Die Gegensprüche 24 X und 49 x
24 X
Sich selbst erschaffend stets, Wird Seelensein sich selbst gewahr; Der Weltengeist, er strebet fort In Selbsterkenntnis neu belebt Und Schafft aus Seelenfinsternis Des Selbstsinns Willensfrucht. |
49 x
Ich fühle Kraft des Weltenseins: So spricht Gedankenklarheit, Gedenkend eignen Geistes Wachsen In finstern Weltennächten, Und neigt dem nahen Weltentage Des Innern Hoffnungsstrahlen. |
Die Eurythmieformen zu den Mantren 24 X und 49 x
Über den Buchstaben “X” und zur Geschichte seiner Form
Das X ist ein Buchstabe, dessen Klang zwei Laute vereint, das K und das S. Indem diese beiden zu einem Zeichen verschmelzen, wandelt sich die Bedeutung und umfasst mehr als die einzelnen Buchstaben. Doch was ist diese weiter reichende Botschaft? Zwei Wege lassen sich beschreiten. Der eine sind, wie schon erwähnt, die Laute K und S, die durch das X dargestellt werden. Der andere Weg eröffnet sich durch die Geschichte der Zeichen, die zu X führten. Da der letztgenannte Zugang der objektivere ist, wende ich damit beginnen.
Im lateinischen Alphabet steht das X an 24. Stelle. Schon diese Zahl weist auf seine besondere Bedeutung, steht 24 doch für die 24 Stunden von Tag und Nacht, also zweimal 12 und damit auch für die 12 Tierkreiszeichen, mithin den Jahreszyklus. Auch sind es 24 Älteste, die in der Offenbarung des Johannes Gott verehren. Sie sitzen auf 24 Thronen und sind mit weißen Kleidern angetan (Off. 4,1–5; 19,4).
Das X‑Zeichen
Das heutige X stammt vom phönizischen Sāmek, einem stimmloses S, und sah aus wie ein Stützpfeiler bzw. eine Wirbelsäule 𐤎. Dies ist zumindest die vermutete Herkunft des Zeichens. In das hebräische Alphabet wurde es als Samech übernommen mit dem gleichen Lautwert, jedoch einem kreisähnlichen Zeichen: ס
In vorgriechischer Zeit wurde der Laut als die Buchstabenkombination KTS erlebt und auch ΚΤΣ geschrieben. Das heutige griechische Xi stammt aus Ionia und wird durch drei parallele Linien Ξ gebildet (als kleiner Buchstabe werden die Linien verbunden ξ). Ernst Moll bezeichnet den kleinen Buchstaben als eine in der Senkrechten sich windende Schlange, das Bild der erhobenen Schlange (Die Sprache der Laute, S. 429) In westgriechischen Gegenden wurde das Xi jedoch mit zwei diagonal gekreuzten Linien X geschrieben. Über die Etrusker kam diese Form ins lateinische und damit auch in unser Alphabet und wurde der Buchstabe X.
Im griechischen Alphabet gibt es diese zwei gekreuzten Linien ebenso. Hier bezeichnen sie den Buchstaben Chi, der sich gleichfalls aus dem phönizischen Sāmek entwickelte. Unser Ich-Laut ist also das griechische Chi Χ (kleiner Buchstabe χ), (χῖ), das ursprüngliche Chei (χεῖ).
In Griechenland wurde die Komposition aus K und S zu einer wesenhaften Einheit. Doch geschah dies, ohne diesem neuen Buchstaben auch ein Bild als Namen zu geben, denn die anderen Buchstaben waren aus dem phönizischen Alphabet mit Bildern übernommen und sehr viel älter. Doch ist dies vielleicht nicht der einzige Grund, warum das X kein solches Bild begleitet. Mit dem KS ist etwas Geheimnisvolles, unaussprechliches verbunden. Auf verschiedenen Wegen werde ich mich ihm nähern, es umkreisen. Manche Fäden werden nur lose verknüpft sein, manches wird Ahnung bleiben.
