Die Gegensprüche 21 U und 46 u

21 U

Ich füh­le fruch­t­end fremde Macht

Sich stärk­end mir mich selb­st verleihn,

Den Keim empfind ich reifend

Und Ahnung lichtvoll weben

Im Innern an der Selb­s­theit Macht.

46 u

Die Welt, sie dro­het zu betäuben

Der Seele einge­borene Kraft;

Nun trete du, Erinnerung,

Aus Geis­testiefen leuch­t­end auf

Und stärke mir das Schauen,

Das nur durch Willenskräfte

Sich selb­st erhal­ten kann.

 

 

Die Eurythmieformen zu den Mantren 21 U und 46 u

Über den Buchstaben “U”

Das U ist der let­zte der fünf Vokale im Alpha­bet. Schon das T markierte einen Abschluss, eine Gren­ze. Im hebräis­chen Alpha­bet bildet das Tav tat­säch­lich den let­zten der 22 Kon­so­nan­ten-Zeichen. Das U ist gewis­ser­maßen der Laut der Gren­züber­schre­itung. Die Form des lateinis­chen Buch­stabens, in Schreib­rich­tung gedacht und auch als eury­th­mis­che Chore­o­gra­phie, zeigt einen Weg in die Tiefe, einen Wen­depunkt und danach einen Auf­stieg. Wie sich zeigen wird, ist damit präg­nant aus­ge­drückt, was das U ausmacht.

Das durch U aus­ge­drück­te Gefühl ist die Furcht, die Furcht vor dem Unbekan­nten, Ungewis­sen, Unheim­lichen. Wie sich der Men­sch im A max­i­mal öffnet, ver­schließt er sich im U in sich selb­st. Rudolf Stein­er sagt: “Der völ­lige Gegen­satz des A ist das U. Indem Sie das U aussprechen, schließten Sie vom Munde alles ab, was nur zu schließen ist und lassen den Laut durchge­hen: U. Am meis­ten wird beim U geschlossen” (GA 282 in: Ernst Moll, Die Sprache der Laute, S. 402)

Bei der Artiku­la­tion des U wer­den die Lip­pen ges­pan­nt vorgestülpt, der hin­tere Teil der Zunge wird gehoben und der vordere Teil bildet eine gerun­dete Mulde, sodass eine röhrenähn­liche Form entste­ht. Zusät­zlich senkt sich der Kehlkopf in seine tief­ste Stel­lung.  Das U ist schon von diesen Gesicht­spunk­ten her das ‘Unten’ in all seinen Vari­anten: die tiefe ‘Schlucht’, der ‘Schlund’, der ‘Sund’, der ‘Strudel’, der ‘Brun­nen’, der ‘Sumpf’ und auch der ‘Turm’, die ‘Truhe’, die ‘Burg’ oder die ‘Wunde’, die ‘Schrun­den’ oder der ‘Schmutz’. Der ‘Busen’, der ‘Bund’, die ‘Ruhe’ und auch die ‘Schuld’ zeigen seel­is­che Aspek­te der Tiefe.

Der slaw­is­che Name des U ist ‘Uk’, was ‘gelehrt’ bedeutet. Gelehrt ist jemand, der sich in sein Gebi­et ver­tieft und von allen Ablenkun­gen abgeschlossen hat, der in der ‘Stube’ saß und sein ‘Buch’ ’studiert’ hat. Es ist jemand, der in beson­derem Maße verin­ner­licht hat, was die Sinne oder auch andere Men­schen an Vorstel­lun­gen liefern, der diese Infor­ma­tio­nen in sich bewegt und “ver­daut”, ‘durch’-sich-‘hindurchgehen’-lassen hat, bis sie zur reifen ‘Frucht’ wurden.

