Die Gegensprüche 13 M und 38 m
13 M
Und bin ich in den Sinneshöhen, So flammt in meinen Seelentiefen Aus Geistes Feuerwelten Der Götter Wahrheitswort: In Geistesgründen suche ahnend Dich geistverwandt zu finden. .… |
38 m Weihe-Nacht-Stimmung
Ich fühle wie entzaubert Das Geisteskind im Seelenschoß; Es hat in Herzenshelligkeit Gezeugt das heilige Weltenwort Der Hoffnung Himmelsfrucht, Die jubelnd wächst in Weltenfernen Aus meines Wesens Gottesgrund. |
Die Eurythmieformen zu den Mantren 13 M und 38 m
Über den Buchstaben “M”
Das M heißt im gotischen Alphabet des Wulfila ‘Manna’, die angelsächsische Rune ist ‘Man’; beides bedeutet ‘Mensch’ und kann für beide Geschlechter verwendet werden, wie die deutschen Wörtchen ‘man’ und ‘jederman’. Für das deutsche Wort ‘Mann” gibt es im Englischen ein weibliches Pendant in ‘wo-man’, von ‘Wif-mon’, d.h. ‘Weib-man’, also ‘Weib-Mensch’. Der ‘Mensch’ hieß im althochdeutschen ‘mannisco’, das mit dem Sanskrit Wort ’ Manushya’ verwandt ist und auch dort ‘Mensch’ bedeutet. Altindisch und iranisch lautet das Wort ‘manu’, ‘manus’ und meint neben ‘Mensch’ auch Manu, den Stammvater der Menschen. Über Manu sagt Rudolf Steiner: “Der große Eingeweihte, der die Völkerstämme aus der Atlantis nach dem Osten führte, wird … ‘Manu’ genannt. Unter seinem direkten Einfluss entwickelte sich die indische und persische Kultur.” (GA 142, in: Ernst Moll, Die Sprache der Laute, S. 246) Manu ist identisch mit Noah und rettete die Menschen vor der großen Flut. Seine überragenden Fähigkeiten beruhten darauf, dass er bereits damals seinen Astralleib zum Geistselbst umgebildet hatte, das auf indisch ‘Manas’ genannt wird. Rudolf Steiner fährt fort: “Nehmen wir an, in alten Zeiten wäre ein Mensch aufgetreten, der in umfassendstem Sinn das Manas zum Ausdruck gebracht hätte. … man hätte sich nicht begnügt, ihn so zu bezeichnen wie andere Menschen, … man würde gesagt haben: Der ist ein Manasträger, der ist ein Manu.” (GA 142, in Die Sprache der Laute, S. 246) An anderer Stelle bezeichnet Rudolf Steiner Manu als einen Gott: “Es gab eine Gestalt, die insbesondere Dienste leistete in der Zeit der Menschenentwicklung, als der kombinierende Verstand eingegliedert wurde. Diese Fähigkeit wurde dem Menschen eingepflanzt und zu den Taten des Gottes Manu gerechnet.” (GA 106, in: Die Sprache der Laute, S. 248)
Das M bedeutet Mensch. Doch was sah man am Menschen als wichtig an? Menschheit hieß auf gotisch ‘Manaseth’, das sich aus ‘Manas’, dem Geistselbst und ‘Saat’ zusammensetzt. Die Menschheit ist also die ‘Manas-Saat’, die Geistsaat auf Erden. Und was wächst aus dem Geistselbst-Samen? Rudolf Steiner sagt: “Der ein ‘Ich’ bildende und als ‘Ich’ lebende Geist [wird] ‘Geistselbst’ genannt, weil er als ‘Ich’ oder ‘Selbst’ des Menschen erscheint. Das Geistselbst ist eine Offenbarung der geistigen Welt innerhalb des Ich, wie von der anderen Seite her die Sinnesempfindung eine Offenbarung der physischen Welt innerhalb des Ich ist.” (GA 9, in: Die Sprache der Laute, S. 246) Das M meint also das Geistige im Menschen, das als Ich im Körper lebt und das Geistselbst ausbildet durch die Reinigung und Individualisierung des Astralleibs.