Das X ist die ‘Sphinx’, und in der Mathematik tatsächlich das Zeichen für die unbekannte Größe. Das Moment der Täuschung liegt darin, wenn jemand ‘ein X für ein U ausgeben’ will. Diese Redewendung kommt aus der Zeit, als Zahlen durch lateinische Buchstaben dargestellt wurden. Das U bzw. V steht für fünf, das X für zehn. Überkreuzen sich bei V die Schnitte im Kerbholz, das zum Anschreiben der Schuld benutzt wurde, so wird leicht aus dem V ein X und damit aus fünf zehn und damit die Schuld verdoppelt. Es ist also eine ‘Krux’ mit dem X. ‘Crux’ heißt auf lateinisch Kreuz und so sieht das X auch aus.
Lange bevor Zeichen zur Schriftsprache wurden, hatte das diagonale Kreuz, das heutige X‑Zeichen, eine herausragende Bedeutung. Es war in der Frühzeit der Kulturentwicklung neben dem V das Zeichen der großen Muttergöttin, die als eine Vogelgöttin vorgestellt wurde.
Links: Statuette (vermutlich der Vogelgöttin) mit eingeritztem X‑Kreuz und V‑Dreifachsparren, Rotpoliert, Hacilar-Kultur, Zentralanatolien, Mitte 6. Jahrtausend, Höhe 5 cm
Rechts: Zwei Statuetten der Cucuteni-Kultur Moldau, mit schwarzen V‑Sparren und X‑Kreuz bemalt, Nordostrumänien, erste Hälfte 4. Jahrtausend, Höhe 5 und 8 cm
Etwas später entstanden die sogenannten “Stundenglasfiguren”, die häufig tanzend dargestellt wurden. Ihre Körper zeigen zwei mit der Spitze verbundene Dreiecke, die auch als ausgefülltes X gedeutet werden können.
Links: Boden einer Schale, Ozieri-Kultur, Nordsardinien 4. Jahrtausend. v. Chr.
Rechts oben: Gefäßmalerei, Cucuteni-Kultur, ca. 3700 v. Chr.
Rechts unten: Tanzende Dienerinnen mit Vogelklauen, Ozieri-Kultur, Nordsardinien 4000 — 3800 v.Chr.
Hier zeigen die X‑förmigen Körper vielleicht die Verbindung von Oben und Unten im Tanz des Lebens. Nach alter Tradition werden die unterschiedlich ausgerichteten Dreiecke als männlich und weiblich verstanden oder auch in heutigen Vorstellungen als “Geist bzw. Seele” und “Körper”. Die Stundenglasfiguren stellen dann die Vereinigung dieser gegensätzlichen Prinzipien dar.
Blicke ich auf den Seelenkalender-Jahreskreis und speziell auf die Licht- und Krisensprüche, so bilden auch sie jeweils ein X — die Krisensprüche ein rechtwinkliges, die Lichtsprüche ein schmaleres. Zwischen Licht- und Krisensprüchen liegt jeweils ein “normales” Mantra, dass die Gegensätze “verbindet”. Dadurch kann man von viermal drei Mantren sprechen, die sich hervorheben.
Licht- und Krisensprüche im Seelenkalender bilden diagonale Kreuze, wenn ihr Kreissegment gefärbt wird
Vielleicht ist es denkbar, dass frühere Menschen um diese besonderen Zeiten im Jahr wussten. Vielleicht gehörte dieses Wissen über die viermal drei besonderen Wochen zur Urweisheit der Menschheit. Und vielleicht stehen die vielen X‑Zeichen aus der Frühzeit der Kulturentwicklung in Bezug zu diesem Wissen. Bei Ljubiljana fand sich eine Figur, die sowohl in der Körperform als auch in der Verzierung das X zeigt. Ich verstehe sie als “Verkörperung” dieser herausgehobenen Mantren und habe sie beispielhaft für alle anderen in den Seelenkalender-Jahreskreis gestellt, sodass die Übereinstimmung ihres X‑Schmucks mit den Licht- und Krisensprüchen von der Idee her deutlich wird.
Stilisierte Frauenfigur (2700 – 2400 v. Chr.), Pfahlbausiedlung bei Ig, südlich von Ljubljana im Seelenkalender mit Licht- und Krisensprüchen
Im Deutschen werden wenige der ursprünglich deutschen Worte mit X geschrieben, die meisten sind Lehn- oder Fremdworte. Beispiele deutscher Worte mit X sind ‘Hexe’ von althochdeutsch ‘hazus’, ‘hazussa’ und ‘Axt’ von mittelhochdeutsch ‘ackes’. Doch auch auf Altgriechisch und Latein lautet Axt ähnlich: altgriechisch ‘axiné’, latein ‘ascia’ mit KS vertauscht zu SC.
