Die Gegensprüche 20 T und 45 t

20 T

So fühl´ ich erst mein Sein,

Das fern vom Welten-Dasein

In sich, sich selb­st erlöschen

Und bauend nur auf eignem Grunde

In sich, sich selb­st ertöten müsste.

45 t

Es fes­tigt sich Gedankenmacht

Im Bunde mit der Geistgeburt,

Sie hellt der Sinne dumpfe Reize

Zur vollen Klarheit auf.

Wenn See­len­fülle

Sich mit dem Wel­tenwer­den einen will,

Muss Sin­nesof­fen­barung

Des Denkens Licht empfangen.

 

 

Die Eurythmieformen zu den Mantren 20 T und 45 t

Über den Buchstaben “T”

Das T gehört mit P und K zu den harten Plo­sivlaut­en, den Laut­en, die den Wider­stand durch Spren­gung, durch die Kraft des Luft­stroms von innen, über­winden. Sie wer­den wie die weichen Ver­schlus­slaute und Nasale zu den Erd­laut­en gerech­net. Das T ist wie das D ein Zahn­laut, weil seine Artiku­la­tion­sstelle hin­ter den vorderen Schnei­dezäh­nen liegt. Laute dieser Artiku­la­tion­szone bewirken die Dra­matik der Sprache und haben eine Beziehung zum Denken.

Der slaw­is­che Name des T ist ‘Tvr­do’. Dies ist die adver­biale Form von ‘tvrd’, was ‘fest’, ‘hart’, ’stark’, ’stand­haft’, ‘uner­schüt­ter­lich’ usw. bedeutet. Das Erleb­nis, das die Zunge an den Zäh­nen hat, wird zur Beschrei­bung der Lautqual­ität des T. Das T ist hier also das Harte, Stand­hafte. Diese Idee führt zum einen zur Ver­fes­ti­gung, zur Leib­w­er­dung, zum anderen zur Unverän­der­lichkeit zur Dauer und Ewigkeit und dadurch zum Geist. Rudolf Stein­er sagt: “Man hat ein hartes sich Ver­fes­ti­gen in dem T” Und gle­ichzeit­ig drückt es das “Fest­ste­hen in der geisti­gen Welt” aus (Bei­de zitiert nach Dubach-Donath, Die Grun­dele­mente der Eury­th­mie, in :Ernst Moll, Die Sprache der Laute, S. 374) Das T hängt mit dem ins Leben ‘treten’ gle­icher­weise zusam­men wie mit dem ‘töten’, dem Über­gang in den Geist. Das T ist der Schick­salss­chlag, der ‘Ter­ror’ des ‘Todess­chreck­ens’, der den Men­schen ‘durchzit­tert’ und ‘erstar­ren’ lässt und ihm gle­ichzeit­ig dazu ver­hil­ft, seinen Willen zu fes­ti­gen. Alles Leib­liche, die ganze sinnliche Welt ist nach Rudolf Stein­er eigentlich wal­tender Wille: “Wir wer­den sehen, dass der äußere physis­che Leib, der aus­ge­flossen ist aus dem alten Sat­urn [der ersten Inkar­na­tion der Erde], aus den Geis­tern des Wil­lens, nichts anderes darstellt, als den Willen von außen gese­hen. Bei uns wirkt er als Innen­leben aus dem Inneren.” (GA 121 in: Ernst Moll, Die Sprache der Laute, S. 374) Und ähn­lich an ander­er Stelle: “Der ergebene Men­sch kommt darauf, dass sich die ganze Sinneswelt für ihn ent­pup­pt als etwas, was er nicht anders beze­ich­nen kann, denn Willen. Alles ist strö­mender, wal­tender Wille, insofern wir der Sinneswelt ent­ge­gen­treten” (GA 134 in: Die Sprache der Laute, S 374) Auf dem Wirken der Throne, der Geis­ter des Wil­lens, beruht das Ver­fes­ti­gen des zunächst Wärme­haften des alten Sat­urn, über das Gasar­tige der alten Sonne und das Wäss­rige des alten Mon­des bis zum fes­ten Stoff der Erde, lateinisch ‘tér­ra’. “Sie [die Throne] haben uns in der Tat diese Erden­decke ver­festet, die Throne gebaut, auf denen wir als auf einen fes­ten Unter­grund uns immer­dar stütze.” (GA 122 in: Ernst Moll, Die Sprache der Laute, S. 375) Diese ‘Struk­tur’ bildende Kraft, die den Leib zu Knochen und Zäh­nen ver­fes­tigt hat, kann erblickt wer­den im T. Durch die T‑Kraft ’ste­ht’ der Men­sch aufrecht.

Das T zeigt sich auch in den griechis­chen ‘Tita­nen’, über die Rudolf Stein­er sagt: “Die Tita­nen sind die Kraft des Wil­lens. … Dabei hat man nicht etwa bloß an Wil­len­skräfte in abstrak­ter Form zu denken, son­dern an wirk­liche Wil­lenswe­sen.” (GA 211 in: Ernst Moll, Die Sprache der Laute, S. 375) Diese fes­thal­tende Wil­len­squal­ität liegt auch im Wort ‘Treue’, das von gotisch ‘trig­g­ws’ und angel­säch­sisch ‘trum’ mit der Bedeu­tung ‘fest’ kommt. Auch das englis­che Wort für ‘Baum’, ‘tree’ ist damit ver­wandt und meint das ‘Baum-starke’. Damit hängt die sprach­liche Wen­dung zusam­men ‘in Treue fest’. Dieses Fest­stellen zeigt auch das ital­ienis­che Wort für ‘Kopf’, ‘tes­ta’ Rudolf Stein­er bringt es in Zusam­men­hang mit ‘Tes­ta­ment’: “Wenn wir den Zusam­men­hang fühlen zwis­chen — sagen wir — ein­er Wort­bil­dung wie ‘Tes­ta­ment’ und allen roman­is­chen Beze­ich­nun­gen für ‘Kopf’, so wer­den wir fühlen, dass die Kopf­beze­ich­nung im Roman­is­chen her­vorge­ht aus dem Bekräfti­gen.” (GA 190 in: Ernst Moll, Die Sprache der Laute, S. 375) Der feste ‘Tritt’ und ‘Schritt’, der ‘Turm’, die ‘Tonne’, die befes­tigte ‘Stadt’ und die ‘Hütte’, die ‘Stätte’, ‘Git­ter’ und ‘Gat­ter’ zeigen diese befes­ti­gende Qual­ität des T.

In sehr ähn­lich­er Weise wird im iro-keltischen Ogham Alpha­bet das T, charak­ter­isiert. Hier heißt es ‘Tinne’, die ‘Stech­palme’. Gle­ichzeit­ig bedeutete ‘tinne’ auch ‘Furcht’ und ‘Schreck­en’ und ‘Blitzschlag’. Das Spitze, stechend Harte, Erschreck­ende, Gefährliche ist das T. Im Angel­säch­sis­chen heißt der T‑Laut bzw, Th-Laut ‘thorn’, der Dorn. Der Runen­reim lautet:

Dorn ist sehr scharf — und für jeden Menschen

schlecht anfass­bar; — unmäßig hart

für alle, — die daran sitzen.

(Ernst Moll, Die Sprache der Laute, S. 376)

Das T ist der Zahn­laut, der als Giftzahn der ‘Nat­ter’ mit ’spitzem’, beißen­dem ‘Spott’ tief in sein Opfer dringt, die Pfeil­spitze, die ihr Ziel ‘trifft’, die ‘Tjost’, die mit Lanzen aus­ge­tra­gen wird und jedes andere ‘Turnier’, bei dem es darum geht, ‘tip-top’ in Form zu sein, um zu gewinnen.

Das Wort ‘Mitte’ zeigt eine weit­ere Qual­ität des T, denn jed­er ‘Tre­f­fer’ wirkt auf sein Umfeld und bildet deshalb die Mitte, das Zen­trum dieser Einwirkung.