Auch wenn Manu, der große Führer der Menschheit, das Geistselbst bereits vollständig ausgebildet hatte, so war das bei der Mehrzahl der Menschen nicht der Fall. Der Beginn dieser Entwicklung für das hebräische Volk fand auf der Wüstenwanderung statt, als sie aus Ägypten ausgezogen waren. Rudolf Steiner erklärt: “Nun schauen wir uns das äußere Zeichen an, durch das auf die Israeliten herunterrinnt der Logos, soweit sie ihn rein begrifflich, in Gedanken erfassen können. Dieses äußere Zeichen ist das ‘Manna’ der Wüste. Manna ist in Wahrheit dasselbe Wort wie ‘Manas’, das Geistselbst. So strömt in die Menschheit, die nach und nach sich errungen hat das Ich-Bewusstsein, der erste Anflug von dem Geistselbst ein.” (GA 112, in: Die Sprache der Laute, S. 246) Das Manas, das Geistselbst, ist der umgewandelte Astralleib. Rudolf Steiner sagt: “Der Mensch kann beginnen, seinen Astralleib zu reinigen und zu verklären. Das nennt man das ‘verborgene Manna’.” (GA 104, in: Die Sprache der Laute, S. 247)
Das Geistselbst ist das erste geistige Wesensglied des Menschen, das vom Tod unberührt bleibt. So wundert es nicht, dass der Begriff der ‘Manen’, der guten oder bösen Geister Verstorbener im römischen Reich, mit ‘Manas’, also dem Geistselbst verwandt ist. Laut Rudolf Steiner wurde dieser Begriff stets in der Mehrzahl gebraucht: “… ein deutliches Bewußtsein vom Geistselbst ist insbesondere bei solchen Menschen vorhanden, die auf das Geistige zu sehen vermögen. Sie wissen, daß das gesamte morgenländische Bewußtsein, insofern es gebildetes Bewußtsein ist, dieses Geistselbst «Manas» nennt … Aber auch in der abendländischen Menschheit, wenn sie nicht gerade «gelehrt» geworden ist, ist ein deutliches Bewußtsein von diesem Geistselbst vorhanden. …denn man nennt im Volke … das, was vom Menschen übrigbleibt nach dem Tode, die Manen. Man spricht davon, daß nach dem Tode übrigbleiben die Manen; Manas = die Manen. … das Volk gebraucht in diesem Falle den Plural, die Manen. Wir, die wir wissenschaftlich mehr das Geistselbst noch auf den Menschen vor dem Tode beziehen, sagen in der Einzahl: das Geistselbst. Das Volk, das mehr aus der Realität, aus der naiven Erkenntnis heraus über dieses Geistselbst spricht, gebraucht die Mehrzahl, indem es von den Manen redet, weil der Mensch in dem Augenblick, wo er durch die Pforte des Todes geht, aufgenommen wird von einer Mehrzahl von geistigen Wesenheiten. Ich habe das schon in einem anderen Zusammenhang angedeutet: Wir haben unseren persönlichen führenden Geist aus der Hierarchie der Angeloi; darüberstehend aber haben wir die Geister aus der Hierarchie der Archangeloi, die sich sogleich einschalten, wenn der Mensch durch die Pforte des Todes geht, so daß er dann sofort sein Dasein in gewisser Beziehung in der Mehrzahl hat, weil viele Archangeloi in sein Dasein eingeschaltet sind. Das fühlt das Volk sehr deutlich, weil es weiß, daß der Mensch, im Gegensatz zu seinem Dasein hier, das als eine Einheit erscheint, sich dann mehr oder weniger als eine Vielheit wahrnimmt. Also die Manen sind etwas, was im naiven Volksbewußtsein von diesem der Mehrzahl nach vorhandenen Geistselbst, von Manas, lebt.“ (Lit.: GA 293, S. 63f)
