Die Gegensprüche 18 R und 43 r

18 R

Kann ich die Seele weiten,

Dass sie sich selb­st verbindet

Emp­fangnem Welten-Keimeswort?

Ich ahne, dass ich Kraft muss finden,

Die Seele würdig zu gestalten,

Zum Geistes-Klei­de sich zu bilden.

43 r

In win­ter­lichen Tiefen

Erwarmt des Geistes wahres Sein;

Es gibt dem Weltenscheine

Durch Herzen­skräfte Daseinsmächte;

Der Wel­tenkälte trotzt erstarkend

Das See­len­feuer im Menscheninnern.

Die Eurythmieformen zu den Mantren 18 R und 43 r

Über den Buchstaben “R”

Das R ist ein Laut, der anders als andere Laute sein Wesen nicht verän­dert, egal an welch­er der drei Artiku­la­tion­szo­nen er gebildet wird. Zum ersten gibt das mit dem Zun­gen­rück­en an der Gren­ze zum harten Gau­men gebildete R, bei dem das Zäpfchen vib­ri­ert, zum zweit­en gibt es das Zungen‑R, das mit der Zun­gen­spitze hin­ter den oberen Schnei­dezäh­nen gebildet wird und zum drit­ten das Lippen‑R, bei dem der Luft­strom Ober- und Unter­lippe in flat­ternde Bewe­gung ver­set­zt. Let­zteres klingt wie das Schnauben eines Pfer­des und wird Kutscher‑R genannt.

Immer wird beim R eine Enge erzeugt, die ger­ade so bemessen ist, dass der durch den Luft­strom erzeugte Sog das Luftrohr schließt, das sofort mit der neu anbran­den­den Luft wieder gesprengt wird. Dieser Vor­gang wieder­holt sich ohne aktive Muskel­beteili­gung in schneller Folge und erzeugt den R‑Laut. Im Deutschen ist das R ein stimmhafter Laut, das heißt, der Luft­strom ist ein klin­gen­der, doch lässt sich das R auch stimm­los bilden.

Das R por­tion­iert den stimmhaften Luft­strom in viele kleine Luft-Perlen. Es rhyth­misiert ihn. Rudolf Stein­er charak­ter­isiert das R so: “Nicht wahr, Sie ken­nen alle das R, das, was man das R‑R-R nen­nt. Erlebt wird richtig das R, wenn man es als das Drehende empfind­et, das R als ein Rad empfind­et: R‑R-R. Also das R ist das Wälzende, Drehende; alles das, was irgend­wie den Ein­druck macht, daß es rrrt. Das Drehende, Walzende, Rol­lende. So muß es gedacht, angeschaut werden:

(GA 279, S. 61) Rudolf Stein­er nen­nt das R einen Luft­laut. “Das ist ein Laut, bei dem der Ausat­mungsstrom in sich erzit­tert; R ist der Zit­ter­laut.” (GA 279, S. 132)  Das L ist dage­gen der Wasser­laut. Diese Ele­mente zeigen sich nur in je einem Laut. Feurige Qual­ität haben dage­gen alle Blase­laute, und allen Stoßlaut­en ist die Auseinan­der­set­zung mit dem Wider­stand gemein­sam, weshalb sie zum Erdele­ment gehören. Wie die Luft in enger Beziehung zum Licht ste­ht, dass die Luft durch­strahlt, ste­ht auch der Luft­laut R in Beziehung zum inneren Licht des Men­schen, zum Bewusst­sein. Wie das äußere Son­nen­lich die Zeit durch Tag und Nacht rhyth­misiert, unter­liegt das Bewusst­sein wech­sel­nden Hel­ligkeitsstufen. Das rhyth­misch-zyk­lis­che Voran­schre­it­en sind wesentliche Aspek­te des R, wie sich zeigen wird.

Das gotis­che Alpha­bet nen­nt das R ‘reda’, bzw. ‘rai­da’, den ‘Wagen’ und schon altindisch hieß der Wagen ‘rátha’. Der nordis­che Name des R ist ‘rei­dh’, der angel­säch­sis­che ‘Rad’, was ‘reit­en’ bedeutet. Die heutige deutsche Bedeu­tung des Wortes ‘Rad’ ist im Englis­chen, Nordis­chen und Gotis­chen nicht inbe­grif­f­en, find­et sich aber schon im althochdeutschen Word ‘rad’, lateinisch ‘rota’, litauisch ‘ratas’. altirisch ‘roth’. Das Bild des Reit­ens und Reisens prägt das angel­säch­sis­che Runen­lied zum R:

Ritt schint leicht — jedem Krieger

während er zuhause sitzt — und gar mutvoll für den

der die hohen  Straßen — auf dem Rück­en seines wack­eren Ross­es durchreitet.

Der isländis­che Runen­reim the­ma­tisiert es ähnlich:

Reit­en ist behaglich­es Sitzen

und hur­tige Reise

und Anstren­gung des Pfer­des (Reise)

Und ein ander­er Runen­reim lautet:

Reise ist Weg,

Weg ist Fahrt,

Fahrt ist Reise,

Reise ist der Runenstab.