Die ger­man­is­che Sprache gibt dem T den Göt­ter­na­men ‘Tyr’ und weist dadurch auf die Mys­te­rienbe­deu­tung dieses Lautes. Tyr (rekon­stru­iert urg­er­man­isch Tei­waz, Tiwaz) ist ein Gott der Edda. Hier tritt er als Gott des Kampfes und Sieges sowie auch als Bewahrer der Recht­sor­d­nung auf. Die alt­nordis­che Namensform ist die all­ge­mein bekan­nteste und gebräuch­lich­ste. Weit­ere For­men sind im Altenglis­chen Tiw, Tig, alt­nieder­ländisch dīs und althochdeutsch Ziu, Tiu, Tiuz. Die Wurzel seines Namens deutet darauf hin, dass Tyr ursprünglich ein Vater- oder Him­mels­gott war, der später aus dieser Stel­lung ver­drängt und zum Sohn entwed­er Odins oder Hymirs wurde. In der Inter­pre­ta­tio Romana wird er dem römis­chen Kriegs­gott Mars gle­ichge­set­zt. (Wikipedia, Tyr)

Ernst Moll stellt den Namen des Kris­gs­gottes Tyr aus der nordisch-ger­man­is­chen Mytholo­gie in eine Rei­he mit dem anderen kämpferischen Gott, mit Thor. Er nen­nt als Namen ‘Tyr’, ‘Tyz’, ‘Tius’, ‘Tiu’, ‘Ziu’ und ‘Thor’ hergeleit­et von ‘Tius’, ‘deus’, ‘Zeus’ und ‘theós’, also von Worten, die Gott bedeuten. Auf das Geheim­nis der bei­den Göt­ter T‑Götter Tyr und Thor gehe ich unten ein.

Über Tyr und Thor sprechen zwei isländis­che Runenreime:

Tyr ist ein­händig unter den Asen;

oft hat der Schmied zu blasen.

Jupiter ist Thor,

Thor ist Ase,

Ase ist Tyr

Tyr ist Runenschrift.

(Ernst Moll, Die Sprache der Laute, S. 378) Wenn die Ger­ma­nen in die Schlacht stürmten, riefen sie: “Tiu twingt Twist”, was unge­fähr heißt: “Ziu, (Tyr, be-)zwingt Zwist”. Und dieser Ruf ver­lieh ihnen gewaltige Kraft und großen Mut, todesver­ach­t­en­den Mut.

Tyr besitzt ein Schw­ert, Thor den Ham­mer Mjöl­nir, den Zer­malmer und dieser Ham­mer hat die Form der T‑Rune. Auch das lateinis­che T hat die Form eines Ham­mers. Althochdeutsch lautet das Wort ‘Ham­mer’ noch mit T an und heißt ‘tan­gol’. Daher kommt das Wort ‘Den­gel’, also der Ham­mer zum schär­fen, d.h. den­geln der Sensen.

Das griechis­che Wort ‘týche’ bedeutet ‘Zufall’ und ‘Schick­sal’, auch Schick­salss­chlag’ und hat­te in älter­er Zeit auch die Bedeu­tung ‘Ham­mer’. So ver­lei­hen die Göt­ter ‘Tal­ente’ und auch die ‘Intu­ition’ wird erlebt wie ein Blitz. Jede ‘Tat’ ist ein Ein­schlag, den der Men­sch bewirkt. Das Wort ‘Tugend’ kommt von ‘tau­gen’, ‘tüchtig’ sein. Rudolf Stein­er sagt: “ ‘Tugend­haft’ sein, das heißt ‘tauglich’ sein, denn ‘Tugend’ hängt mit ‘Tau­gen’ zusam­men. ‘Tau­gend, tauglich’ sein, zu etwas ‘tau­gen’, das heißt ein­er Sache gewach­sen sein; eine Sache ver­mö­gen, eine Sache kön­nen; das heißt tugend­haft sein.” Und weit­er: “Bei dem Tugendlichen han­delt es sich nicht darum, dass wir ‘über­haupt’ zu etwas tau­gen, son­dern, dass wir zu etwas Geistigem tau­gen, dass wir uns in deie geistige Welt hine­in­stellen als Men­sch. Der ist im richti­gen Sinne der Tugend­hafte, der ein ganz­er Men­sch ist dadurch, dass er das Geistige in sich zur Ver­wirk­lichung, nicht bloß zur Offen­barung bringt, zur Ver­wirk­lichung durch den Willen.” (GA 276 in: Ernst Moll, Die Sprache der Laute, S. 385)

Rudolf Stein­er sagt über das T: “Und haben Sie schon gese­hen, wenn man einen Pfahl mit einem Ham­mer in den Boden ein­schlägt. Sie kön­nen gar nicht anders, als ein T dabei vorstellen. Das ist ein T.” (GA 278 in: Ernst Moll, Die Sprache der Laute, S. 379) Und auch: Das T bedeutet “es hat eingeschla­gen. … Es ist ein Ereig­nis, das eingeschla­gen hat” Das T ist etwas, das “vom Him­mel auf die Erde strahlt” (GA 279 in: Ernst Moll, Die Sprache der Laute, S. 379)

Die Artiku­la­tion des T und D ist ein ‘Tas­ten’ der Zunge. So heißt Zunge auf gotisch ‘tug­go’ (sprich ‘tun­go’), alt­nordisch ”tun­ga’, englisch ‘tongue’ und alt­lateinisch ‘din­gua’. Das Tas­ten, das Berühren der Welt und gle­ichzeit­ige Wahrnehmen des eige­nen Seins ist die Erfahrung der Gren­ze. Der ‘Tod’ bildet diese Gren­ze zur geisti­gen Welt, in der sich die Tast­wahrnehmung umkehrt in ein Getastetwer­den. Rudolf Stein­er sagt: “…was während des Lebens zwis­chen Tod und ein­er neuen Geburt Außen­welt ist, [gibt uns] … die Wahrnehmung des über die ganze Welt hin ver­bre­it­eten Tastsinnes, wo wir nicht tas­ten, son­dern getastet wer­den, wo wir fühlen, wie uns die geist­gen Wesen über­all berühren, während wir hier das andere berühren.” (ohne Quelle in: Ernst Moll, Die Sprache der Laute, S. 383)

Von der geisti­gen Welt fühlten sich auch die Apos­tel berührt beim Pfin­g­stereig­nis. Den Heilige Geist erlebten sie als feurige Zun­gen, als T‑Erlebnis. Auch bei der Taufe Jesu klei­det sich der her­abk­om­mende Geist in das mit T anlau­t­ende Bild der Taube. Rudolf Stein­er sagt: Das T ist “das, unter dem man sich vorzustellen hat, dass es darstellt das Gewichtige, … das Majestätisch-Große, … das­jenige, was auch deu­tend strahlt, aber im Beson­deren vom Him­mel auf die Erde strahlt. Es ist das wichtige Strahlen.” (GA 279 in: Ernst Moll, Die Sprache der Laute, S. 378)

In der Gen­e­sis wird das Urchaos vor dem Beginn der Schöp­fung als ‘tohu-wa-bohu’ (thvvb­hv) beze­ich­net (Mos. 1,2), was gewöhn­lich mit ‘wüst und leer’ über­set­zt wird. Rudolf Stein­er erk­lärt die Wort­teile ‘tohou’ und ‘bohu’ fol­gen­der­maßen: „Der Laut, der da unserem T sich ver­gle­ichen läßt, der regt an ein Bild des Auseinan­derkraftens von einem Mit­telpunkt nach allen Seit­en des Raumes, nach allen Rich­tun­gen des Raumes. Also in dem Augen­blick, wo man den T‑Laut anschlägt, wird angeregt das Bild von einem aus dem Mit­telpunkt nach allen Rich­tun­gen des Raumes Auseinan­derkraften, ins Unbe­gren­zte hin Auseinan­derkraften. So daß wir uns also vorzustellen haben das Ineinan­derge­woben­sein der Ele­mente Wärme, Luft und Wass­er und da drin­nen ein Auseinan­derkraften wie von einem Mit­telpunkt aus nach allen Seit­en, und wir wür­den dieses Auseinan­derkraften haben, wenn nur der erste Teil des Laut­ge­füges da wäre, tohu.

Der zweite Teil, was soll er ergeben? Er ergibt nun genau das Ent­ge­genge­set­zte von dem, was ich eben gesagt habe. Der regt an durch seinen Lautcharak­ter — durch alles das, was wach wird in der Seele bei dem Buch­staben, der sich mit unserem B ver­gle­ichen läßt, Bet —, der regt an alles das, was Sie im Bilde bekom­men, wenn Sie sich eine mächtig große Kugel, eine Hohlkugel denken, sich selb­st im Inneren vorstellen und nun von allen Punk­ten, von allen inneren Punk­ten dieser Hohlkugel wiederum Strahlen nach innen sich denken, nach dem Mit­telpunkt here­in­strahlend. Also Sie denken sich dieses Bild, einen Punkt inmit­ten des Raumes, von da aus Kräfte nach allen Rich­tun­gen des Raumes ausstrahlend, tohu; diese Strahlen sich gle­ich­sam an einem äußeren Kugel­ge­häuse ver­fan­gend, zurück­strahlend in sich sel­ber, von allen Rich­tun­gen des Raumes wieder zurück, dann haben Sie das bohu.“ (Lit.: GA 122, S. 47)

Bei Antrowi­ki find­et sich auf der oben ver­link­ten Web­seite zu Tohu der Hin­weis, dass es sich hier um die auflösenden, zen­trifu­galen Erd­kräfte han­delt, die den Funken des men­schlichen Ichs durch das T zün­den. Bei Bohu han­delt es sich dage­gen um die zen­tripedalen For­mgeben­den und ver­fes­ti­gen­den Äther- und Tierkreiskräfte, die den makrokos­mis­chen Men­schen, Adam Kad­mon, bilden. Durch das Zusam­men­wirken bei­der Kräfte wird alles was ist geschaffen.