Die Wortwurzel von Manas, dem Geistselbst, ist ‘man’ und bedeutet ‘Gedankenkraft’, die hinter dem Denken stehende Geisteskraft. Im altpersichen Avesta ist ’nanah’ die Kraft, durch die der Mensch ein denkendes Wesen ist — durch die er Mensch ist. Mit ‘Manu’ ist griechisch ‘Minos’ (mythischer König von Kreta) und ägyptisch ‘Menes’ (altägyptischer Pharao) verwandt. Auch im deutschen Wort ‘Minne’ findet sich das Wort ‘Manas’ wieder, das im Althochdeutschen nicht nur ‘Liebe’, sondern auch ‘Erinnerung’, ‘Gedächtnis’, ‘Eingedenken’ bedeutet. Im lateinischen Wort für ‘erinnern, ‘memoria’, wird dieser Zusammenhang ebenso deutlich, wie im deutschen Wort ‘merken’. Im Avesta bedeutet Ahura Mazdao, der persische Name der höchsten Sonnengottheit, ‘göttliche Erinnerung’ oder ‘göttliche Geisteskraft’. Ebenso von dieser Wortwurzel stammt ‘mantra’, das Zauberwort, die ‘Zauberrune’ — unser heutiges Wort Mantra. Auf Avesta bedeutet ‘manthra’ ‘Wort’, ‘Gedanke’ und ‘mainyu’ ‘Geist’. Der ‘arge Geist’ ist ‘angro mainyu’, das zu ‘Ahriman’ wurde. (Hermann Beckh, in: Die Sprache der Laute, S. 247)
Das M meint den geistigen Menschen, der im Körper lebt: Rudolf Steiner sagt: “ ‘Mensch’ — ‘Manushya’: im Sanskrit das Wort für ‘Mensch’. Damit ist … angeschlagen … die Grundempfindung, die man mit dem Menschentum verband. Worauf bezieht man sich nun, wenn man dem Menschen den Namen ‘manushya’ gibt, wenn man also diesen Wortstamm verwendet, um den Menschen zu bezeichnen…? Man bezieht sich auf das Geistige im Menschen; man beurteilt vor allen Dingen den Menschen als ein geistiges Wesen. Wenn man ausdrücken will: der Mensch ist Geist, und das andere ist nur der Ausdruck, die Offenbarung des Geistes, — wenn man also in erster Linie Wert legt auf den Menschen als Geist, sagt man ‘Manushya’. … Diejenigen, die mit ‘Manushya’ oder einem ähnlich klingenden Tongefüge den Menschen bezeichnen, sie sahen vor allen Dingen auf den Geist, auf das aus der geistigen Welt Heruntersteigende.” (GA 175, in: Die Sprache der Laute, S. 247)
Das M ist ein Nasallaut, denn es wird mit geschlossenen Lippen gebildet, die Luft entweicht aus der Nase. Schon physiologisch zeigt er damit die Verbindung von Oben und Unten. Im Alphabet mit seinen 26 Buchstaben und auch von den Wochen des Sommer-Halbjahres aus betrachtet nimmt das M mit 13 M ‑zusammen mit der Woche 14 N — die Mittelposition ein. Da im Seelenkalender jedoch das J fehlt und es deshalb nur 25 Buchstaben gibt, steht das M unter diesem Gesichtspunkt genau in der Mitte — von A bis L gehen 12 voran, von N bis Z folgen 12. So wundert es nicht, das sich das M in Worten wie ‘Symmetrie’, ‘Maß’, ‘Harmonie’ und ‘Himmel’ findet. Rudolf Steiner sagt: Das M ist “… der Mensch als solcher, oder auch der im Gleichgewicht seiner drei Kräfte, Denken, Fühlen und Wollen befindliche Mensch.” (GA 279 in: Die Sprache der Laute, S. 248) Das M ist der Laut der ‘Mitte’, des ‘meditativen’ Ausgleichs der beiden im Menschen wirkenden gegensätzlichen Kräfte: der luziferischen nach oben ziehenden, auflösenden Kraft und der ahrimanischen nach unten drückenden, verfestigenden Kraft. So ist das M auch der Laut des ‘Messias’ und des ‘Immanuels’, die beide auf Christus verweisen als den vom Himmel stammenden und Mensch gewordenen Gott.
Das M, der Laut des inkarnierten Geistes, schafft sich in der ‘Milch’, der ersten Nahrung, sein sprechendes Bild. Viele Worte des Innen-‘raumes’ sind durch das M geprägt, wie ‘Zimmer’, ‘Kammer’, ‘Gemächer’ und ‘Dom’. Auf den im Innenraum Lebenden verweisen die vielfach mit M anlautenden Präpositionen ‘mein’, ‘mir’, ‘mich’. Durch die vielen Gläubigen heilige Silbe ‘Om’ oder ‘Aum’ zieht sich der Meditierende ganz in seinen Innenraum zurück. Das tut die Seele unbewusst auch im ‘Traum’ und im ‘Schlummer’. Im Innenraum der Seele leben die ‘Emotionen’, der ‘Jammer’ und ‘Kummer’, aber auch ihre Tugenden, der Mut und die ‘Demut’. Wogt das Seelenmeer übermäßig, kann es zum ‘Verstummen’ führen, bei dem die Lippen dauerhaft in der M‑Geste verharren.