Das U ist mit dem Plan­eten Sat­urn, dem äußer­sten der “alten” Plan­eten ver­bun­den. Nach mit­te­lal­ter­lich­er Vorstel­lung kam danach die Fixstern­sphäre. Zu diesem Plan­eten sagt Rudolf Stein­er, nach­dem er sie alle charak­ter­isiert hat: “Und zulet­zt haben wir das, was ins Melan­cholis­che hineinge­ht, in das Innere Hal­ten, in den Tief­sinn: Sat­urn: U.” (GA 279 in: Ernst Moll, Die Sprache der Laute, S. 402) Und: “Der Name Sat­urn wurde ursprünglich aus dem Okkul­tismus her­aus auf alles das angewen­det, was eine Außen­welt abschließt von einem Sys­tem, das sich in sich sel­ber rhyth­misch gestal­tet.” (GA 128 in: Ernst Moll, Die Sprache der Laute, S. 403) Mit dem U verbindet Rudolf Stein­er weit­er­hein ein Gefühl, das wir “dem Leeren oder auch dem Schwarzen, das ja mit dem Leeren ver­wandt ist, gegenüber haben oder alle­dem gegenüber haben, das mit dem Schwarzen ver­wandt ist: Es ist die Furcht-Nuance, die Angst-Nuance. Sie drückt sich aus durch das U”. (GA 293 in: Ernst Moll, Die Sprache der Laute, S. 402)

Mit dem U ver­bun­den ist die ‘Gruft’ und die ‘Unter­welt’, das Toten­re­ich. Über das Wort ‘Fuß’ sagt Rudolf Stein­er: “Wenn wir im Deutschen das Wort ‘Fuß’ haben, so hängt es damit zusam­men; Wir treten auf, wir machen ein Leeres, eine Furche. Fuß hängt mit Furche zusam­men. Wir nehmen die Beze­ich­nung des Fußes von dem, was er tut, von ‘Furche-machen’.” (GA 293 in: Ernst Moll, Die Sprache der Laute, S. 403)

Seit der griechis­chen Mytholo­gie ist Sat­urn, Chronos, mit der Zeit ver­bun­den und zwar als der dun­kle Ver­nichter von den Schöp­fungswerken der licht­en Sonne. In der Zeit nehmen die in der Ewigkeit zeit­losen Ideen für eine kleine Weile irdisch-vergängliche For­men an. Auch die erste Inkar­na­tion der Erde ist nach diesem Plan­eten als “alter Sat­urn” benan­nt, denn hier trat sie in den Strom der Entwick­lung ein, zunächst in die Qual­ität der Dauer. Deshalb for­muliert Rudolf Stein­er schein­bar wider­sprüch­lich: “Mit dem Sat­urn begin­nt erst das, was wir Zeit nen­nen, da gab es nur Ewigkeit, Dauer. In der­jeni­gen Wel­tenlage, wo nur Dauer ist, da gibt es auch keine Bewe­gung, denn zur Bewe­gung gehört Zeit; da ist selige Ruhe in der Dauer.” (GA 146 in: Ernst Moll, Die Sprache der Laute, S. 403) Die Dauer tritt hier als kom­ple­men­tär­er Pol auf, der seinen Gegen­pol, die Verän­derung her­vor­bringt. Um dieses so ganz andere Wesen des Sat­urn ken­nen­zuler­nen, muss der Geis­tes­forsch­er, so Rudolf Stein­er, “ler­nen, Schaud­er, Furcht empfind­en zu kön­nen vor der unendlichen Leere, die sich da auf­tut um uns herum und muss zu gle­ich­er Zeit in der Lage sein, diese Furcht durch innere Fes­tigkeit und Sicher­heit seines Wesens über­winden zu kön­nen.” (GA 132 in: Ernst Moll, Die Sprache der Laute, S. 404)