Der griechis­che T‑Laut ‘Tau’  stammt vom ‘Tav’ (Tv) ת, dem let­zten Buch­staben des hebräis­chen Alpha­bets und bedeutet nach Ernst Moll ‘Kreuzesze­ichen’. Im Inter­net find­et sich jedoch als Bedeu­tung des hebräis­chen Tav ‘Wahrheit’. Schon im moabitis­chen Alpha­bet ste­ht das diag­o­nale Kreuz 𐤕 für den Laut T. Ernst Moll stellt an dieser Stelle einen Zusam­men­hang her zwis­chen dem griechis­chen Tau und dem Tao des chi­ne­sis­chen Tao­is­mus. Tao bedeutet in dieser Philoso­phie ‘Weg’. “Der Buch­stabe, der dem Kreuzesze­ichen entsprach, hat­te den Namen Tao-Tau. Man wollte durch die Hinzufü­gung der Vokale A und O auf den Weg der Men­schheit­evo­lu­tion hin­weisen. Deshalb hat im Chi­ne­sis­chen das Wort Tao den Sinn von Weg. Eine alte Über­liefer­ung lebt sich hier noch aus.” (Mau­r­er in: Ernst Moll, Die Sprache der Laute, S. 388) Rudolf Stein­er sagt über die chi­ne­sis­che Kul­tur, dass sie das Erbe aus der atlantis­chen Zeit bewahrt hat: “Da haben wir die chi­ne­sis­che Kul­tur, welche im Atlantier­tum wurzelt. … das Chi­ne­sen­tum, das sich abschließt und starr bleibt, das wieder­holt, was in der alten atlantis­chen Zeit da war. … Die Geschichte war in der atlantis­chen Kul­tur noch nicht vorhan­den. Daher hat auch die chi­ne­sis­che Kul­tur etwas Ungeschichtlich­es behal­ten.” (GA 121 in: Ernst Moll, Die Sprache der Laute, S. 388) Aus diesem Grund bewahrten die Chi­ne­sen das Urwort der Atlantis, das Tao. Über dieses Tao der atlantis­chen Zeit sagt Rudolf Stein­er: “Nicht in ver­nuft­mäßi­gen Begrif­f­en erhob der Atlantier sich zu seinem Gott, son­dern er spürte den Grun­dakko­rd der Got­theit in der Natur, er atmete gle­ich­sam seinen Gott aus und ein. — Wenn man aussprechen wollte, was man hörte, so fasste man dies zusam­men in einem Laut, ähn­lich dem chi­ne­sis­chen ‘Tao’. (GA 95 in: Ernst Moll, Die Sprache der Laute, S. 388)

Dieses Erleben von Ein­heit, von unmit­tel­barem Ver­ste­hen ist die Ursprache. Doch als die Zeit der Atlantis vor­bei war, als die Sprache dem intellek­tuellen Ver­ste­hen den Weg ebnen sollte, änderten sich Bild und Bew­er­tung der Ursprache. In der nordis­chen Mytholo­gie war das Bild dieser Ursprache laut Rudolf Stein­er der Feris­wolf (siehe unten Die T‑Götter Tyr und Thor). Weil die See­len­hal­tung der dama­li­gen Men­schen so anders war, soll ein weit­eres län­geres Zitat von Rudolf Stein­er fol­gen: „Wenn der Chi­nese das Tao ausspricht, empfind­et er etwas Ähn­lich­es, wie wenn jen­er Indi­an­er vom großen Geist sprach. Es war eine ganz andere Weise des Füh­lens und Denkens; es war ein Hineinempfind­en in die ganze übrige Welt. Der Men­sch fühlte sich nicht als ein Son­der­we­sen, wie wir das heute tun. — Der heutige Men­sch stellt sich wenig dabei vor, wenn er ein- und ausat­met. Der Atmung­sprozess wird als ein rein mech­a­nis­ch­er Prozess betrieben. Bei den Vor­fahren von dazu­mal erweck­te man eine Empfind­ung gegenüber dem Atmen. Sie emp­fan­den dabei die Dankbarkeit gegenüber dem großen Geist. Sie fühlten, dass er sich mit ihnen ver­band mit jed­er Einat­mung. Sie vere­inigten sich mit ihm bei jed­er Ausat­mung. Wenn sie ihren Puls fühlten, so schrieben sie diese Kraft dem großen Geiste zu. Eins fühlten sie sich mit dem All­geiste. Der Atemzug war ihnen Geist, das Blut, was in ihren Adern pul­ste, war ihnen Geist. Sie fühlten sich Teil­geist im großen Wel­tengeiste. Man muss ver­suchen, nachzufühlen, was in ein­er Men­schenseele vorge­ht, die sich als ein Stück fühlt mit dem sie durch­strö­menden großen Wel­tengeiste, die Got­theit in sich, und sich in der Got­theit, wie unsere Vor­fahren ganz selig waren in dieser Empfind­ung, muss man nachempfind­en lernen.

Nur eine Empfind­ung ist dem ähn­lich — wenn der Vedan­tist das «Tat twam asi» empfind­et: «Das bist du», sagt er zu der Welt um sich her. Aber unserem Wesen ist im Großen das abhan­dengekom­men, was unsere Vor­fahren emp­fan­den. Das Mit­fühlen mit der ganzen Welt, das beze­ich­nete man als das Tao. Tao ist das, was im Winde lebt, was im Blitz und Don­ner lebt, was im Tier, in der Pflanze lebt, was im Men­schen ist, was ihn durch­pulst als sein Leben. Es war ein ein­heitlich­es Gefühl. Unser Denken ist selb­st ein Entwick­lung­spro­dukt. Die, welche also das Tao fühlten, die hat­ten noch nicht diesen Intellekt. Der ist ger­ade ein Merk­mal unser­er gegen­wär­ti­gen Rasse. Als aus der atlantis­chen Rasse sich unsere Rasse entwick­elte, da entwick­elte sich aus der hellse­herischen Gabe der Atlantier nun intellek­tuelles Denken. Nun lernte man in Begrif­f­en denken. Die begrif­fliche Vorstel­lung hat­te die Folge, dass der Men­sch sich von der Umwelt streng abson­derte. Das hat­te eine Bedeu­tung, als der Men­sch sich den Intellekt eroberte. Der Atlantier hat­te nicht das Gefühl, dass er von den andern getren­nt war. Tao war das Blut, die Luft, Tao war der andere Men­sch. Das Gefühl der Abson­derung ist in ihm durch den im Innern arbei­t­en­den Intellekt ent­standen. Alles nun, was er in der Welt fühlte, musste er im Innern erleben.

Der Gott, der den Men­schen durch­pul­ste, war eine Ein­heit, die draußen strömte und drin­nen strömte. Nun hat­te die Abson­derung stattge­fun­den. Nun musste das «religere» — «wiederverbinden» ein­treten, die Reli­gion, die das Draußen mit dem Innern ver­band. Die ganze fün­fte Wurzel­rasse strebt in der Reli­gion nach dem Wiederverbinden mit dem göt­tlichen All­geist.“ (Lit.: GA 68a, S. 106ff)

Ich erlebe im Tau der Atlantier die Kraft der Zeit, die das Leben trägt und ord­net. Zwei laut­gle­iche deutsche Worte stellen das Tau der Atlantier tre­f­fend bild­haft dar. Der ‘Tau’ als Nieder­schlag ist die Leben­spendende Seg­nung der Zeit. Der ‘Tautropfen’ ist Bild der kleinen, vergänglichen Gegen­wart, des Jet­zt, als Kugel ausstrahlen­den Bewusst­seins. Das ‘Tau’ als Schiff­s­tau ist der lin­eare, lange Weg der Zeit vom Urbe­ginn kom­mend. So gewun­den wie das Tau ist, so spi­ralig ver­läuft auch die Zeit. Das Z von Zeit entwick­elte sich aus einem T, wie urg­er­man­isch ‘timo’, englisch ‘time’, lateinisch ‘tem­pus’ zeigen. In der Zeit erfol­gen die ‘Tat­en’, gotisch ‘taui’ heißt ‘Tat’ und kommt von ‘tau­jan’, ‘tun’ und klingt zumin­d­est laut­lich mit Tao zusammen.