Der Mensch als Geist ist der Äthermensch, der Mensch des “geistigen Wassers”. Auf hebräisch heißt das M ‘Mem’ (mjm), das Wasser. Im phönizischen Alphabet zeigte der ebenso ‘mem’ genannte Buchstabe schon eine Zackenlinie, ähnlich der des lateinischen Großbuchstabens M. Unschwer sind die Wellen des ‘Meeres’ darin erkennbar. In der Kabbala gehört der Buchstabe Mem neben Aleph und Shin zu den drei Müttern. Aleph steht für die Luft, das rhythmische System und die Weisheit des Herzens, Shin für das Feuer und das Nerven-Sinnessystem des Kopfes und Mem für das Wasser, das Stoffwechsel-Gliedmaßensystem des Bauches. Rudolf Steiner sagt über das M im Zusammenhang mit der heiligen Silbe Om: Dieses Abschließen der Om-Silbe des Orients durch das M ist aus dem Grunde, weil tatsächlich der ganze Mensch von seinem Stoffwechsel-Gliedmaßenorganismus aus geregelt wird durch diesen Laut gerade” (GA 315, in: Die Sprache der Laute, S. 252)
Dem Wasser gleich ist das M ‘anschmiegsam’, es ‘verschwimmt’ und ‘verschmilzt’, fließt ‘zusammen’ ‘homogenisiert’, mengt’, ‘mischt’ und ‘kommuniziert’. Als Laut des Ausgleichs und der Harmonie ist es der Laut der ‘Medizin’ und der ‘Heil-Mittel’. Es ’schmiegt’ sich an, ’schmust’ und ’schmeichelt’. Es ist der Laut der ‘Imitation’ und ‘Nachahmung’, der ‘Metamorphose’ und ‘Mutation’, womit das Wort ‘Mauser’, der Wechsel des Federkleides der Vögel verwandt ist. Am Himmel ist das Gestirn der Verwandlung der ‘Mond’, der mit seinen Phasen die Zeit ‘misst’.
Die M‑Qualität im Reich der Mütter (Faust) beschreibt Rudolf Steiner folgendermaßen: “Nun folgt jene durchaus merkwürdige, bedeutungsvolle Beschreibung des Reiches der Mütter, wo uns gesagt wird, wie sie weben und leben in einem Gebiete, aus dem die Gestalten der sichtbaren Welt herausgeformt werden. … Gestaltung, Umgestaltung, das ist das Wesen ihres Reiches. … Während wir in der physischen Welt die Gegenstände mit scharfen Konturen haben und durch diese uns auskennen, werden wir in der geistigen Welt ein verwirrendes Gefühl von ineinander schwebender und webender Gestaltung haben. … Aber aus diesem Mütterreiche ist das, was unseren Sinnen gegeben ist, herausgeboren, wie aus der Erzmutter im Gebirge herausgeboren ist das Metall — Sozusagen das Mutterproblem der Welt stand Goethe … dazumal vor Augen:” (GA 57, in: Die Sprache der Laute, S. 258) Auch die ‘Materie’ ist solch eine Mutter, indem sie sich zur Verfügung stellt und das Leben im Körper beherbergt. ‘Maya’ nennt der Inder “… das Urweibliche, die Weltenzauberin, die die Illusion des Stofflichen webt”) Hermann Beckh, in: Ernst Moll, Die Sprache der Laute, S. 259) Und auch ‘Maria’, die Mutter Jesu lautet an mit dem Wasserlaut, dem Laut der Urmaterie, über der Gott brütete und das Licht erschuf. Er schuf den Menschen als Geist, als Manas, als M.