Die meisten deutschen Worte mit der Lautverbindung KS werden mit CHS (‘Wachs’, ‘Dachs’, ‘Lachs’) oder CKS (‘klecksen’, ‘knacksen’, zwecks’) bzw. KS (‘Keks’, ‘Koks’) geschrieben.
Die drei Sprachen Griechisch, Latein und Englisch haben wesentlich mehr Wörter mit X, die oft als Fremdworte ins Deutsche integriert wurden. Warum ist es bei ‘Hexe’ und ‘Axt’ anders? Warum werden sie nicht ‘Hechse’ und ‘Achst’ oder ‘Heckse’ und ‘Ackst’ geschrieben? Ernst Moll führt als Erklärung die lateinische Endung ‑trix an, die weibliche Personen bezeichnet. ‘Adiu-tor’ ist der ‘Helfer’, adiu-trix’ die ‘Helferin’; ‘domitor’ ist der ‘Bändiger’, ‘domitrix’ die ‘Bändigerin’; ‘imperator’ ist der ‘Kaiser’, ‘imperatrix’ die ‘Kaiserin’. (Die Sprache der Laute, S. 430) Das Geheimnis des X scheint der Sprachgeist mit dem Weiblichen verbunden zu haben. Die vielen weiblichen Figuren mit X‑Verzierungen bestätigen dies ebenso wie das griechische X, der Buchstabe Chi, der Christuslaut. Im asiatischen Raum wird die Lebenskraft Chi genannt.
Das X als Verbindung zweier Diagonalen bringt vielleicht ins Bild, wie diese Lebenskraft gezeugt wird. Lateinisch ’sexus’ ist das ‘Geschlecht’. Sechs als Zahl lautet im Englischen ’six’ und ist klanglich sehr nahe an ’sex’. Werden die beiden Dreiecke der “Stundenglas”-Figuren ineinandergeschoben gedacht, bilden sie einen Sechsstern — die vollkommene Vereinigung der Gegensätze von männlich und weiblich bzw. Seele/Geist und Körper/Materie und verbildlichen dadurch den Zusammenhang von sechs und sex.
Die Zahl der Apokalypse ist 666, lateinisch ’sexcenti-sexaginta-sex’ griechisch ‘hexakósioi-hexékonta-hex’ und wimmelt also vor lauter X. Wird 666 durch griechische Buchstaben dargestellt, gibt Ernst Moll folgendes an: Chi (X) steht für 600, das kleine Xi (ξ) steht für 60 und Digamma (Anmerkung: zwei Gamma Γ- unser F) steht für die Zahl 6. Auch das hebräisch Vav/Waw hat letzteren Zahlenwert. Im Keltischen steht für die 6 ebenso ein Doppellaut, ‘Stigma’, als einheitlicher ST-Laut. ‘Stigma’ ist keltisch der ‘Schlehdorn’, bei den Griechen ist es der ‘Stich’.
Doch nicht nur das Böse ist mit der Zahl sechs verbunden, sondern auch die Vollkommenheit. In der griechischen Mathematik wurde sie als ‘vollkommene’ Zahl verehrt, denn sie teilt den Kreis als Abbild des Himmels in sechs Sechstel. Ernst Bindel sagt: “Wir müssten uns viel mehr bewusst sein, dass wir hier vor einer Art mathematischen Mysterium stehen, nicht etwa in dem Sinne, dass dieses Phänomen sich der Beweisbarkeit entzöge, sondern insofern, als sich gerade die Sechszahl ergibt …” (in: Ernst Moll, Die Sprache der Laute, S. 433)
Im Seelenkalender bewirken die Lichtsprüche, die ein schmales X bilden, tatsächlich eine Sechstelung.
Die Lichtsprüche gliedern das Jahr annähernd in Sechstel
Das X Zeichen, das lange vor der Verwendung als profanes Schriftzeichen die Göttin bezeichnete (neben der Dreifachlinie und dem V‑Zeichen) und in den Lichtsprüchen des Seelenkalender wieder erscheint, trägt eine Botschaft, die möglicherweise an die tiefsten Geheimnisse des Lebens rührt.