Das U tendiert zu diesem Ewigen. Dem U‑Erlebnis, sagt Rudolf Stein­er, “liegt immer etwas von Furcht- oder Ang­stempfind­ung zugrunde.” (GA 282 in: Ernst Moll, Die Sprache der Laute, S. 404) Und: “Das U kann emp­fun­den wer­den als das­jenige, was seel­isch inner­lich erkaltet, ver­steift, erstar­rt. So ist das inner­liche Erleb­nis des U; U ist was ‘erkäl­tet, ver­steift, erstar­rt, wobei einen friert.” Und auch: “U: das ist nicht Selb­st­be­haup­tung, das ist im Gegen­teil: sich klein fühlen, sich erkäl­tet, ver­steift fühlen, ein Sich-Zurückziehen, ein Sich-an-sich-hal­ten. … Beim U soll das Zurück­hal­tende gefühlt wer­den.” (bei­de GA 279 in: Ernst Moll, Die Sprache der Laute, S. 404)

Ger­ade diese Zurück­hal­tung, das sich Zurückziehen spricht sich in der Gelehrten­natur aus. Die lateinis­che Sprache ist durch das U dominiert, wie Ernst Moll beschreibt. Bis zum Ende des Mit­te­lal­ters war sie die Gelehrten­sprache und zur Zeit um Christi Geburt war sie Welt­sprache. Die U‑Stimmung umgibt den Erden­ab­stieg des Chris­tus Jesus. Die U‑Stimmung der lateinis­chen Sprache durch­zog einen großen Teil der Men­schheit und sein Leib wurde durch die Geschlechter­folge im ‘Juden­tum’ bereitet.

Die Kel­ten nan­nten den U‑Laut ‘Uir’, die Eibe. Die Eibe hat­te also damals zwei Namen, denn auch der Name für das I, ‘Iogha’, bedeutet Eibe. Uir bedeutet gle­ichzeit­ig das Grab, denn die Eibe, an der alle Teile der Pflanze hochgiftig sind mit Aus­nahme des roten, fleis­chi­gen Samen­man­tels, war der Toten­baum. Die Furien, die Rachegöt­tin­nen tru­gen Fack­eln aus Eiben­holz, in den Mys­te­rien von Eleu­sis bekränzten sich die Priester mit Myrten- oder Taxus- d.h. Eiben­zweigen. In diesem Kult ging es um Deme­ter und Perse­phone, um Perse­phones Gang in die Unter­welt und ihre Wiederkun­ft, die Wiederge­burt des Lebens im Früh­ling. So kann das U als der Vokal des Todes und das I als dessen Über­win­dung ver­standen wer­den. Das U bere­it­et dadurch das I vor.

Das U ist diejenige ‘Rune’, in der die magis­che Kraft der Sprache in der ‘Gruft’ des Grabes ruht. Es ist das ‘Dun­kle’ und ‘Okkulte’, das einen mit ‘Gruseln’ erfüllt und den ‘Mut’ aufruft für die ‘unbekan­nte ‘Zukun­ft’. Das U ist die ‘Unio mys­ti­ca’, die mys­tis­che Vere­ini­gung von Him­mel und Erde, Leben und Tod — oder Tod und Leben. Im kleinen Wörtchen ‘und’, das aus zweien ‘unus’, ‘eins’ macht, liegt dieses Geheim­nis eben­so wie im ‘Uni­ver­sum’, der ‘Uni­ver­sität’ und allem ‘Uni­ver­salen.

Die Eule, Vogel der Weisheit, althochdeutsch ‘uwila’, lateinisch ‘ulala’ und auch der ‘Uhu’ rufen als Vögel der Nacht den Wun­sch nach dem Licht, nach dem Aufwachen wach. Rudolf Stein­er sagt: “Wer U spricht, der deutet darauf hin, dass er aufwachen möchte, als wenn die Eule sich gel­tend macht: dann sagt man ‘Uhu’ Die Eule ver­an­lasst, dass man so recht aufwachen möchte der Eule gegenüber.” (GA 282 in: Ernst Moll, Die Sprache der Laute, S. 409)