“Das M ist die Wiedergabe eines Erlebnisses, das der Mensch hatte, als er sich noch von den schaffenden Kräften des kosmischen Äthermeeres umspült, als er sich noch im Mutterschoß der Welt ruhend fühlte. Man wird bei den griechischen Stämmen, wenn man auf das Muttergeheimnis hindeuten wollte, wohl lange nur den heiligen Laut M ausgesprochen haben, das den mütterlichen Weltenquell offenbarende [griechische] My. Myein heißt darum ‘die Mutterweisheit aussprechen’ ‘Mythos’ ist die heilige Muttersprache. ‘Mysterion’ wird uns auf solchem Untergrunde als ‘Mutterweisheit’ verständlich. Im Mittelpunkt des Mysteriums stand der Mensch.” (Maurer, in: Ernst Moll, Die Sprache der Laute, S. 259)
Das M steht nicht nur für den geistigen Menschen, es steht auch für das Verstehen des irdischen Menschen. “Das M ist dasjenige, was alles versteht”, sagt Rudolf Steiner. Und weiter: “Das M ist das Verstehen, das verständige Eingehen auf eine Sache. … in meiner Heimat hat man, wenn man jemandem zuhört und bekräftigen will, dass man ihn verstanden hat, gesagt: <mhm>; (<hm>, das ist die Freude darüber, dass man verstanden hat.) und man fühlte schon ganz, als ob der andere einen überhaupt ganz aufgefressen hätte im Verstehen. … Dabei das Verstehen der Welt, das so grandios angedeutet ist in der heiligen Silbe der Inder aoum, m…” (GA 279, in: Ernst Moll, Die Sprache der Laute, S. 262) Das englische Wort ‘mind’ für Geist und Verstand ist mit ‘Meinung’ und auch mit ‘Minne’, dem mittelalterlichen Wort für Liebe verwandt. Wahres Erkennen gelingt nur durch ein liebevolles Eindringen in die Sache.
Dieses verstehende sich Hingeben und Eingehen auf den Inhalt ist ein Hineinsterben. Und damit tritt die andere Seite des M auf im ‘morden’ und ‘modern’. Der Verstand hat zersetzende, analysierende Kraft und saugt in die Tiefe wie das ‘Moor’. Der feste Grund der Wahrheit ist verloren. Rudolf Steiner fragt. “Was ist der Riese Ymir [aus der nordischen Mythologie]? Ymir ist der Denkmensch, der entstanden ist… aus dem Chaos.” (GA 101, in: Ernst Moll, Die Sprache der Laute, S. 266) Mimir ist dort der Onkel Odhins, der Urweltsänger, der Odhin die Runen lehrt. In Mimirs Brunnen, dem Brunnen der Weisheit der bis zum Schöpfungsabgrund Ginnungagab herabreicht, opfert Odhin sein Auge, seine Hellsichtigkeit, um den Menschen voranzugehen mit der Entwicklung des irdischen Denkens. (Gundula Jäger, Die Sprache der Edda, S. 38). Das M als Denken ist hier das meditative Herzverstehen, die Offenbarung des Geistigen im Bewusstsein. So wird verständlich, warum Rudolf Steiner das M als Laut der Weisheit charakterisiert: “Jeder Buchstabe führt auf einen okkulten Ursprung zurück. So ist das M das Zeichen der Weisheit. Es ist als Nachbildung der Form der Oberlippe entstanden und ist zugleich das Symbol für die Meereswellen. Daher wird die Weisheit auch durch das Wasser symbolisiert.” (GA 95 in: Die Sprache der Laute, S. 266) Im kirchenslawischen Alphabet heißt M ‘Myslete’ und meint ‘denket’. Das M dieses Alphabets ruft den Menschen dazu auf, seine Geistkraft denkend zu betätigen.