Es ist jedoch nur berechtigt, im Tao der Atlantier die Zeit zu sehen, wenn mitbe­dacht wird, was Rudolf Stein­er über das wahre Wesen der Zeit sagt: “Was muss man den daher erleben, wenn man aus dem Raum, in dem man zwis­chen Geburt und Tod lebt, ein­treten will in die Raum­losigkeit, in der man zwis­chen dem Tod und ein­er neuen Geburt lebt …? Man muss ster­ben. … Um in die Zeit als Wirk­lichkeit hineinzukom­men, muss man aus dem Raume her­aus alles Räum­liche wegschaf­fen. Das aber heißt ster­ben.” (GA 236 in : Ernst Moll, Die Sprache der Laute, S. 392)
In der ägytis­chen Mytholo­gie ist es Typhon-Seth, der den Osiris zerteilt und damit tötet. In der Erk­lärung von Rudolf Stein­er sehe ich einen Bezug zu Tyr, der ein Schw­ert, das Zeichen der Unter­schei­dungskraft hat. “Ein großes kos­mis­ches Ereig­nis ist ver­bor­gen im ägyp­tis­chen Mythos, der den Osiris getötet sein lässt durch Typhon oder Set, den Wind­hauch. Licht und Luft waren für ihn [Osiris] zwei Brüder. Jet­zt war es für ihn eine Zwei­heit gewor­den. Typhon war die Atem­luft, die dem Men­schen die Sterblichkeit gebracht hat. Mit dem ersten Atemzuge trat das Bewusst­sein von Geburt und Tod ein. Der Lufthauch, der sich abges­pal­tet hat von seinem Brud­er, dem Licht­strahl, der abges­pal­tet hat dadurch auch die Wesen, die früher mit dem Lichte einge­flossen sind, der hat mir den Tod gebracht.” (GA in: Ernst Moll, Die Sprache der Laute, S. 390f) Das T ist immer wieder der Laut des ‘Todes’, griechisch ‘thanatos’, gotisch ‘dau­thus’, hebräisch ‘temu­tah’ (tmvth).

An neunter Stelle im hebräis­chen Alpha­bet ste­ht ein ander­er T‑Laut, das Teth ט, aus dem sich das griechis­che Theta θ entwick­elte. Der Buch­stabe Teth sieht wie eine Schlange aus, die sich in den Schwanz beißt. Die Bedeu­tung des Ouroboros für den Laut Teth gibt auch Ernst Moll wieder, doch im Inter­net find­et sich “Spin­nrad” nach dem phönizis­chen Zeichen 𐤈 des Lautes und dem Wort ’spin­nen’ des Fadens ט‑ו-י‎ (ṭ‑w-y), das mit Teth begin­nt. Eine weit­ere Bedeu­tung ist ‘gut’, denn das hebräis­che Wort ‘tov’ bedeutet ‘gut’ und wird mit Teth geschrieben.

Die Artiku­la­tion von Teth geschieht ähn­lich wie beim T, jedoch wesentlich emphatis­ch­er und mit so stark ges­pan­nter Zunge, sodass ihr Quer­schnitt rund wird. Außer­dem ist das T nicht behaucht.

Ernst Moll führt als Aspek­te dieses T‑Lautes die ‘totale’ Vol­len­dung und Vol­lkom­men­heit an. Die Ein­wei­hung heißt griechisch ‘teleté’, die Mys­te­rien ‘tele­tai’. Was früher im Ver­bor­ge­nen geschah, wird für alle sicht­bar vol­l­zo­gen in der Kreuzi­gung Christi. Hebräisch heißt ‘kreuzi­gen, hän­gen’ ‘tala’ (tlh). Die let­zten Worte von Chris­tus am Kreuz laut­en “Es ist voll­bracht”, griechisch ‘tetélestai’. Ob auch die entsprechen­den hebräis­chen oder aramäis­chen Worte mit T und dann sog­ar noch mit Teth begin­nen, kann ich nicht sagen. Die Schlange als Ouroboros, als Bild der Vol­len­dung, klan­glich in diesen Worten wiederzufind­en wäre überzeu­gend, zumal die Erhe­bung der Schlange durch Moses als Vorverkündi­gung der Kreuzi­gung von Chris­tus sel­ber so gedeutet wird (Joh. 3,14–15). Doch dies muss hier offen bleiben.

Die T‑Götter Tyr und Thor aus der germanischen Mythologie

Es ist all­ge­mein bekan­nt, dass nach den Göt­tern der nordis­chen Mytholo­gie, nach Tyr, Thor, Odhin und Freya jew­eils ein Wochen­tag benan­nt ist. Für Sam­stag, Son­ntag und Mon­tag ist dage­gen kein solch­er bekan­nt. Gle­ichzeit­ig sind in der franzö­sis­chen Sprache auch griechisch-römis­che Göt­ter bzw. Plan­eten mit den Namen der Wochen­t­age ver­bun­den. Der Tag von Tyr ist Dien­stag, wie der englis­che Name für ‘tues­day’ zeigt. Der franzö­sis­che Name ‘mar­di’ unter­stellt diesen Tag dem Gott und Plan­eten Mars. Thor ist der Sohn Odhins. Er ist der Blitze schleud­ernde Don­ner­gott, der mit ‘Don­ner­stag’, englisch ‘thurs­day’ ver­bun­den ist. Die franzö­sis­che Sprache nen­nt diesen Tag ‘jeu­di’, wodurch Thor mit Jupiter sich diesen Tag teilt. Zwis­chen Dien­stag und Don­ner­stag liegt Mittwoch, englisch ‘wednes­day’, also Wodans‑, Wotans- bzw. Odhin­stag. Durch franzö­sisch ‘mer­cre­di’ sind hier Odhin und Merkur ver­bun­den. (Fre­itag ist der Freya-Tag, franzö­sis­chen ‘ven­dre­di’, sodass Freya und Venus diesen Tag beherrschen.) Auf das Bild der durch die Wochen­t­age in eine Rei­he gestell­ten Göt­ter Tyr (Dien­stag), Odhin (Mittwoch) Thor (Don­ner­stag) möchte ich näher eingehen.

Thors Waffe ist der Ham­mer, zu Tyr gehört ein Schw­ert. Das Schw­ert teilt, der Ham­mer, verbindet,  zim­mert zusam­men, sofern er bildlich den Nagel auf den Kopf trifft. Der Ham­mer kann also Ein­heit erschaf­fen. Diese Ein­heit ist die Gegen­wär­tigkeit, die entste­ht, wenn Innen und Außen ver­bun­den sind, wenn das ausstrahlende Bewusst­sein auf die Welt trifft und diese Welt im Innern im wachen Bewusst­sein erscheint. Doch diese Wach­heit muss immer wieder aufgegeben wer­den. Das Leben set­zt sich aus bewussten und unbe­wussten Momenten zusam­men, die wech­seln wie Tag und Nacht. Die bewussten Momente fügt der Men­sch wie eine Kette zusam­men und erschafft daraus das Erleben eines durchgängi­gen biographis­chen Ich-Bewusst­seins. Diesem Erschaf­fen von Ein­heit entsprechen die Zahlen der Mantren, die den Jahreskreis zu ein­er geord­neten Ganzheit machen. Tyrs Waffe, das Schw­ert ist dage­gen Bild der Unter­schei­dungskraft, des Wortes und des Logos. Die Buch­staben des Alpha­bets teilen den Jahreskreis in Hal­b­jahre. Das machtvoll­ste Bild des Schw­ertes find­et sich in der Darstel­lung des Chris­tus als Wel­tenrichter. Aus seinem Mund geht das zweis­chnei­di­ge Schw­ert her­vor, das unter­schei­dende Wort, das beim Jüng­sten Gericht die Schafe von den Böck­en scheidet.