(Ernst Moll, Die Sprache der Laute, S. 331)

Das R ist der Laut der Fort­be­we­gung und zwar nicht nur des Men­schen, wie fol­gende Beispiele zeigen: ‘ren­nen’, ‘rasen’, ‘reit­en’, ‘reisen’, ‘rollen’, ‘rutschen’, ‘rieseln’, ‘rin­nen’, ‘rud­ern’, ‘rodeln’, ‘radeln’, ‘rück­en’, ‘rühren’, ‘rüt­teln’. Mit­tel­hochdeutsch bedeutete das Wort ‘Reise’ nicht ein­fach­es Unter­wegs­sein wie heute, son­dern den Kriegszug. Das Rast­lose des R wird im Kriegszug erlebt, franzö­sisch ‘guerre’, ety­mol­o­gisch zusam­men­hän­gend mit englich ‘war’. Gehen heißt auf Latein ‘ire’, und der Ver­lust der Ori­en­tierung führt zum Deutschen ‘Irrtum’. Wer im R, im ‘Kar­ren’ sitzt, der ‘knar­rend’ und ‘ras­sel­nd’ von ‘Rossen’ gezo­gen dahin ‘rast’, kann auch lan­den, wo er nie hin­wollte. Rudolf Stein­er sagt: “Das R hat einen ganz anderen Charak­ter als die anderen Kon­so­nan­ten. … Weil im R der Men­sch ganz wild wird, ganz aus seinem eige­nen Organ­is­mus her­auskommt, von sich loskommt, ist bei ein­er Vier­tel­stunde R‑Üben die Gefahr, dass er ganz aus sich her­auskommt und ohn­mächtig wird. … R holt den Astralleib ganz aus uns her­aus” (GA 280, in: Ernst Moll, Die Sprache der Laute, S. 332) Hier zeigt sich seel­isch, was physikalisch die Fliehkraft durch schnelles Rotieren bewirkt. Hier ist das R der Laut der ‘rasenden Rache’, des ‘Ver­reck­ens’, ‘Ver­rück­twer­dens’, des ‘Sturzes’ und ‘Sturms’. Das R als das Rotierende führt wie alle rotieren­den Gegen­stände zu ‘Rei­bung’ und ‘Wärme’-Entwicklung, nun nicht physisch, son­dern geistig.

Das R ist deshalb auch der Laut der ‘Ruhe’, des ‘Brütens’ und ‘Reifens’, der sich im Ver­bor­ge­nen vol­lziehen­den Prozesse. Es ist der Laut des geisti­gen Feuers. Das hebräis­che Wort, das die Gen­e­sis für das Brüten des Geistes über dem Urgewäss­er ver­wen­det ist ‘rachaph’ (rchp). Rudolf Stein­er sagt: “Das hebräis­che Word ‘rachaph’ (ruach Elo­him) bedeutet nicht, was man sich heute unter der sinnlichen Tätigkeit des Brütens vorstellt, son­dern es ist vielmehr die Aktiv­ität der ausstrahlen­den Wärme damit gemeint. Es strahlte in die anderen ele­men­tarischen Zustände der Geist der Elo­him durch das Wärmeele­ment hinein; dadurch wird zur Reife gebracht, was in dem fin­steren Ele­ment zunächst unreif ist.” (GA 122, in: Die Sprache der Laute, S. 332)

Die Mor­gen­röte, ‘Auro­ra’ wurde bei den Alten als Son­nen­wa­gen ange­se­hen. Der gerötete Him­mel zeigt den Über­gang von der Nacht in den Tag und wieder in die Nacht. Wird die Son­nen­bahn als Kreis­bahn vorgestellt, dessen obere Hälfte der Tag ist, so markiert die Röte die Gren­ze. Röte, ‘Ruis’ heißt das R im irischen Ogham Alpha­bet. Hier ist es mit dem Hol­un­der, dem Busch der Frau Holle, ver­bun­den. Mit der Röte steigt nicht nur die Sonne auf, sie geht auch durch die Röte in die Unter­welt, das Reich der Urmüt­ter und Regeneration.

Alles Runde, sich run­dende, Drehende zeigt R‑Qualität, wie in ‘Rinde’, ‘Ranke’, ‘Rand’, ‘Krug’, ‘Korb’, ‘Kreis’, ‘Krüm­mung’, ‘Krücke’, ‘Kralle’, ‘Krause’, ‘Kro­ne’, ‘Rohr’, ‘Rübe’, ‘Rüs­sel’, ‘Rippe’. So wun­dert es nicht, dass das phönizis­che und damit auch das hebräis­che Alpha­bet das R als ‘Resch’ (rjs), ‘Kopf’ beze­ich­nen. Daraus ging die griechis­che Laut­beze­ich­nung ‘rho’ her­vor mit der sel­ben Bedeu­tung. Die Form des griechis­chen Buch­stabens entspricht dem lateinis­chen P.

Im Chris­tus­mono­gramm ist der griechis­che Buch­stabe Roh heute noch zu find­en. Dieses Zeichen set­zt sich aus den griechis­chen Buch­staben Chi (X) und Rho ℗ zusam­men. Es sind die bei­den ersten Buch­staben des griechis­chen Wortes ‘Χριστός’, ‘Christós’. Dieses Zeichen gab es jedoch schon in vorchristlich­er Zeit. Es erscheint auf Kupfer­münzen, die unter Ptole­maios III. (regierte 246–222 v. Chr.) geprägt wur­den. Kaiser Kon­stan­tin der Große ließ dieses Zeichen auf die Schilde sein­er Sol­dat­en malen und nutzte es als sein Feldze­ichen in der Schlacht von 312 n.Chr., denn er hat­te in ein­er Schau von der Sonne erfahren, dass er unter diesem Zeichen siegen werde.