Das iro-keltische Alphabet bezeichnet das M mit ‘Muin’, dem Weinstock. Hier schließt sich der Kreis im gewissen Sinne, denn es ist der Sage nach Noah, der hebräische Manu, der den Weinstock fand und den ersten Weinberg pflanzte. Die Legende deutet sogar an, dass der Weinstock sozusagen die Quintessenz des Paradiesgartens in sich trägt, denn er wurde vom Paradiesgarten weggeschwemmt. Der Name Noah (nvch) bedeutet ‘Ruhebringer’. Es ist die in der Menschheit neu auftretende Denkkraft, die die wogende See der Seele beruhigen und ins Gleichgewicht bringen kann. Das Alte Testament nennt den Ort, der als erstes aus den Fluten der Sintflut auftaucht, von dem die Taube den Ölbaumzweig bringt, nach diesem Menschheitsführer ‘Manoah’ (mnvch), ‘die Stätte der Ruhe’. (Emil Bock, in: Die Sprache der Laute, S. 268) Rudolf Steiner sagt über den Weinstock im Verhältnis zu anderen Pflanzen: “Denn wenn wir die Pflanze betrachten, so bringt sie es in ihrer Organisation bis zu einem gewissen Punkte, mit Ausnahme der Weinrebe, die es über diesen Punkt hinausbringt. Was die übrigen Pflanzen sich einzig und allein aufsparen für den jungen Keim, alle die Triebkraft, die sonst nur für den jungen Keim aufgespart wird und nicht in das übrige der Pflanze sich ergießt, das ergießt sich bei der Weintraube auch … in das Fruchtfleisch, so dass durch die sogenannte Gärung, durch die Verwandlung dessen, was sich da in die Weintraube hineinergießt, … etwas erzeugt wird, was in der Tat innerhalb der Pflanze eine Gewalt hat, welche nur verglichen werden kann okkultisch mit der Gewalt, die das Ich des Menschen über das Blut hat. … Das Ich muss … einen ganz ähnlichen Prozess im Blut erzeugen, … wie erzeugt wird durch das gleichsam Rückgängigmachen des Organisationsprozesses, … wenn Alkohol erzeugt wird.” (GA 252 in: Die Sprache der Laute, S. 269)
Der Keim muss die feste Struktur der Speicherproteine des Samens auflösen, um wachsen zu können. Dieser Prozess ähnelt dem Gärprozess und auch der Zersetzung des Lebendigen. Nicht die Leben aufbauende Kraft wird im M als Weinstock gesehen, sondern die Bewusstsein erzeugende Todeskraft. Rudolf Steiner beschreibt: “In jedem Augenblick muss, damit unsere Ichheit leben kann, das Leben, das im roten Blute fließt, im blauen Blute ertötet werden. Das bedeutet die Vernichtung desjenigen herbeiführen, was sich sonst verlieren würde in sich.” (GA 112 in: Die Sprache der Laute, S. 269) Emil Bock schreibt: “Die Wirkung des Weins ist die, dass er das Ich des Menschen tiefer in seine Leiblichkeit hinunterzieht. … Der Mensch entdeckt sein eigenes Innere, der Rausch der ersten Selbstfindung kommt über ihn. Er wurde durch das gleiche Mittel bewirkt, das in späteren Zeiten, wo der Mensch bereits ein Ich-Wesen war, schon wieder zur Selbstentfremdung und zum Selbstverlust führte.” (in: Die Sprache der Laute, S. 269)
Wenn Christus sich als den ‘wahren Weinstock’ (Joh 15,1) bezeichnet, so sagt er auch, dass er der Bringer der wahren Ich-Kraft ist, die über den Tod hinausführt — der Geistkraft des Geistselbst. So könnte er auch von sich sagen, ‘ich bin das wahre M’.
Über die Gegensprüche 13 M und 38 m
Das Mantra 13 M ist das letzte Mantra des Frühlings-Vierteljahres. Das folgende Mantra 14 N bezeichne ich als die Schwelle, denn sein Gegenspruch 39 n ist auch gleichzeitig sein Spiegelspruch. Was für die Sonnenbahn der vollzogene Umschwung an Johanni ist, ist im Seelenkalender-Jahreskreis der Schritt über die Schwelle des Mantras 14 N. Hier vollzieht sich der Übergang in die Kreis-Hälfte, die ich die Geistsphäre nenne. Das Mantra 13 M ist also das letzte der entsprechend Erdsphäre genannten Kreis-Hälfte.
Das Mantra 38 m ist das Mantra der 4. Adventswoche und laut seiner Überschrift “Weihe-Nacht-Stimmung” auch das Mantra der Heiligen Nacht, die stets in der Woche des 4. Advents liegt. Das folgende Mantra 39 n wird das Mantra des Jahreswechsels sein, das ich ebenso die Schwelle nenne, denn sein Gegen- und Spiegelspruch ist 14 N.
Sowohl das Mantra 13 M als auch das Mantra 38 m weisen einen Ich-Sprecher auf, die ihr Erleben berichten. Außerdem handeln beide vom Wort, das Mantra 13 M vom Wahrheitswort der Götter und das Mantra 38 m vom Weltenwort. Sieben solcher Wort-Mantren gibt es im Seelenkalender, nachzulesen beim Mantra 38 m.