Bei den Ger­ma­nen wurde das U ‘Uruz’, Ur, der Aue­rochse oder Ur-Sti­er genan­nt. Das U birgt hier die Geheimnisse der Stiermys­te­rien, des Erd-‘Kultus’. Im Herb­st musste der Sti­er für die Frucht­barkeit der Erde des kom­menden Jahres geopfert wer­den. Im Früh­ling wurde wiederum seine Erweck­ung gefeiert. Ganz beson­ders, als die Sonne in ihrem Früh­lingspunkt im Sti­er stand, war der Sti­er das Bild der urge­walti­gen, zeu­gen­den, die Erde befruch­t­en­den himm­lis­chen Kraft. Mit dem Sti­er ver­bun­den wurde der physis­che Leib und mit ihm die Wil­len­skraft erlebt. Über die Ahnen­folge, die Kette der Zeu­gun­gen, ist jed­er Leib ver­bun­den mit der Urver­gange­heit, dem Uran­fang. Laut­gle­ich mit dem Ur, dem Sti­er, ist die Vor­silbe Ur‑, die eigentlich ‘aus’ bedeutet und dau­rauf hin­weist, aus was etwas her­vorge­gan­gen ist. Unbe­tont wurde die Vor­silbe ‘ur-’ zu ‘er-’. So gehört ‘Urkunde’ zu ‘erkun­den’ und ‘Urlaub’ zu ‘erlauben’ und ‘Urteil’ zu ‘erteilen’. Ernst Moll beschreibt die Vor­silbe ‘ur-’ als zusam­men­hän­gend mit dem Urwort ‘h‑v-r’, “das durch seine Laute das Wesen der Urschöp­fung, das Her­vorkom­men des Offen­baren aus dem Unof­fen­baren, des Licht­es aus der Fin­ster­n­is aus­drückt und im Hebräis­chen ein­er­seits zu ‘or’ (vr), ‘Ur-Licht’, ander­er­seits zu ‘ur’ (ur), ‘Ur-Feuer’ gewor­den ist.” (Beckh, in Ernst Moll, Die Sprache der Laute, S. 411) Dieses Urwort find­et sich im Lateinis­chen in ‘oriri’, ‘entste­hen, aufge­hen (der Sonne)’ und in ‘ure­re’, bren­nen. Die Urge­walt, die ins Dasein drängt, find­et sich laut­lich im Wort ‘Geb-ur‑t’ und in den griechis­chen Worten ‘uros’, ‘Wind’; ‘uron’, ‘Raum’; ‘ura­nos’, ‘Him­mel’. Auch die ‘Uhr’, mit­tel­niederdeutsch ‘ur’, von ‘hora’, der ‘Stunde’ stam­mend, ver­weist auf den Zeit­en­lauf, der stetig vor­wärts­drängt, wie eben der Stier.

Über die Gegensprüche 21 U und 46 u

Das Mantra 21 U ste­ht zwis­chen dem Krisen­spruch 20 T und dem Licht­spruch 22 V, weswe­gen ich es einen Zwis­chen­spruch nenne. Diese drei Mantren verbindet ein gemein­sames The­ma, und zwar das von Feuer bzw. Wärme. Fol­gende Worte zeigen Aspek­te davon: (20 T: erlöschen), (21 U: reifend), (22 V: Früchte ent­binden, reifen). Neben der Wärme wird auch das Ich betont: (20 T: in sich, sich selb­st), (21 U: mir mich selb­st ver­lei­hn, Selb­s­theit Macht), (22 V: See­len­licht, Men­schenselb­st). Die Stel­lung des Zwis­chen­spruchs zwis­chen Krisen- und Licht­spruch lässt eine aus­gle­ichende Mitte erwarten, eine Syn­these von krisen­haften und lichthaften Aspek­ten des Wärmeele­ments und damit ver­bun­den des Ichs.