Dreifach­es Chris­tus­mono­gramm (Chi-Rho) mit 12 Tauben, Mosaik im Alben­ga Babtis­teri­um, 5. Jhd. — mit einge­fügtem Seelenkalender-Jahreskreis

Die 12 Tauben deuten auf den Jahreskreis. Das Chi-Rho-Zeichen ist hier so gestal­tet, das der Kreis durch die Balken in Sech­s­tel gegliedert wird. Auf die Gliederung des Jahreskreis­es in Drit­tel und dadurch auch in Sech­s­tel gehe ich weit­er unten ein.

Der Bedeu­tungszusam­men­hang des Chi-Rho als Chris­tus­mono­gramm im Jahreskreis soll hier nicht weit­er aus­ge­führt wer­den. Er soll den Hin­ter­grund bilden zu dem, was Rudolf Stein­er über das Rho und den Kopf sagt. Rudolf Stein­er betont den gefühlsmäßi­gen Zusam­men­hang des Resch mit dem Kopf, indem er dreimal das Wort Fühlen gebraucht: “Das­jenige, was mit dem Resch angedeutet wurde, das regte an etwas, was fühlte, wie man sich fühlt, wenn man sein Haupt fühlt.” (GA 122, in: Ernst Moll, Die Sprache der Laute, S. 334) Was fühlt man aber, wenn man sein Haupt fühlt? Der Kopf ist annäh­ernd eine Kugel und man fühlt, wie der Kopf in Beziehung ste­ht zum Kos­mos. Der Kopf ist aus dem Kos­mos her­aus gestal­tet, sagt Rudolf Stein­er. Es sind die höch­sten Kräfte, “die sozusagen von den weitesten Par­tien des Wel­te­nalls kom­men und auf den men­schlichen Kopf wirken, den men­schlichen Kopf eigentlich rund machen, wie zu einem Abbild vom ganzen run­den Weltall machen. … [Sie kom­men] von den höch­sten Him­meln her; die for­men den men­schlichen Kopf, indem sie ihn zu einem run­den Abbilde des ganzen run­den Weltalls machen.” (GA 353 in: Ernst Moll, Die Sprache der Laute, S. 336)

Und hier beschreibt Rudolf Stein­er, wie der Inkar­na­tion­sprozess sich vol­lzieht: “Was trägt denn eigentlich unser Ich beim Her­ab­stieg aus der geisti­gen Welt durch die Geburt in die physis­che Welt here­in? Es ist der Kopf, der es here­in­trägt. Der Kopf ist sozusagen der Wagen, auf dem das Ich here­in­fährt in die physis­che Welt. Und wenn es hereinge­fahren ist, dann ver­wan­delt es auch seinen ganzen Leben­szu­s­tand beim Über­gang aus der geisti­gen in die physis­che Welt. So para­dox es zunächst dem Men­schen, der die Dinge äußer­lich betra­chtet, erscheinen mag: in der geisti­gen Welt, bevor wir uns anschick­en, hier geboren zu wer­den, sind wir eigentlich in ein­er fortwähren­den Bewe­gung, und Bewe­gung ist dort unser eigentlich­es Ele­ment. Wür­den wir diese Bewe­gung fort­set­zen wollen, so wür­den wir niemals in die physis­che Welt hineinkom­men kön­nen. Und wir wer­den davor behütet, sie fortzuset­zen, indem sich unsere Kopf Organ­i­sa­tion anpaßt dem übri­gen Organ­is­mus, so daß also gewis­ser­maßen unsere Kop­for­gan­i­sa­tion zum Wagen wird, auf dem wir here­in­fahren in die physis­che Welt, der aber dann stille wird, wenn er hereinge­fahren ist, und dann bequem auf dem übri­gen Organ­is­mus ruht. Und wenn der übrige Organ­is­mus auch geht, der Kopf macht dies nicht mit. So wie ein Men­sch, der in ein­er Kutsche oder in der Eisen­bahn fährt, selb­st in Ruhe ist, so ist auch das Ich, das vorge­burtlich in Bewe­gung ist, zur Ruhe gekom­men, wenn es in die physis­che Welt herun­tergestiegen ist, und macht dann nicht mehr die Bewe­gun­gen, die es früher gemacht hat. Das deutet auf außeror­dentlich Wichtiges. (GA 302a, S. 63f, Her­vorhe­bungeb A.F.)

In diesen Schilderun­gen ist das R als wirk­same Kraft erkennbar. Wie der Kopf auf dem Kör­p­er, so sitzt der König auf dem Thron, der keltisch ‘rix’, der Mächtige, der König heißt und sein ‘Reich’ ‘regiert’. Und vom Kön­i­gre­ich leit­et sich das Eigen­schaftswort ‘reich’ ab; von ‘rix’ stammt die Endung der Namen ‘Fried-rich’, ‘Herrsch­er des Friedens’ und ‘Hein-rich’, Herrsch­er des Haus­es’. Der König gibt die ‘Rich­tung’ vor, wom­it der son­nen­haft-ausstrahlende Aspekt der ‘Radi­en’ des Kreis­es eben­so wie das ‘Streben’ des ‘rol­len­den Rades’ und seine lin­eare ‘Spur’ zum Aus­druck kom­men. Rudolf Stein­er attestiert dem R etwas Antl­itzhaftes in der laut­lichen Deu­tung des hebräis­chen Wortes ‘beres­chit’ aus der Gen­e­sis: “Resch, der zweite Mit­laut rief her­vor das Antl­itzhafte der geisti­gen Wesen­heit­en, die in diesem Gehäuse [des B von ‘beres­chit’] drin­nen woben. … Stellen wir uns vor, dass aus diesem Stof­fge­häuse … uns anblick­en die Antl­itze von geist­gen Wesen­heit­en, die … sich offen­baren … die uns ihr Antlitz zuwen­den. … Da drin­nen denken wir uns ein Geistiges, das uns anblickt wie Antl­itze, die ger­ade durch diese Hülle sich offen­baren und eine Kraft der Offen­barung sel­ber sind …” (GA 122 in: Ernst Moll, Die Sprache der Laute, S. 338)