Der Ich-Sprecher des Mantras 13 M schildert, was er erlebt, wenn er in den Sinneshöhen ist. Die Sinneshöhen sind die inneren Berggipfel, auf denen man dem Himmel am nächsten ist. Rudolf Steiner sagt: „Im Neuen Testament wird der Ausdruck «auf dem Berge» verschiedene Male gebraucht. «Auf dem Berge» heißt: Im Mysterium, im Inneren, im Intimen. – Auch die Bergpredigt ist nicht als eine Volkspredigt aufzufassen, sondern als eine Belehrung der Jünger im Intimen. Die Verklärung auf dem Berge hat man auch in diesem Sinne zu verstehen.“ (Lit.: GA 93a, S. 63) In dieser Bereitschaft zur Geistwahrnehmung flammt in den eigenen Seelentiefen das Wahrheitswort der Götter auf. Es stammt aus den geistigen Feuerwelten und ist ein flammend, brennendes Wort, ähnlich der Stimme des Gewissens. Das Wahrheitswort der Götter fordert den Ich-Sprecher auf, dass er in Geistesgründen sich darum bemühen muss, dem Geist verwandt zu werden. Diese Geistverwandtschaft muss er ahnend suchen. Deutlich wird, dass er sich als Geist finden muss, um rechtmäßig in den Geistesgründen weilen zu dürfen.
In diesem Ähnlich-Werden lässt sich die M‑Qualität der Imitation erkennen. Die Tatsache, dass der Mensch nicht nur irdischer Mensch ist, sondern auch Geist, ein Manu also, ein Geistselbst, ist die Voraussetzung dafür, dass er sich geistverwandt finden kann. In den Sinneshöhen zu sein lässt die Redewendung anklingen, ‘geistig auf der Höhe zu sein’, gut zu verstehen, was ebenso eine Qualität des M ist. Die berauschende Kraft des Weines flammt hier aus den Seelentiefen als das Wahrheitswort der Götter herauf. Und das M als Ausdruck des Wassers, der Weisheit des Ätherischen, lässt sich auch dieser Aspekt des M im Mantra finden? Ich sehe ihn darin, dass die Seele still wie ein ruhiger Wasserspiegel werden muss, will sie dem Geist mit seinen unverrückbaren, ewigen Wahrheiten ähnlich werden.
Das Mantra fordert den Ich-Sprecher verkürzt gesagt auf, die heilige Silbe Om zu meditieren, denn das M regelt den Stoffwechsel-Gliedmaßenorganismus des Menschen, wie Rudolf Steiner sagt (siehe oben). Es regelt und harmonisiert den irdischen Pol des Menschen, sodass der Körper Werkzeug des Geistes sein kann. Das Mantra beschreibt, unter welchen Bedingungen der Mensch hinaufwachsen kann in die geistige Welt. Vor der Schwelle zu dieser Welt steht laut Rudolf Steiner der Hüter der Schwelle, der der Christus als Hüter des Karmas ist.
Der Ich-Sprecher im Mantra 38 m fühlt. Er tastet in sich hinein durch M. Er fühlt das Geisteskind, das nun wie entzaubert ist. Die verzaubernde Kraft, die das irdische Gewand webt, ist das M als Maya. Durch die Maya, den Sinnesschleier, wird der Mensch getäuscht; er hält sich fälschlicherweise für ein irdisches Wesen. Doch seit urzeiten ruht in seinem Seelenschoß der Geistfunke, das Manas — die Veranlagung den Seelenleib, den Astralleib, zum Geistselbst umzubilden. Das Geistkind, der geistige Lichtfunke wird in der tiefsten Dunkelheit sichtbar — in der Heiligen Nacht. Dann ist das Geistkind entzaubert, seine Wahrheit, sein Licht-Sein erkennbar. Das Mantra sagt, der Ich-Sprecher fühlt hier sein Potential, nicht nur irdischer Mensch zu sein, sondern auch Geistmensch zu werden.