Das Mantra 46 u ist ein Krisen­spruch. Durch die Mantren ohne Buch­staben (12 ! und 51 !) entsprechen die um 180 Bogen­grad math­e­ma­tisch den jew­eili­gen Radi­en gegenüber­liegen­den Mantren (was auf die Krisen- Zwis­chen- und Licht­sprüche zutrifft) nicht denen mit gle­ichem Buch­staben. Nur die Mantren mit gle­ichem Buch­staben nenne ich Gegen­sprüche. Das Krisen-Mantra 46 u ist das Mantra der Ascher­mittwochs-Woche und damit das Mantra, in dem die unbeschw­erte Faschingszeit endet und die voröster­liche Fas­ten­zeit begin­nt. Es ist auch das Mantra, das nach der Empfäng­nis und Zeu­gung (45 t) das Mantra der ersten Stufe der Embry­ona­len­twick­lung, der Min­er­al­stufe ist (siehe Blog 46 u).

Wie alle Krisen- und Zwis­chen­sprüche sind die Mantren, 21 U und 46 u aus der Per­spek­tive eines Ich-Sprech­ers geschrieben. Der Ich-Sprech­er des Mantras 21 U fühlt eine fremde Macht, die zunehmend stärk­er wird, fruch­t­end wirk­sam sein. Diese fremde Macht, die dur­chaus Furcht aus­lösend gedacht wer­den kann, wirkt jedoch nicht gegen den Ich-Sprech­er, son­dern für ihn. Der Ich-Sprech­er fühlt, dass er durch diese (be-)fruchtende Fremdein­wirkung sich selb­st ver­liehen wird. Mar­tin Buber sagt: ” Der Men­sch wird am Du zum Ich” (Werke I. Schriften zur Philoso­phie, S. 97) Der Ich-Sprech­er erwacht also durch die fruch­t­ende fremde Macht zu seinem Ich. Um sich selb­st als eigen­ständi­ge Per­sön­lichkeit zu erleben, ist eine davon zu unter­schei­dende Außen­welt notwendig. Diese Außen­welt ist die fremde Macht, die durch jede Sin­neser­fahrung die Seele befruchtet und ihr zeigt, dass sie sich unter­schei­det von dieser Außenwelt.

Den Keim empfind­et der Ich-Sprech­er reifend. Der Keim ist die im Wer­den begrif­f­ene geistige Natur des Men­schen, sein wahres Ich. Nur zu ahnen ist dieses aus Licht gewobene Neue, das im Innern entste­ht. Diese Macht der Selb­s­theit ist nicht das selb­stis­che Ego, das in der Seele lebt, es ist das Geist­selb­st, das dann auch ohne irdis­che Umge­bung, ohne fruch­t­ende fremde Macht ein Selb­st sein kann — ein Geist unter Geis­tern. In der frem­den Macht kann der Sti­er-Aspekt des U erlebt wer­den, im Prozess des Reifens auch der Aspekt der ver­stre­ichen­den Zeit. Gle­ichzeit­ig ist es eine Gren­z­er­fahrung, wie sie nach obi­gen Aus­sagen zu Sat­urn gehört. Das lichtvolle Weben lässt mich an den Gelehrten denken, der die Erken­nt­nisse in sich ver­webt zu neuen lichtvollen Ideen-Frücht­en. Zart und nur ahnend aus­ge­sprochen bietet das Mantra den Aus­blick über das irdis­che Sein hin­aus — über den Tod hin­aus. Indem es die Selb­st­wer­dung des Men­schen als einen pflanzen­haften Rei­fung­sprozess beschreibt, the­ma­tisiert es auch seinen Aufstieg.