Auch vom ägyp­tis­chen Son­nen­gott Ra gibt Rudolf Stein­er eine Lautcharak­ter­is­tik: “A: das hat irgend etwas mit Ver­wun­derung zu tun. Nun nehmen Sie dazu den Buch­staben R: da drin­nen liegt das Hin­rollen, Strahlen. R = Ausstrahlen. A = Ver­wun­derung. R = Rollen, Ausstrahlen. Die ‘Son­nen­trahlen’ sehen so aus, wie wenn sie hin­strö­men wür­den. Nun kenken Sie, es will ein­er sagen: Da oben ist etwas, das wirft mir hier auf der Erde etwas zu, was wenn es mir am Mor­gen erscheint, Ver­wun­derung her­vor­ruft. Die Ver­wun­derung drückt er aus durch A; aber dass es von oben kommt, mit R; das drückt er also aus mit: R — A. Ja, so haben die alten Ägypter den Son­nen­gott genan­nt: Ra!” (GA 149 in: Ernst Moll, Die Sprache der Laute, S. 338)

Der slaw­is­che Name des R ist ein Imper­a­tiv. ‘Rzy’ oder Rjzi’ bedeutet ‘rede!’ Auch ’sprechen’, ‘reagieren’ ‘par­lieren’ führen wie das ‘Wort’ sel­ber das R im Wort. Im Sprechen offen­bart der Men­sch seine höch­ste Schöpfer­ma­cht. Er spricht aus, was er denk­end aus der Wahrnehmung an Erken­nt­nis gewon­nen hat. Den zeit­losen Rhyth­mus von Wahrnehmung und Denken set­zt Rudolf Stein­er in Beziehung zu Som­mer- und Win­ter-Hal­b­jahr, sodass auch dieser zyk­lis­che Prozess wie das Jahres­rad als ein R‑Prozess betra­chtet wer­den kann.

Rudolf Stein­er ord­net das R dem Tierkreisze­ichen Sti­er zu, der tra­di­tionell für den Kehlkopf ste­ht, den Ort der Stim­merzeu­gung. Das R ist der Laut der Wort­ge­walt, der Rede, die wie das Don­ner­grollen erschüt­tern oder wie ein anre­gen­des Gespräch bewe­gen kann. Beim Denken, dem inneren Sprechen, kön­nen sich die Gedanken wie ein Mühlrad im Kopf herum­drehen, was den rotieren­den Aspekt des R zeigt. Rudolf Stein­er verdeut­licht den Unter­schied vom D im Wort ‘denken’ zu dem R von ‘ratio’ wie fol­gt: Das konkrete Denken find­et immer ein Ende, das absrak­te Denken läuft mit dem Gedanken immer wie ein Rad herum.” (GA in: Ernst Moll, Die Sprache der Laute, S. 336)

Mit der Rich­tungsän­derung bei der Umdrehung hängt eine weit­ere Qual­ität des R zusam­men. Rudolf Stein­er sagt, das R ist das­jenige, “was eine Reserve, eine reservierte Hal­tung her­vor­ruft im men­schlich geistig-seel­is­chen Wesen. Daher drück­en wir alles das­jenige aus mit dem R, das wir so erfassen, wie wir uns selb­st erfassen, wenn wir noch zu Rate gehen, wenn wir noch rat­en. Und ‘rat­en’ ist ein Wort, das das R in ganz beson­ders charak­ter­is­tis­ch­er Weise anwen­det. Rat­en = wir drehen und wen­den noch unser Urteil … sodass wir das­jenige, was wir äußer­lich ähn­lich find­en dieser Stim­mung des Drehens und Wen­dens des Urteils, mit Worten beze­ich­nen, die den R‑Laut haben.” (GA 279 in: Ernst Moll, Die Sprache der Laute, S. 336)

Das R als Stier­laut zeigt sich im Durch­hal­tev­er­mö­gen, in der Übung bis zur Pro­fes­sion­al­isierung. Das R am Wor­tende macht aus jeman­dem, der manch­mal Brot bäckt einen ‘Bäck­er’, aus einem Garten­fre­und einen ‘Gärt­ner’. Das R drückt hier aus, das der Prozess der Aneig­nung vol­len­det und abgerun­det ist.

Die Kraft des Erzen­gels ‘Raphael’, der meist als der Heil­er ange­sprochen wird, beschreibt Rudolf Stein­er mit dem Aus­druck ‘Gottwoller’. “Gewiss, Sie wer­den in keinem hebräis­chen Lexikon die Über­set­zung dieser Worte [der Erzen­gel­na­men] so find­en: aber wenn man sich ein­lebt in das, was gemeint war, so müsste man die alten hebräis­chen Worte mit diesen Worten heute eigentlich über­set­zen und zwar so, dass … Gottwoller ganz das­selbe bedeutet wie ‘Raphael’.” (GA in: Ernst Moll, Die Sprache der Laute, S. 339) Indem das R den Kreis­lauf darstellt, trägt es auch den heilen­den, erneuern­den Aspekt, der mit dem Erzen­gel ver­bun­den ist, in sich.

