeu­gen muß, wenn wir vom astralen Raum sprechen. So ist alles, was wir hier tun, das Sym­bol­is­che, [nur] eine sinnbildliche Darstel­lung für die höheren Wel­ten, für die devach­a­nis­che Welt, die in der Art wirk­lich sind, wie ich es Ihnen in diesen Andeu­tun­gen auseinan­derge­set­zt habe. Es ist das, was in diesen höheren Wel­ten liegt, nur dadurch zu erre­ichen, daß man in sich selb­st neue Anschau­ungsmöglichkeit­en entwick­elt. Der Men­sch muß selb­st etwas dazu tun.” (Lit.: GA 324a, S. 58ff Nach­schrift von Franz Seil­er; Zweite Textvari­ante in der Nach­schrift von Wal­ter Veg­e­lahn siehe: GA 324a, S. 60ff)