Die sympathische, sich vereinigende Geste des M steht auch hinter der Zeugung durch das heilige Weltenwort. Das Weltenwort hat sich vereinigt mit dem Menschen und das Geistkind, das nun die Himmelsfrucht der Hoffnung genannt wird, gezeugt. Dies geschah in Herzenshelligkeit. Und es geschieht in jedem Moment des Herzverstehens, wenn sich ein Zusammenhang dem Menschen erhellt, wenn er sich hingegeben hat, damit das Wesen des Anderen, das Wesen des Wahrgenommenen sich aussprechen kann in ihm. Die Herzenshelligkeit ist das ausstrahlende Bewusstsein, das sich opfert und nicht das eigene Wesen, sondern das Wesen des Anderen wahrnimmt. Im Verstehen durchklingt die Seele der Osterjubel der Todüberwindung. Das Mantra sagt, die Himmelsfrucht der Hoffnung wächst jubelnd in Weltenfernen. Sie wächst aus dem Gottesgrund des menschlichen Wesens, das der Ich-Sprecher als sein eigenes erkennt. Auch hier im Wort, das die Beziehung des Gottesgrundes zum Ich-Sprecher ausdrückt, das mit “meines Wesens Gottesgrund” diesen Gottesgrund individualisiert denkt, wirkt das M. Die Kraft des M verbindet den größtmöglichen Gegensatz, die Weltenfernen mit der “Menschennähe”, mit dem eigenen Herzen.
Das Mantra 38 m schaut auf den himmlischen, den geistigen Pol des Menschen. Es spricht davon, wie der Geistmensch sozusagen herabwächst. Es spricht von der Geburt des Christus in der eigenen Seele. Ich erinnere eine Aussage von Rudolf Steiner, in der er den Christus als die Kraft des M bezeichnet.
Rudolf Steiner spricht auch von einer Welle der Offenbarung, die heutzutage hereinbricht und von den Archai stammt, die zu Schöpferwesen, also zum Rang der Elohim aufgestiegenen sind. Auch diese Geisteswelle kann als M erlebt werden: “Diese Offenbarung ergießt sich wie eine neue Geisteswelle durch das Geschehen, in das der Mensch eingespannt ist. Der Mensch kann diese Welle nicht etwa von der Erde zurückstoßen. Sie ergießt sich über die Erde. Das ist die eine Tatsache. Also, ich möchte sagen, seit einiger Zeit, insbesondere seit dem Beginne des 20. Jahrhunderts — oder eigentlich deutlicher gesagt seit dem Jahre 1899 etwa — stehen wir, indem wir als Menschen in der Welt herumgehen, innerhalb einer neuen Welle des geistigen Lebens, die sich in das andere Leben der Menschheit hineinergießt. Und ein Geistesforscher ist heute nur ein Mensch, der dies zugibt, das heißt, der bemerkt, daß so etwas hereingebrochen ist in das Leben der Menschheit.” (GA 187, S. 165)
Die Mittelstellung des M zwischen dem ahrimanischen S und dem luziferischen H, die Rudolf im Folgenden beschreibt, verdeutlicht die Verwandtschaft des M zu Christus, der ebenso das Gleichgewicht zwischen diesen beiden Weltmächten hält. “Sprachlich ist das M ein außerordentlich wichtiger Laut. Sie werden ihn sprachlich empfinden in seiner Wichtigkeit, auch sprachphysiologisch, wenn Sie ihn im Gegensatz betrachten
zu dem S. …
… das ist im Grunde genommen der große Gegensatz zwischen einem S und einem M, das sind die zwei polarischen Laute. Das S ist, wenn ich mich jetzt anthroposophisch ausdrücken darf, der eigentlich ahrimanische Laut, und das M ist dasjenige, was das Ahrimanische in seiner Eigenschaft mildert, abmildert, was ihm, wenn ich so sagen darf, seine ahrimanische Stärke nimmt. …
Wenn Sie das H nun richtig anschauen, wenn Sie sich so recht drinnen fühlen in diesem H, dann werden Sie sich sagen: In diesem H liegt etwas, was unmittelbar luziferisch sich ausnimmt. Es ist also das Luziferische in dem H, das da zum Ausdrucke kommt. … wenn man das H macht und es gleich übergehen läßt in ein M. … Da haben Sie die ganze Anschauung des Luziferischen abgemildert, ihm die Spitze genommen … Diese Bewegung ist wirklich so, wie wenn man den Luzifer aufhalten würde. Und es ist das ja für Sie auch hörbar, wenn Sie sich einfach darauf besinnen — der heutige Zivilisationsmensch kann sich eigentlich gar nicht mehr richtig auf diese Dinge besinnen -: Wenn jemand zu etwas Luziferischem zustimmen will, aber das richtige Luziferische, das Eifrige des Zustimmens gleich herabmindert, so macht er «Hm, hm»; da haben Sie das H und das M eigentlich recht sehr aneinandergelegt, und da haben Sie die ganze Liebenswürdigkeit des herabgestimmten Luziferischen unmittelbar drinnen. (GA 315, S. 32 ff)