Wie das O der Vokal des Run­den, von innen nach außen Tönen­den und das Andere liebevoll Umfassenden ist, so ist das R der Kon­so­nant dieser Form in allen ihren Aspek­ten. Das R ist das Runde, Rol­lende, Drehende, Rast­lose, Reibende, Wär­mende, zen­trifu­gal Wei­t­ende, Ausstrahlende, Rich­tunggebende, das Reservierte im Rat­en und Wen­den und das Rhyth­mis­che im Prozess, der bis zur Vol­len­dung führt — der End­stel­l­lung des R in der Professionalisierung.

Das Mantra 18 R und seine zweifache Zugehörigkeit

Die Mantren 18 R und 43 r ste­hen an ein­er Gren­ze — und das gilt für das Mantra 18 R gle­ich dop­pelt. Die Gren­ze ergibt sich, weil es im christlichen Jahreskreis zum einen den mit fes­ten Dat­en ver­bun­de­nen Jahreskreis gibt und zum anderen die mit Ostern zusam­men­hän­gende Zeit, die nur an den Früh­ling, nicht aber an feste Dat­en gebun­den ist. Dadurch stoßen zwei Zeitqual­itäten aufeinander.

Das Mantra 43 r ist das let­zte vor dem Beginn dieser vom fes­ten Datum gelösten Osterzeit, der Osterscholle.

Exkurs zur Oster­scholle — dem “Mond” im Jahr

Die Oster­scholle nenne ich die vom Oster­fest beherrschte, vom Son­nen­stand, d.h. vom Datum rel­a­tiv unab­hängige Zeit. Sie reicht vom aus­lösenden Ostert­er­min bis zum Fron­le­ich­nams­fest, das in der neun­ten Woche nach Ostern liegt. Doch das Oster­ereig­nis macht seinen Ein­fluss schon Ascher­mittwoch gel­tend, also sieben Wochen vor Ostern. Da ich davon aus­ge­he, dass die vor- und nachöster­liche Zeit sym­metrisch sein müsse, rechne ich vor und nach Ostern neun Wochen und damit auch neun Mantren zu dieser Osterzeit. Diese 18 Wochen liegen wie ein Mond im Jahr und zeigen eine gewisse Selb­ständigkeit gegenüber dem Son­nen­stand, denn sie ver­schieben sich mit dem Oster­da­tum, das an den Voll­mond nach der Tag-und-Nacht­gle­iche sowie den darauf fol­gen­den Son­ntag gebun­den ist. Die neun Mantren vor Ostern sind die Mantren 44 s bis 52 z und die neun Mantren nach Ostern sind die Mantren 1 A bis 9 I (großes i). Die Oster­scholle, der “bewegliche” Mond im Jahr umfasst also 18 Wochen — ein gutes Drit­tel des Jahres von 52 Wochen. Die anderen zwei Drit­tel des Jahres nenne ich die Son­nen­zeit, denn hier sind die Feste durch ihr Datum mit der Sonne ver­bun­den (Johan­ni am 24.6.; Michaeli am 29.9.; Heili­ga­bend am 24.12.)

Jed­er Jahreszyk­lus wird also durch das Oster­fest indi­vid­u­al­isiert. Damit ein­her geht die Notwendigkeit der Anpas­sung sowohl vor der Oster­scholle als auch danach. Ein Überge­hen dieser “Lebendigkeit” im Jahr ist für den See­lenkalen­der unmöglich, weil Rudolf Stein­er das Mantra 1 A mit der Oster­woche ver­bun­den hat und diese Woche vari­iert wie gesagt vom Datum her.

Liegt das Oster­fest früh im Jahr, sind weniger Wochen bis zum Oster­fest vorhan­den als Mantren durch­ga­gen wer­den müssen. Liegt das Oster­fest spät im Jahr, sind mehr Wochen bis zum Oster­fest zu durch­leben, als Mantren zur Ver­fü­gung ste­hen. So muss die mit den Mantren ver­bun­dene Zeit gegebe­nen­falls ges­taucht oder gedehnt werden.

Das Mantra 43 r ist das let­zte Mantra, bevor mit dem Mantra 44 s die Oster­scholle, der “Mond im Jahr” begin­nt. Durch die meist notwendi­ge Dehnung oder Stauchung der Zeit ist dieser Schritt von der “Son­nen­zeit” in die “Mon­den­zeit” mal größer, mal klein­er. Immer ist dieser Schritt mit einem Über­schre­it­en ein­er Gren­ze ver­bun­den. Am Gewahrw­er­den dieser Gren­ze kann sich Bewusst­sein entzünden.