Nach diesen vor­bere­i­t­en­den Gedanken sollen Rudolf Stein­ers Aus­führun­gen zu Tyr fol­gen, den er als einen Schlangen­gott (GA 101, S. 66) beze­ich­net. Er erk­lärt, warum dieser seine rechte Hand opfern musste, um den Fen­ris­wolf bis zur Göt­ter­däm­merung zu binden: “Als die [Gruppe der] Atlantier mit dem gut entwick­el­ten Ver­stande nach dem Osten zogen [um der großen Flut zu ent­ge­hen und die nach­fol­gende Zeit zu begrün­den], da war schon die Sprache entwick­elt. Aber diese Sprache war, solange sie die Sprache der Atlantier war, eine ein­heitliche Sprache, die sich gerichtet hat nach den ein­heitlichen Laut­en der Sprache der Natur sel­ber. Sie war die Nachah­mung dessen, was die Atlantier während der Zeit des Hellse­hens und Hell­hörens her­aus­ge­hört haben aus den riesel­nden Quellen, den brausenden Winden, dem Rauschen der Bäume, dem Rollen des Don­ners, dem Plätsch­ern der Wellen. Diese Laute haben sie umge­set­zt in ihre Sprache, und das war die gemein­same Sprache der Atlantier. Erst in der nachat­lantis­chen Zeit gliederte und entwick­elte sich das, was man den Unter­schied nen­nen kann zwis­chen den einzel­nen Sprachen und Idiomen, den Ele­menten der ver­schiede­nen Sprachen. Die alte atlantis­che Sprache, welche aus den Ele­menten der Natur ent­nom­men war, von jenen Gewal­ten, mit denen Loki so innig ver­woben ist, sie mußte andere For­men annehmen, als jet­zt die Asen [den Astral­göt­tern, die die Wanen, die Äthergöt­ter ablösten] Herrsch­er wur­den und die Men­schen sich in Völk­er und Stämme teil­ten. Durch die Tren­nung der Men­schen nach Völk­er­stäm­men und dem Kampf der einzel­nen Stämme untere­inan­der kam das, was man den Krieg nen­nt. Um was wurde dieser Krieg geführt? Warum kam er? Dem Men­schen wurde durch die Sprache für seine Entwick­elung etwas gegeben, wodurch er seine inner­sten Gefüh­le nach außen kehren kann. Vom okkul­ten Stand­punk­te aus ist das ein­er der wichtig­sten Fortschritte in der Evo­lu­tion, wenn die Seele dazu kommt, in Tönen ihre eige­nen Schmerzen, ihre Freude und Lust nach außen tönen zu lassen. Die Sprache, wenn sie von innen aus artikuliert wird, wenn sie die Seele erklin­gen läßt, ist etwas, was dem Men­schen eine mächtig wirk­ende Gewalt gibt. Diese Gewalt mußte niedergezwun­gen wer­den von den Asen, son­st hät­ten sie nicht herrschen kön­nen. Wodurch zwan­gen die Asen die alte ein­heitliche Sprache nieder? Das tat­en sie dadurch, daß sie die Men­schen in ver­schiedene Stämme und damit in ver­schiedene Zun­gen spal­teten. Eine gewaltige Macht war die Ungeteiltheit der Sprache — der Fen­ris­wolf. Damit diese Macht sich nicht gel­tend machen kon­nte auf dem Schau­platze der Asen, mußten die Asen den Fen­ris­wolf bezäh­men, das heißt, sie mußten die Sprache zer­stück­eln, sie mußten die Sprache ver­schieden machen, damit sie die Men­schen beherrschen kon­nten. Dadurch schufen sie den Krieg. Der Krieg hängt zusam­men mit dieser Ver­schieden­heit der Sprachen. Aber eines war notwendig, damit die Asen Herrsch­er wer­den kon­nten: Der Kriegs­gott [Tyr] mußte seine Hand hine­in­steck­en in den Rachen des Fen­ris­wolfes, und er mußte seine Hand dabei lassen. Die Hand des Tyr, des Kriegs­gottes, steckt als Zunge im Rachen des Fen­ris­wolfes. Es ist die men­schliche Zunge, die die ver­schiede­nen Sprachen bewirkt. Die men­schliche Zunge mußte sich so for­men, daß die alte Ein­heit der Sprache ver­loreng­ing. Es ist die Indi­vid­u­al­isierung der Sprache, die in dieser tiefen Mythe vom Fen­ris­wolf angedeutet ist.” (GA 101, S. 69ff, Her­vorhe­bung A.F.)

Auf der recht­en Seite musste also ein Opfer gebracht wer­den. Auch bei der Kreuzi­gung des Chris­tus betont Rudolf Stein­er, dass die Seit­en­wunde auf der recht­en Seite war. Und er sagt über den tiefen Sinn des ausströ­menden Blutes: “Das­jenige, was der über­schüs­sige Ego­is­mus im men­schlichen Blut war, das rann am Kreuze mys­tisch-real aus den Wun­den des Chris­tus Jesus her­aus, das wurde geopfert. Wäre dieses Blut nicht geflossen, dann wäre im Laufe der Entwick­elung die Ich-Sucht im Blute des Men­schen immer größer und größer gewor­den.” (GA 96, S. 286)

Der Fen­ris­wolf ist das zweit Kind von Loki mit der nun Angr­bo­da genan­nten Gul­weig, Gold­fluss. Die Asen, heißt es in der nordis­chen Mytholo­gie, führten Krieg und stießen Gul­weig mit Speeren und ver­bran­nten sie dreimal. Jedes Mal aß Loki das ver­bran­nte Herz und brachte drei Nachkom­men her­vor: die Midgard­schlange, den Fen­ris­wolf und Hel. Die Midgard­schlange beschreibt Rudolf Stein­er im obi­gen Vor­trag als die in die Tiefen des Unter­be­wusst­seins, ins Meer, gesunkene hell­sichtige Weisheit und sagt aus­drück­lich, dass sie sich um die Kon­ti­nente legt und sich in den Schwanz beißt. Sie ist also der Ouroboros, die zyk­lis­che Zeit. Gegen diese Midgard­schlange kämpft Thor. Er kämpft also gegen das alte Zeit­er­leben, des großen Jet­zt, der beständi­gen Gegen­wart. Er kämpft für das lin­eare Zeit­be­wusst­sein, das die Gegen­wart zum einzi­gar­ti­gen nie sich wieder­holen­den Moment macht. Doch nur die zyk­lis­che Zeit bildet Zeiträume, kann zum Raum wer­den, zum Fen­ster der Ewigkeit. Die zyk­lis­che Zeit als Wieder­hol­ung des ewig Gle­ichen schließt Entwick­lung aus. Dage­gen kämpft Thor.

Das Han­dopfer des Tyr und die Über­win­dung des feuri­gen Drachens, ein mit der Midgard­schlange ver­wandtes Bild, beschreibt Rudolf Stein­er als die Sym­bol­bilder zweier Ein­wei­hungswege: “Die südliche [Strö­mung, der südliche Ein­wei­hungsweg] geht auf die Pflege des Innen­lebens, von wo aus man in der nachat­lantis­chen Zeit die geistige Welt gesucht hat. Diese Strö­mung, sie hat ins­beson­dere zu kämpfen mit den Geg­n­ern in der eige­nen Seele, mit den wider­wär­ti­gen feindlichen astralis­chen Mächt­en. Diese Mächte, welche die Seele in sich
sel­ber besiegen muß, wenn sie das Reich des Geisti­gen find­en will, das verdeckt ist durch den Flor der See­len­welt, dieses Reich wurde sym­bol­isch durch den feuri­gen Drachen, durch den Drachen im Feuer aus­ge­drückt. Und eine ganze Anzahl von Weltan­schau­un­gen ging daraus her­vor, daß die Seele hin­aufge­langt in die höhere Welt nach der Besiegung des Drachen, nach der Besiegung der in sich sel­ber flam­menden und wüten­den Wesen­heit­en in und um den Men­schen. Bei den nördlichen Völk­ern find­en wir das Hin­durch­drin­gen durch den Schleier des äußeren Sinnestep­pichs. Da wirkt das, was in die äußere sinnliche Welt sich hinein­bohrt. Da sehen wir ein anderes Sym­bol­um auftreten. Wenn der Men­sch durch­drin­gen will durch das, was sich von der äußeren Sin­nen­welt ihm ent­ge­gen­stellt, da muß er stark dieser Sin­nen­welt ent­ge­gen­treten. Die Art, wie der Men­sch sieghaft gegen die äußere Sinneswelt auftreten muß, wenn er durch sie hin­durch in das Spir­ituelle drin­gen will, das sehen Sie in ergreifend­er Weise dargestellt in dem Bilde des alten Gottes, der seine Hand und seinen Arm in den Rachen des Wolfes steckt und ihn ver­liert, so daß der alte europäis­che Kriegs­gott Ziu ein­händig ist. Dieses Bild, das uns darstellen soll den Sieg über die äußere Welt, es tritt in der man­nig­faltig­sten Weise auf, ins­beson­dere so, daß der eso­ter­isch siegende Held seine Hand steckt in eines Bären Rachen, und daß her­ausquillt das Blut als das über­schüs­sige Ich. Das Blut ist der Aus­druck des Ich, hier also das Bild der über­schüs­si­gen Egoität. Der Drache ist das Sym­bol­um für die südliche Völk­er­an­schau­ung; die Hand, die in des Bären Rachen gesteckt wird, das Sym­bol­um für die nördliche Völk­er­an­schau­ung.” (GA 113, S. 210f, Her­vorhe­bun­gen A.F.)