Das Krisen-Mantra 46 u beschreibt die Auseinan­der­set­zung mit dem Außen, hier der Welt als eine Bedro­hung für die Seele. Die Welt dro­ht die Kraft der Seele, die ihr einge­boren ist, zu betäuben. Die in die Seele hineinge­borene Kraft ist sicher­lich ihre Fähigkeit, hin­ter der Fas­sade der vergänglichen physis­chen Welt das Wirken des Ewigen, des Geistes zu schauen. Als “Medi­zin” gegen die betäubende Kraft der Welt wird die Erin­nerung aufgerufen. Sie wird als ein “Du”, als ein dem Ich-Sprech­er gegenüber­ste­hen­des Wesen angerufen. Und sie wird als leuch­t­end beschrieben. Aus Geis­testiefen soll sie her­aufkom­men, die Bühne der Gegen­wart betreten, auftreten, denn der Erin­nerung ist auf der Lebens­bühne eine wichtige Rolle zugedacht. Die leuch­t­ende Erin­nerung bildet die Brücke zum vorirdis­chen Dasein. Das Du, das als leuch­t­ende Erin­nerung aufgerufen wird, ist der Men­sch sel­ber, als er noch Geist­we­sen war, ange­tan mit einem Leib aus Licht. Wenn er diese Erin­nerung immer wieder her­auf­holen kann, wenn er also stets sich­er weiß, dass sein Leben nicht auf das Leben im physis­chen Leib begren­zt ist, so kann die Welt ihn nicht mehr betäuben. Dann kann er nicht nur die physis­che Welt sehen, son­dern auch die Geist­welt schauen.

Doch dieses Schauen des Geistes hin­ter der materiellen Welt muss gewollt wer­den. Es geschieht nicht von alleine. Die Erin­nerung muss dafür immer wieder von Neuem aufgerufen wer­den. Ihr leuch­t­en­des Auftreten wird benötigt. Sie muss den ori­en­tieren­den Hin­ter­grund bilden, son­st — so ver­mute ich — gleit­et das Schauen ab in willkür­liche Phan­tasie. Im fol­gen­den erk­lärt Rudolf Stein­er, dass man ster­ben muss, wenn man in die Raum-losigkeit, in die geistige Welt ein­treten will. “Was muß man denn daher erleben, wenn man aus dem Raum, in dem man zwis­chen Geburt und Tod lebt, ein­treten will in die Raum-losigkeit, in der man zwis­chen dem Tod und ein­er neuen Geburt lebt, was muß man erleben? Ja, meine lieben Fre­unde, man muß ster­ben!” (GA 236, S. 243) Auch die Erin­nerung an das vorge­burtliche Dasein ist solch ein Ein­tritt in die Raum­losigkeit — nur eben nicht als Vor­griff des Todes son­dern als Erinnerung.

Die Stim­mung und Qual­ität des U ist im ganzen Mantra anwe­send. Die Bedro­hung durch die Welt löst Furcht, U‑Stimmung, in der Seele aus. Betäubung, wie sie durch eine Narkose ein­tritt, löscht das Bewusst­sein aus. Das Bewusst­sein wird auf sein niedrig­stes Niveau herun­terge­fahren — eine Bewe­gung, die auch beim lateinis­chen U vol­l­zo­gen wird, bevor die Lin­ie wieder auf­steigt. Das Auftreten der Erin­nerung aus Geis­testiefen entspricht dage­gen der zweit­en Hälfte der U‑Linie. Wurde im Mantra 21 U das irdis­che Leben über­schrit­ten im Vor­blick, in die Zukun­ft, durch das Ahnen, so geschieht im Mantra 46 u jene Über­schre­itung in der ent­ge­genge­set­zten Rich­tung, im Rück­blick, durch die Erin­nerung. Dieses Über­schre­it­en ein­er Gren­ze gibt den Mantren sat­ur­nischen Charak­ter. Das Krisen­mantra 46 u ist umwe­ht vom Geheim­nis der Eibe als Mys­te­rien­baum, das Mantra 21 U verkör­pert eher den ungifti­gen, süßen roten Samenmantel.