Aus der Bemes­sung der Oster­scholle fol­gt eine wichtige Kon­se­quenz für das Mantra 18 R. Die 18 Wochen der Oster­scholle umfassen wie gesagt etwas mehr als ein Drit­tel des Jahres. Diese Drit­telung kann für den Jahreskreis auf zwei Arten erfol­gen. Zum ein wie ein Mer­cedesstern, zum anderen “geschichtet”. Das Jahr wird hier nicht als Zeit­fluss, son­dern als Raum in drei Bere­iche gegliedert. Die Gren­zen dieser Bere­iche gehen von der Oster­scholle aus und wer­den durch Spiegel- und Gegen­sprüche auf das ganze Jahr über­tra­gen. Die drei so gewonnenen Bere­iche des Jahres nenne ich den Mond­bere­ich (Oster­scholle), den Son­nen­bere­ich (mit der Som­mer- und der Win­ter­son­nen­wende) und den Stern­bere­ich. Der Stern­bere­ich umfasst das Herb­st-Drit­tel des Jahres, und dieses ist die zur Oster­scholle kom­ple­men­täre Zeit. Die auf diese Weise vorgenommene Über­tra­gung der Gren­zen führt jedoch dazu, dass das Mantra 18 R ein­mal zum Son­nen­bere­ich gehört, ein­mal zum Stern­bere­ich (siehe die unten­ste­hende Abbildung).

Das Mantra 18 R gehört sowohl zum Son­nen- als auch zum Sternbereich

Wird vom Gegen­spruch 43 r aus­ge­gan­gen, liegt die Gren­ze zwis­chen R und S. Das Mantra 18 R gehört also wie das Mantra 43 r zum mit­tleren Bere­ich, dem Son­nen­bere­ich. Ori­en­tiert man sich jedoch an den Spiegel­sprüchen, so bildet das Mantra 18 R zusam­men mit dem Spiegel­spruch 35 i das erste von neun Spiegel­spruch­paaren im Stern­bere­ich, der damit den gle­ichen Umfang aufweist wie der Mond­bere­ich, die Oster­scholle mit eben­so neun Spiegelspruchpaaren.

Im Mantra 18 R über­lap­pen sich also der Son­nen- und der Stern­bere­ich. Da die Zeit gle­ichzeit­ig zyk­lisch und lin­ear vorgestellt wird, führt das zu ein­er Spi­ral­be­we­gung. Der Über­gang von einem Zyk­lus in den näch­sten geschieht vielle­icht nicht wie das gewöhn­lich vorgestellt wird beim Jahreswech­sel, also in der Nacht vom 31.12. zum 1.1. und auch nicht vom Sam­stag der Kar­woche 52 z zum Son­ntag der Oster­woche 1 A, son­dern beim Mantra 18 R. Als Spiegel­spruch ist es das erste Mantra des Stern­bere­ichs und nach einem voll­ständi­gen Zyk­lus ist es als Gegen­spruch das let­zte Mantra des Son­nen­bere­ichs. Das Mantra 18 R ist dem­nach von zwei Gren­zen eingeschlossen.

Die Spi­ral­be­we­gung und das Mantra 18 R

Stelle ich die oben abge­bildete Form, die Rudolf Stein­er für das R geze­ich­net hat in den Jahreskreis, so liegt die Stelle, an der sich die Lin­ie das erste Mal schnei­det und damit den Kreis schließt etwa dort, wo das Mantra 18 R im Jahreskreis verortet ist.

Die R‑Bewegung von Rudolf Stein­er im Jahreskreis schließt beim Mantra 18 R den Kreis

Die Frage nach der zweit­en Schnittstelle muss hier offen bleiben. Möglich, dass sie ein Hin­weis auf einen Wech­sel der Energie an der Hal­b­jahress­chwelle, doch diese Kreuzung passt nicht exakt, wenn die R‑Form möglichst mit­tig im Kreis liegt.

Jed­er Anfang im See­lenkalen­der (die Mantren 1 A und 27 a sowie 15 O und 40 o) ist mit einem wesens­glied ver­bun­den. Trifft das auch für den Anfang der Spi­ral­be­we­gung, also für das Mantra 18 R zu? Rudolf Stein­er beschrieben, dass nicht nur die vier Wesens­glieder aus den vier Rich­tun­gen, von oben, unten, rechts und links in die Mitte wirken, son­dern auch eine Kraft von vorne und von hin­ten wirkt. Es sind Empfind­ungsleib und Empfind­ungsseele. Stelle ich die von Rudolf Stein­er gegebene Graphik in den Jahreskreis, so wird erkennbar, dass

Über die Gegensprüche 18 R und 43 r

Das Mantra 18 R ist in der Ich-Per­spek­tive geschrieben. Darin stellt der Ich-Sprech­er wie im Spiegel­mantra 35 i eine Frage und reflek­tiert danach darüber (über die Spiegel­sprüche 18 R — 35 i). Das Mantra 43 r ist dage­gen in der neu­tralen drit­ten Per­son geschrieben und gibt deshalb einen Prozess wieder, der dem Bewusst­sein ent­zo­gen ist.