Da Rudolf Stein­er sich so deut­lich auf Tyr und den Wolf bezieht, ver­mute ich, dass im Drachen auch die Midgard­schlange gese­hen wer­den kann, die sich als Ouroboros um die Kon­ti­nente schlingt und sich in den Schwanz beißt. Sie ist die Erzfeindin von Thor. Thor wurde nicht nur als himm­lis­ch­er Gott erfahren, der die Blitze schleud­ert, er wurde auch im Klopfen des eige­nen Herzens erlebt. Er kann dur­chaus betra­chtet wer­den als Gott, der in die Seele führte. Er brachte dem vorchristlichen Men­schen das Ich, wie Rudolf Stein­er sagt. Tyr führt dage­gen in den Makrokos­mos, den die Seele im Tod betritt. Im Kampf führte Tyr die Men­schen tat­säch­lich in Todesnähe. Es war erwün­scht im Kampf zu ster­ben, denn nur dieser Tod führte zur Gemein­schaft mit den Göt­tern in Asgard. Wer den “Stro­htod” starb, wer durch Krankheit und Alter, also auf dem Strohlager, den Tod fand, musste zur Hel herab.

Stelle ich die Göt­ter Tyr, Odhin und Thor in der Rei­hen­folge der Wochen­t­age in den Jahreskreis, also Odhin in die Mitte flankiert von Tyr und Thor, so find­en Tyr und Tor ihren Ort an den Übergän­gen der Hal­b­jahre. Tyr ste­ht im Früh­ling am Über­gang vom Win­ter- zum Som­mer-Hal­b­jahr, Thor im Herb­st am Über­gang vom Som­mer- zum Win­ter-Hal­b­jahr. Tyr opfert sein Blut, seine Egoität, wodurch dieses Opfer als eine Vor­weg­nahme des Chris­tu­sopfers erscheint. Sein Platz ist Ostern, wo es vom Tod zur Aufer­ste­hung, von Innen nach Außen, vom Denk-Hal­b­jahr zum Wahrnehmungs-Hal­b­jahr geht. Er ist die seinem Namen laut­gle­iche “Tür”, denn jedes Sin­nesor­gan ist eine Türe für die Seele, durch die sie in die Welt hin­aus tritt. Will der Men­sch tat­säch­lich in den Makrokos­mos ein­treten, so ist das Han­dopfer zu brin­gen. Ich ver­steh es so, dass aus dem Win­ter-Denk-Hal­b­jahr keine ego­is­tisch motiviertem Denkpro­duk­te, also keine vorge­fassten Urteile in das Som­mer-Wahrnehmungs-Hal­b­jahr mitgenom­men wer­den dürfen.

Thor kämpft gegen die Midgard­schlange, den Drachen, so wie Michael nach der christlichen Vorstel­lung. Sein Platz ist beim Über­gang vom Som­mer- zum Win­ter-Hal­b­jahr, an Michaeli. Er führt von Außen nach Innen, von der Wahrnehmung ins Denken. An dieser Stelle muss der Mate­ri­al­is­mus über­wun­den wer­den, muss erkan­nt wer­den, dass das, was die Sinne zeigen, nicht die volle Wahrheit ist. Der Sin­nen­schleier muss über­wun­den, durch­drun­gen wer­den, um geist­gemäß zu erken­nen. Dieser Über­gang ist das mit Thors Namen gle­ichk­lin­gende “Tor”. Warum ist dieser Über­gang ein Tor? Warum ist er bre­it­er als eine Tür? Was in die Seele strömt, ist nie nur eine isolierte Sin­neser­fahrung, son­dern immer eine Vielzahl. Tast- und Gle­ichgewichts- und Bewe­gungser­leb­nisse z.B. begleit­en das Erleben, auch wenn sie sel­ten ins Bewusst­sein treten. Deshalb ist hier das Tor das angemessene Bild. Außer­dem ste­hen bei diesem Über­gang die Mantren 26 Z und 27 a und diese spiegeln nicht. Sie bilden also eine Öff­nung, die eben­so als das Tor ange­se­hen wer­den kann. Die Mantren beim Über­gang von Tyr, die Mantren 52 z und 1 A spiegeln dage­gen beson­ders stark. An diesem Tor muss das Wis­sen um den Geist zur Wahrnehmung hinzukom­men. Auch dies find­et seine Darstel­lung, wenn die Per­spek­tive auf den Jahres­lauf verän­dert wird. In der (hier nicht wiedergegebe­nen) Darstel­lung des Jahres­laufes als Ei ist die Michaelizeit oben, die Osterzeit unten. Dann ist die Öff­nung der nicht spiegel­nden Mantren oben und Höheres kann in den Jahres­raum ein­treten. Auch den Strö­mungsim­puls der Oster­scholle denke ich von Michaeli aus­ge­hend. Diesen Strö­mungsim­puls kann ich eben­so als den Ham­mer von Thor erleben, den er von diesem Ort aus schleudert.

Zwis­chen diese bei­den T‑Götter stellt der Ablauf der Wochen­t­age den Gott Odhin. An den Extern­steinen find­et sich eine Groß­plas­tik, die aller­meist für Odhin gehal­ten wird. Sie Zeigt einen Men­schen in der Hal­tung des Gekreuzigten, sog­ar mit Speer­wunde und entsprechen­der Kopfnei­gung. Diesen Odhin der Extern­steine habe ich zwis­chen Tyr und Thor in den Jahreskreis gestellt. Für Tyr und Thor ste­hen die Pfeile in der Bewe­gungsrich­tung des Jahreslaufes.

Die Göt­ter Tyr, Odhin und Thor im Jahreskreis

Zum blauen Pfeil, der für Tyr im Jahreskreis ste­ht, habe ich ergänzend den Wolf (als Ei “liegend” gestal­tet) hinzugestellt. Durch diese Darstel­lung kann die Oster­scholle als Zunge des Wolfes gese­hen wer­den. Diese Zunge ist gle­ichzeit­ig die Hand des Tyr, die er opferte (siehe oben). Die Oster­scholle ist die lin­eare Zeit, denn sie hat einen Anfang und ein Ende. Die lin­eare Zeit als Zunge des Wolfes ist eine Lüge, denn die Zeit ist nicht nur lin­ear. Gle­ichzeit­ig gilt aber, dass das Leben auf der Erde aufges­pan­nt ist zwis­chen Geburt und Tod — also lin­ear ist.

Zum roten Pfeil, der für Thor ste­ht, habe ich die Midgard­schlange als Ouroboros (mit Flügel, um den Drachenaspekt einzubeziehen) gestellt. Wird die Zeit vor allem zyk­lisch erlebt, wird sie zum Jet­zt und zum Zeitraum, so ste­ht die Gle­ichzeit­igkeit im Forder­grund. Für den Geist­bere­ich ist dies das angemessene Bild der Zeit, für die Erde nicht, auf der alles nacheinan­der zu geschehen hat. Herrscht das Bewusst­sein der zyk­lis­chen Zeit vor, glaubt der Men­sch wie ein Kleinkind, dass alles gle­ichzeit­ig möglich wäre. Deshalb weckt das dominierende Erleben dieses Zeitaspek­ts Begier­den und diese sind es, die die Midgard­schlange stark wer­den lassen.