Im Mantra 18 R fragt der Ich-Sprech­er, ob er die Seele, also seine Seele, weit­en kann, sodass sie sich selb­st mit dem emp­fan­genen Wel­ten-Keimeswort verbinden kann. Er fragt, ob er seine Seele groß genug machen kann, sodass das Wel­ten-Keimeswort sich mit ihr verbinden kann. Das Wel­ten-Keimeswort ist das Wort, aus dem Wel­ten keimen. Und dieses Wel­ten-Keimeswort ist, obwohl es nur den Keim der Wel­ten enthält, zunächst zu groß für eine men­schliche Seele. Im Mantra 17 Q war gesagt wor­den, dass der Ich-Sprech­er das Wel­tenwort durch seine Sinnestore in See­len­gründe führen durfte. Das Wel­tenwort wahr hier Wahrnehmung. Die Wahrnehmung zeigt, was die Zeit im Laufe des Jahres in der Natur wirkt. Der ganze Jahreskreis ist das Wel­tenwort, verdeut­licht durch die Buch­staben der Spruch­beze­ich­nun­gen der See­lenkalen­der-Mantren, die zweimal durch dass Alpha­bet führen. Das Wel­tenwort ist die im Außen wirk­ende Zeit, der Jahreskreis. Das Wel­ten-Keimeswort ist die im Men­schen aufkeimende Gegen­wär­tigkeit. Sie ist ein winziger Teil des Zeit­en­laufes. Und doch strahlt das Bewusst­sein in Gegen­wär­tigkeit vom Men­schen run­dum aus wie eine Sonne und bildet dadurch ein winziges Abbild des großen Jahreskreis­es, in dessen Zen­trum die große geistige Sonne als Quelle aller Zeit steht.

Der Ich-Sprech­er im Mantra 18 R fragt also, ob er seine Gegen­wär­tigkeit so aus­dehnen kann, seinen Bewusst­sein­raum so klar “sehen” kann, dass er ihn mit dem Jahreskreis verbinden, d.h. als wesens­gle­ich erken­nen kann. Dann verbindet sich das Wel­ten-Keimeswort sel­ber mit dem See­len­raum. Der See­len­raum ist größer als der Bewusst­sein­sraum, denn er umfasst das Unbe­wusste. Ich erlebe ihn eben­so im Jahres­lauf, hier in der Darstel­lung  als Ei mit den Hal­b­jahren rechts und links. Der Bewusst­sein­sraum bildet sich dage­gen im Kreis ab mit dem Som­mer-Hal­b­jahr oben und dem Win­ter-Hal­b­jahr unten.

Nun äußert der Ich-Sprech­er, dass er ahnt, welche Kraft es ihn kosten wird, die Seele würdig zu gestal­ten, damit sie sich sel­ber zum Geis­teskleid bilden kann. Wann ist die Seele würdig und wie wird sie zum Kleid des Geistes? Würde, wenn sie nicht durch Geburt z.B. als Prinzessin, erwor­ben wird, muss durch Leis­tung errun­gen wer­den, durch Entwick­lung der Fähigkeit­en der Seele. In Wahrheit hat jed­er durch seine Geburt eine Seele, die dem Jahres­lauf entsprechend gebildet ist. Der Men­sch muss jedoch zu dieser Wahrheit erwachen, sie find­en, erleben und sich danach richt­en. Sie wird zum Kleid für den Geist, wenn sie den Geist zur Erschei­n­ung brin­gen kann, ihn bek­lei­den kann.

In der Aus­sage­form der Frage zeigt sich die Qual­ität und Kraft des R. Denn sie ruft ähn­lich dem Rät­sel eine Reserviertheit, eine Zurück­hal­tung der Seele her­vor. weil die Antwort noch nicht da ist. In der noch zu leis­ten­den Weitung der Seele erlebe ich die Wirkung des R, die sich in der durch Rota­tion entste­hen­den Fliehkraft zeigt. Die Auf­gabe, die Seele würdig zu gestal­ten, bein­hal­tet das wieder­holende Üben. Der stets gle­iche Ablauf muss immer wieder und wieder vol­l­zo­gen wer­den, weshalb er dem Rollen eines Rades ähnelt. Dieses Rad muss der Men­sch sel­ber in Schwung brin­gen. Im Miter­leben des Jahres­laufes wird der Men­sch durch das Jahres­rad ohne sein Zutun geführt. Geis­teskleid kann die Seele sein, wenn sie dem Geist eine Struk­tur wie das Jahres­rad zur Ver­fü­gung stellen kann, in die der Geist sein Leben und sein Licht hine­in­strahlen kann, die der Geist bewohnen kann, wie die geistige Sonne den Jahreskreis. Das R als Rad mit 52 Spe­ichen ist das Bild dieser Struk­tur, das Geisteskleid.

Wie oben gezeigt, kann das Mantra als ein Erstes und Let­ztes betra­chtet wer­den. Die Weitung der Seele und ihre würdi­ge Gestal­tung erfordert also einen ganzen Umlauf, worin sich das Rotieren des R beson­ders offen­sichtlich zeigt.

Im Mantra 43 r geht es um Wärme und Feuer als Innen­prozess, dem die Kälte als Wel­tenkälte, als Kälte der Außen­welt ent­ge­gen­ste­ht. Das Erwar­men, sich erwär­men, find­et in Tiefen statt, die win­ter­lich, also vielle­icht dunkel und kalt sind und am Ende geht es um das See­len­feuer, das im Men­schenin­nern der Wel­tenkälte trotzt. Wärme ist eine ausstrahlende Kraft. Steigert sich die Wärme zur Hitze bis sie entzün­dend auf den Stoff wirkt, so strahlt neben der Wärme auch Licht aus.