Thor ste­ht also im Herb­st-Michaeli-Bere­ich des Jahres. Diese Region verbindet Rudolf Stein­er mit dem Denken. Dazu fügt sich wie eine Bestä­ti­gung, was er über den Zusam­men­hang von Don­ner und Blitz und Gedanken­bil­dung sagt: “Die Entste­hung des Gedankens im Innern der Seele entspricht im Kos­mos dem rol­len­den Don­ner. Wenn das Blitzes­feuer sich entzün­det in den Luft­massen, wenn Feuer (eigentlich das Ich) und Luft (im Men­schen das Astralis­che) zusam­men­spie­len und den Don­ner erzeu­gen, dann ist das in der großen Welt das­selbe makrokos­mis­che Ereig­nis, dem entspricht der Vor­gang, wenn das Feuer des Blutes und das Spiel des Ner­ven­sys­tems sich ent­laden im inneren Don­ner, der allerd­ings san­ft und ruhig und unvernehm­bar für die Außen­welt erklingt im Gedanken. Was der Blitz in den Wolken, das ist für uns die Wärme unseres Blutes, und die Luft draußen mit allem, was sie an Ele­menten enthält im Uni­ver­sum, entspricht dem, was unser Ner­ven­sys­tem durchzieht. Und wie der Blitz im Wider­spiel mit den Ele­menten den Don­ner erzeugt, so erzeugt das Wider­spiel von Blut und Ner­ven den Gedanken, der die Seele durchzuckt. Wir schauen hin­aus in die Welt, die uns umgibt; wir sehen den zuck­enden Blitz. … und hören den rol­len­den Don­ner … dann fühlen wir den Gedanken uns durchzuck­en und sagen Bei­de sind Eins.” (GA 109 in: Ernst Moll, Die Sprache der Laute, S. 386)

Tyr ste­ht dort im obi­gen Bild, wo bei den christlichen Kreuzi­gungs­bildern die Maria ste­ht. Thor ste­ht dort, wo Johannes ste­ht. Auch Maria ist wie Tyr die ältere, die Mut­ter, und Johannes ist Sohn, wie auch Thor als Sohn, allerd­ings von Odhin, auftritt.

Tyr ist nach dem Opfer sein­er recht­en Hand ein­händig. Rudolf Stein­er beschreibt eine Sit­u­a­tion für den Men­schen der fer­nen Zukun­ft, auf die mir das mythol­o­gis­che Bild hinzuweisen scheint: „Die Lotus­blume mit zwei Blüten­blät­tern befind­et sich unter der Stirn an der Nasen­wurzel. [6. Chakra] Das ist ein noch nicht entwick­eltes Astralor­gan, das sich eines Tages in zwei Füh­lern oder Flügeln entwick­eln wird. …

Von oben nach unten gese­hen, vom Kopf zum Fortpflanzung­sor­gan, ist der Men­sch zusam­menge­set­zt und je zur Hälfte wesens­gle­ich, das ist das Pro­dukt der Ver­gan­gen­heit. Von links nach rechts ist er sym­metrisch: das ist Gegen­wart und Zukun­ft. Aber diese bei­den sym­metrischen Par­tien haben nicht den gle­ichen Wert.

Warum sind wir für gewöhn­lich Recht­shän­der? Die rechte Hand, die von den bei­den diejenige ist, die heute am aktivsten arbeit­et, ist dazu bes­timmt, sich später zurück­zu­bilden. Die linke Hand ist das Organ, das über­leben wird, wenn die zwei Flügel an der Stirn sich entwick­elt haben wer­den. Das Gehirn der Brust wird das Herz sein, das ein Bewußt­sein­sor­gan sein wird. Und es wird drei Organe für die Fort­be­we­gung geben.

Bevor der Men­sch sich aufrichtete, gab es eine Zeit, wo er auf allen vieren ging. Das ist der Ursprung des Rät­sels, das die Sphinx aufgab.

Sie fragte: Welch­es Wesen geht in sein­er Kind­heit auf allen vieren, in der Mitte seines Lebens auf zwei, im Alter auf drei Beinen ? Ödi­pus antwortet ihm: Das ist der Men­sch, der in der Tat als Kind auf allen vieren geht und als Greis sich auf einen Stock stützt. In Wirk­lichkeit bezieht sich das Rät­sel und seine Lösung auf die Entwick­elung der ganzen Men­schheit: Ver­gan­gen­heit, Gegen­wart und Zukun­ft, wie man sie in den alten Mys­te­rien kan­nte. Vier­füßig in ein­er ver­flosse­nen Epoche sein­er Evo­lu­tion, hält sich der Men­sch heute aufrecht auf zwei Beinen. In der Zukun­ft wird er fliegen und wird sich tat­säch­lich dreier Hil­f­s­mit­tel bedi­enen: Die zwei Flügel, die sich aus der zweiblät­tri­gen Lotus­blume entwick­eln, wer­den das Organ seines Bewe­gungswil­lens sein, und außer­dem das umge­wan­delte Werkzeug der linken Brust­seite und der linken Hand. Solcher­art wer­den die Werkzeuge der zukün­fti­gen Fort­be­we­gung sein.

Eben­so wie die rechte Seite und die rechte Hand, wer­den die gegen­wär­ti­gen Zeu­gung­sor­gane sich zurück­bilden, und der Men­sch wird, wie wir es weit­er oben gese­hen haben, seines­gle­ichen durch das Wort her­vor­brin­gen. Sein Wort wird im Ätherkör­p­er Seines­gle­ichen for­men.“ (GA 94 S. 71 f, Her­vorhe­bun­gen A.F.)

Tyr gibt mit seinem Han­dopfer einen Vor­blick auf den Men­schen der fer­nen Zukun­ft, auf den Men­schen, der sich fliegend, also geistig, fort­be­we­gen kann. Diese Stufe beze­ich­net Rudolf Stein­er als die sech­ste Ein­wei­hungsstufe, wo der Äther­leib zum Lebensleib umge­bildet wor­den ist. Diese Stufe wurde in Griechen­land Chris­tos genan­nt. Und Thor kön­nte dem­nach Vor­bild für den Men­schen der fün­ften Ein­wei­hungsstufe sein, der den Astralleib umzuwan­deln hat in das Geistselbst.

Über die Gegensprüche 20 T und 45 t

Das Mantra 20 T ist ein­er von vier Krisen­sprüchen (7 G, 20 T, 33 g, 46 u), das Mantra 45 t jedoch nicht. Hier entspricht die durch den Laut gegebene Gegenüber­stel­lung nicht der­jeni­gen der Zahl, der durch die Geome­trie bes­timmten Gegenüber­stel­lung. Sowohl Licht- als auch Krisen­sprüche sind sym­metrisch um die Hal­b­jahresteilung ange­ord­net. Die Krisen­sprüche haben jew­eils einen Abstand von sieben Mantren zu dieser Teilung des See­lenkalen­der-Jahres, die Licht­sprüche von fünf. Für die Krisen­sprüche 7 G und 33 g ist die laut­lich und zahlen­mäßig definierte Gegenüber­stel­lung die Gle­iche, für die Krisen­sprüche 20 T und 46 u nicht. Diese zwar geometrisch gegenüber­liegen­den Mantren sind durch ihren unter­schiedlichen Buch­staben keine Gegen­sprüche. Diese Unregelmäßigkeit beruht auf den Mantren ohne Buch­staben, die eine Ver­schiebung der Buch­staben bewirken. Lasse ich diesen Sachver­halt auf mich wirken, so erlebe ich die starre Geome­trie aufge­brochen, sodass Raum für Leben und Entwick­lung entsteht.

Die krisen­hafte Sit­u­a­tion des Mantras 20 T gehört mit ein­er “reg­ulären” Sit­u­a­tion (45 t) zusam­men. Im Som­mer-Hal­b­jahr äußert sich die T‑Kraft im Krisen­spruch, eine Entschei­dung fordernd. Im Win­ter-Hal­b­jahr wirkt sie ohne diese Dramatik.

Das Mantra 20 T hat fünf Zeilen und gehört zu den kürzesten Mantren im See­lenkalen­der; das Mantra 45 t hat dage­gen acht Zeilen und gehört zu den läng­sten. Die Zeile­nan­zahl vari­iert zwis­chen fünf und acht. Schon darin zeigt sich ein max­i­maler Gegen­satz der bei­den Mantren.

Auf den Zusam­men­hang des Mantras 45 t mit dem Valentin­stag habe ich im Blog 45 t hingewiesen. Da in der auf das Mantra 45 t fol­gen­den Woche, der Krisen­woche 46 u, Ascher­mittwoch liegt, ist das Mantra 45 t also das Mantra der Faschingszeit. Wer sich verklei­det, nimmt eine neue Iden­tität an, “inkarniert” sozusagen probe­weise ohne den Ernst der Verbindlichkeit, denn das Kostüm kann schnell wieder aus­ge­zo­gen, die neue “Inkar­na­tion” fol­gen­los been­det werden.