In win­ter­lichen Tiefen, ganz unten also, wenn es win­ter­lich kalt und dunkel ist im Außen, dann erwärmt sich das wahre Sein des Geistes. Und — was ist das wahre Sein des Geistes, also sein voll­ständi­ges Sein? Geist und Materie sind ein­er­seits Gegen­sätze, ander­er­seits sind sie aber auch nur zwei Erschei­n­ungs­for­men eines sich inkarnieren­den und exkarnieren­den über­ge­ord­neten Geistes. Es gibt also zwei Bilder des Geistes. Das eine zeigt ihn wie z.B. den Heili­gen Geist, den Rudolf Stein­er den kör­per­losen Geist nen­nt. Dieser Geist bildet mit der Materie ein zweipoliges Ganzes. Hier ste­hen Geist und Materie einan­der kon­trair gegenüber. Das zweite Bild des Geistes ist umfassender, denn es stellt den Geist zusät­zlich inkarnierend und exkarnierend vor. Dieser Geist erscheint nicht nur kör­per­los, son­dern auch verkör­pert. Er kommt in den Geschöpfen zur Erschei­n­ung. Dieser sich inkarnierende Geist ist im Unter­schied zum Heili­gen Geist der Chris­tus, der sich in Jesus verkör­perte. Deshalb deutet die For­mulierung vom wahren Sein des Geistes für mich auf den Christusgeist.

Der Geist in win­ter­lichen Tiefen ist der her­ab­steigende, inkarnierende Geist der am unteren Wen­depunkt angekom­men ist, am Ort des Still­standes, bevor sich seine Bewe­gungsrich­tung umkehrt. Diesen Umkehrpunkt gibt es physisch im Herzen. Das ein­strö­mende Blut füllt das Herz und wenn es ganz unten, in der Herzspitze, angekom­men ist, kommt es einen Moment zur Ruhe. Hier ist Still­stand, bevor sich die Bewe­gungsrich­tung umkehrt, das Herz kon­trahiert und das Blut so impulsiert in den Kör­p­er entlässt. An diesem unter­sten Punkt also, sagt das Mantra, erwarmt das wahre Sein des Geistes. Der Geist schickt sich an, in Bewe­gung zu kom­men, in einen neuen Prozess einzusteigen. Und dieser neue Prozess zeigt sich als Leib­schöp­fung­sprozess, dem die Exkar­na­tion zwin­gend fol­gen wird, — denn „es“, das wahre Sein des Geistes, gibt dem Wel­tenschein Daseins­macht – der Geist erschafft die Materie. Der Wel­tenschein erhält nicht nur eine Daseins­macht, er bekommt eine Vielzahl an Daseins­mächt­en. – Nach mein­er Mei­n­ung sind es vier Daseins­mächte, für jede Leib-Organ­i­sa­tion eine, die aus den vier Him­mel­srich­tung ins Zen­trum ein­wirken und eine geistige Pyra­mide erschaf­fen (siehe Blog­a­r­tikel 7 G)

Es sind kos­mis­che Herzen­skräfte, die es dem wahren Sein des Geistes ermöglichen, sich irdisch zu ver­wirk­lichen. Durch die Herzen­skräfte im Mantra schim­mert der Chris­tus als großer Son­nengeist hin­durch. Und das irdis­che Herz, das mit der Sonne ver­bun­dene Organ des Kör­pers, wird das Tor sein, das es diesem umfassenden Geist ermöglicht, sich wieder zu vergeisti­gen. Hier ist der Ort, an dem die Äther-Leben­skräfte zu Bewusst­sein­skräften wer­den. Hier find­et die Ätheri­sa­tion des Blutes statt. Und das Allererste, was das neu erwachte Bewusst­sein erken­nt, ist, dass es ein Ich ist, eine eigene Sonne, die füh­len­des Gewahr­sein, die Bewusst­sein, also Licht, in die Welt ausstrahlt. Tat­säch­lich wird auf das Herz gedeutet, wenn man mit ein­er Geste „ich“ sagt.

Auch der Prozess der Vergeis­ti­gung wird im Mantra beschrieben. Es ist das See­len­feuer, das alles Materielle wieder zu Geist, zu Bewusst­sein ver­bren­nt. Dieses See­len­feuer trotzt der Wel­tenkälte, — es trotzt dem Unverän­der­lichen, Ewigen. Weisheit alleine ist starr und kalt. Sie gle­icht dem zu Schneekristallen gefrore­nen Wass­er, das vom Him­mel auf die Erde kommt. Das ent­ge­genge­set­zte Bild ist das auflodernde Feuer. Das See­len­feuer will Entwick­lung. Und es ist stets die bren­nende Begeis­terung, die aufopfer­ungsvolle Hingabe Einzel­ner, die zu Erneuerung und Verän­derung führt. Eine innere Kraft, die sich zum Aus­druck brin­gen will, liegt in dem See­len­feuer im Men­schenin­nern, das sich der Wel­tenkälte ent­ge­gen­stellt, ihr trotzt. Mit diesem Trotz drückt sich nicht das Ego aus, denn das ganze Mantra ist ohne einen Ich-Sprech­er geschrieben. Es beschreibt den gewalti­gen in- und exkarnieren­den Schöp­fung­sprozess des wahren Geist-Seins als Tatsache.

Die Qual­ität des R find­et sich als die radi­al ausstrahlende Qual­ität der Wärme, des trotzen­den See­len­feuers. Sie find­et sich auch in dem Umschwung der mit dem Erwar­men des wahren Geist-Seins in win­ter­lichen Tiefen deut­lich wird. Erzählt das Mantra vielle­icht davon, wie das Ich aus dem Kos­mos durch die Kop­for­gan­i­sa­tion here­in­fährt in die Inkar­na­tion, wie Rudolf Stein­er es oben beschreibt? Ist das wahre Sein des Geistes vielle­icht das Ich des Men­schen, das den R‑Prozess als seinen Wagen gebraucht?