Im Krisen-Mantra 20 T fühlt der Ich-Sprech­er das eigene Sein. Das T ist eine Berührung, ein Tas­ten. Und dieses Sein ist fern vom Wel­ten-Dasein. Der Ich-Sprech­er fühlt sich getren­nt von der Welt. Teilung und Tren­nung sind wesentliche Aspek­te des T. Dieses Sein dro­ht in sich sich selb­st zu erlöschen. Erlis­cht das Lebenslicht, stirbt der Men­sch. Bleibt der Men­sch nur in sich, erlis­cht er sich selb­st, denn das eigene Leben ist ein Bren­nen, angewiesen auf die Umwelt, auf die Luft zum Atmen, die Nahrung und die Sinneswahrnehmung. Baut der Men­sch nur auf eigen­em Grunde — hier kommt mir stets das Bild eines Turmes in den Sinn — tötet der Men­sch in sich, sich selb­st. Auch im Töten spricht sich die T‑Qualität aus. In diesem Mantra kommt die lebens­feindliche, vere­inzel­nde, und in let­zter Kon­se­quenz tötende Kraft des T zum Bewusst­sein des Ich-Sprech­ers. Das Mantra ist im kon­junk­tiv for­muliert. Die Gefahr wird erkan­nt, bevor die Sit­u­a­tion ein­tritt. Diese Erken­nt­nisleis­tung entspricht dem T als Zahn­laut, als Laut des Denkens. Das Bauen lässt den Tvr­do-Aspekt des Fes­ten, Sta­bilen anklin­gen (siehe oben). Indem der Ich-Sprech­er den Grund der Krise erken­nt, hat er auch das Wis­sen, sie zu lösen. Er erhält dadurch die Macht, über das eigene Leben zu entschei­den. Dem Ich-Sprech­er kommt gewis­ser­maßen göt­tliche Macht zu, worin sich die Qual­ität des T als Göt­ter­laut zeigt. Obwohl das Über­schre­it­en der Gren­ze vom Leben in den Tod in der Sit­u­a­tion des Mantras ver­mieden wer­den kann durch eine Leben­sän­derung, befind­et sich der Ich-Sprech­er doch im geschilderten Moment an dieser Grenze.

Das Mantra 45 t schildert eine seel­is­che Sit­u­a­tion die im Unter­be­wusst­sein bleibt, denn es gibt hier keinen Ich-Sprech­er. Es sagt, dass sich die Gedanken­macht fes­tigt im Bunde mit der Geist­ge­burt. Auch hier find­et sich der Aspekt des Fes­ti­gens, der Tvr­do-Aspekt, doch nicht der dro­hende Tod ste­ht im Raum, son­dern die Geist­ge­burt. Es geht, wie sich weit­er unten noch zeigen wird, um die andere Gren­ze, um das Ins-Leben­treten. Geist­ge­burt meint nicht die leib­liche Geburt durch eine Mut­ter, son­dern das Gebären des geisti­gen Men­schen aus der Seele. Diese Geburt wurde nicht wie die Leib­liche aus dem Wass­er, dem Frucht­wass­er son­dern aus dem Feuer vorgestellt. Die feurige Drachen­natur des eige­nen Unter­be­wusst­seins musste über­wun­den wer­den, damit wie der Phönix aus der Asche der geistige Men­sch sich aus dem Feuer erheben kann. Nicht der physis­che Men­sch ist also der fes­ti­gende Bezugspunkt für die Gedanken­macht, son­dern der geistige. Gedanken­macht und Geist­ge­burt sind im Bunde, sind ver­bun­den miteinan­der. In Wahrheit ist jed­er Gedanke eine Geist­ge­burt, denn Denken ist ein geistiges Han­deln. Hier ist es offen­sichtlich am Platz “auf eigen­em Grund zu bauen” — die (eigene) Gedanken­macht auf der (eige­nen) Geist­ge­burt zu grün­den. Dadurch hellt sie, die Geist­ge­burt oder die Gedanken­macht (bei­des ist möglich zu ver­ste­hen), die dumpfen Sin­nes­reize auf, sodass in voller Klarheit die wahre Natur der Welt geschaut wer­den kann. Die Wahrnehmung wird durch­schaubar, sie ist durch­läs­sig für den Geist hin­ter dem Sin­nen­schleier geworden.

An diesem Punkt der vol­lkomme­nen Klarheit, der ja gewis­ser­maßen als das Ziel der Entwick­lung ange­se­hen wer­den kann, ste­ht die stumme Form. Was hier geschieht, ist nicht in Worte zu fassen. Bei­de Phänomene, Stille wie der Ton, das Gegen­teil der Stille, sind Aspek­te des T. Hier ist der Moment der Stille bedeut­lam, bevor der Laut ertönt, die neue Schöp­fung anhebt. Dies gilt natür­lich für jeden Plo­sivlaut, doch beim T als Zahn­laut (siehe oben) ste­ht hin­ter dem Laut die Schöp­fung aus dem Denken als “höch­stem” Uran­fang. Diese stumme Form markiert für mich den Moment, der der Schöp­fungsab­grund oder die Schöp­fung aus dem Nichts, also die Schöp­fung ohne Ursache genan­nt wird.

Was im Mantra 45 t nun fol­gt, ist ein “wenn … muss” Zusam­men­hang. Eine Möglichkeit, ein Aus­blick wird gegeben, der an eine Bedin­gung geknüpft ist. Doch der Schritt wird im Mantra nicht gegan­gen. Die Sit­u­a­tion bleibt wie im Mantra 20 T vor­be­haltlich. An die Über­schre­itung der Gren­ze ist die Bedin­gung der Vere­ini­gung geknüpft. Es geht bei dem Wenn-Dann um eine Verbindung. Es geht darum, ob die Seele sich mit dem Wer­den der Welt vere­inen will, das der Geist (Gedanken­macht und Geist­ge­burt) in voller Klarheit sieht — ihr vielle­icht zeigt. Im Wel­tenwer­den erlebe ich die Tao-Kraft, das gewaltige Vor­wärtsstreben der Zeit. Wenn die Seele in ihrer ganzen Fülle, ihrem Plero­ma, ihrer Vol­lkom­men­heit sich also mit dem Wel­tenwer­den einen will, dann muss etwas Bes­timmtes geschehen. Dann muss das, was die Sinne offen­baren, das Licht des Denkens emp­fan­gen. Warum? Waren die Sin­nes­reize nicht schon zur vollen Klarheit aufge­hellt durch Gedanken­macht und Geist­ge­burt? Was ist denn der Unter­schied von Sin­nes­reizen und Sin­nesof­fen­barung sowie Gedanken­macht und Denken? Gedanken­macht ist die Kom­pe­tenz zu denken, nicht jedoch die Tätigkeit, der Vol­lzug des Denkens, die Denk-Tat. Und Sin­nes­reize sind das, was die Sin­nesor­gane liefern, aber nicht das, was sich darin ausspricht, offenbart.

Die Kom­pe­tenz zu denken ist dadurch eine andere gewor­den, dass die Geist­ge­burt mit der Gedanken­macht einen Bund geschlossen hat. Kön­nte es vielle­icht sein, dass die Geist­ge­burt der Gedanken­macht zu ein­er geist­gemäßen Stufe der Denk­fähigkeit ver­hil­ft? Kön­nte es vielle­icht die Fähigkeit sein, Struk­turen erken­nen zu kön­nen, abstrahieren zu kön­nen, sodass die Idee hin­ter der Erschei­n­ung sicht­bar wird — der Zyk­lus des Jahres als Kreis begrif­f­en wer­den kann? Das ist volle Klarheit. Doch die reine Fähigkeit führt nicht in die Zukun­ft. Die abstrak­te Klarheit ist tot. Nur die Tätigkeit, das aktive Denken ermöglicht der Seele, sich mit dem ewigen Wan­del des Wel­tenwer­dens zu vere­inen. Ganz konkret muss das geschehen. Das, was schon gewor­den ist, was sich den Sin­nen offen­bart, muss etwas emp­fan­gen. Wenn die Seele sich also mit dem Wel­tenwer­den einen will — wenn sie sich weit­er entwick­eln will — muss der Welt, wie sie sich den Sin­nen offen­bart, durch das men­schliche Denken etwas hinzuge­fügt wer­den. Das Licht des Denkens muss hinzufügt wer­den. Das Bewusst­seinslicht, das denk­end auf einen Sachver­halt gerichtet wird, ist Licht, und es entzün­det in der Erken­nt­nis, im Aufleucht­en der neuen Idee, ein neues Licht. Dieses Licht schenkt sich der Sin­nesof­fen­barung, über die gedacht wurde. Es wird von der Sin­nesof­fen­barung emp­fan­gen. Durch eigene Tätigkeit vere­inigt sich die Seele mit dem wer­den­den, täti­gen Aspekt der Welt. Das Licht des Denkens ist hier sel­ber die T‑Kraft, die befruchtet. Die Sin­nesof­fen­barung lässt sich mit ein­er sich öff­nende Blüte ver­gle­ichen, die vom Licht des Denkens befruchtet wird. Nur so kann eine neue Verbindung der Seele mit der sich fortwährend weit­er­en­twick­el­nden Welt geschehen. Dadurch entste­ht etwas Neues, dadurch trägt der Men­sch zum Wel­tenwer­den bei.