Die Mantren, die zu diesen Lichtsprüchen gehören sind 5 E und 31 e sowie 22 V und 48 w. Die eine Diagonale wird also durch E gebildet, die andere durch V und W. Die Eurythmische Geste für das E sind eben diese zwei gekreuzten Diagonalen. Diese Achse ist sozusagen die offenbare, in der Gebärde und Zeichen (X) übereinstimmen. Die andere Diagonale ist durch V und W, also durch zwei Laute vertreten. Da erscheint es mir bedeutsam zu erinnern, dass der Buchstabe für das F, das nahe verwandt ist mit V und W, in Griechenland zunächst Digamma genannt wurde, weil er aus zwei Γ, zwei Galgen, zwei G zusammengesetzt wurde. Das G ist nun wieder der deutsche Gotteslaut. Zum F sagt Rudolf Steiner ‘wisse, dass ich weiß!’” (GA 279 in: Ernst Moll, Die Sprache der Laute, S. 142). Das F geteilt in zwei Schöpfungsprinzipien, in zwei Gamma, bzw. im Seelenkalender in V und W ist die verborgene Achse, der nur tastend anhand spärlicher Hinweise nachgespürt werden kann.
Auch die Krisensprüche bilden ein diagonales Kreuz, dessen eine Achse durch die Mantren 7 G und 33 g gebildet wird (wieder tritt zwei G, Digamma auf), die andere wiederum durch unterschiedliche Buchstaben, durch 20 T und 46 u. Sind die Lichtsprüche durch Blaselaute und den Vokal E gekennzeichnet, so die Krisensprüche durch Stoßlaute und den Vokal U. Auch die Krisensprüche sind sicherlich für das Verständnis des diagonalen Kreuzes bedeutsam, doch soll der Hinweis hier reichen.
Die Laute K und S vereinen sich zum X
Das K ist mit dem G verwandt, denn es ist der harte Stoßlaut, seine weiche Variante ist das G. Zum K gehören die Mantren 10 K und 36 k. Das K ist der Kains- und Königslaut, der Laut der Kraft. Das S gehört zu den Mantren 19 S und 44 s.
Die Mantren mit K und S und die Mantren 24 X und 49 x im Seelenkalender
Da K im Alphabet vor S steht, entspricht die Lautverbindung KS dem Gang der Zeit. Die K‑Mantren sind die jeweils ersten Mantren im mittleren, dem Sonnenbereich, die S‑Mantren verbinden dagegen den Stern- mit dem Mondbereich. Das Mantra 44 s ist sogar wiederum das erste Mantra im Mondbereich. Gemeinsam bilden sie ein weiteres diagonales Kreuz.
Das K ist der Kainslaut. Im Griechischen heißt ‘töten’ ‘katakainein’. Rudolf Steiner sagt, “Die Stoßlaute sind egoistisch.” (GA 279, in: Ernst Moll, Die Sprache der Laute, S. 433) Stoßlaute sind die “Laute für die Seelenverfassung des Egoismus, für die Geltendmachung der eigenen menschlichen Wesenheit, die man bewahren will draußen in der Welt” (GA 279, in: Ernst Moll, Die Sprache der Laute, S. 433) Das K kann sozusagen als der Stoßlaut der Stoßlaute, als ihr König angesehen werden. Wer das K aussprich, so sagt Rudolf Steiner, muss sich eigentlich eine Kristallgestalt vorstellen. Und: “In das Elementar-Erdige arbeiten wir hinein mit diesem Stoßlaut.” (GA 282, in: Ernst Moll, Die Sprache der Laute, S. 433)
Dem Egoismus im Menschen entspricht das geistig Böse im Innern der Erde. Diese Erdschicht wird in der “Göttlichen Komödie” (Italien 1321, Dante Alighieri, geb. 1265 in Florenz, gest. 1321 in Ravenna) als ‘Kainsschicht’ oder ‘Kains-Schlucht’ bezeichnet. Rudolf Steiner nennt sie den Zersplitterer. Das K kann als die verfestigende, die Knochen erschaffende Kraft angesehen werden.
Das S bezeichnet Rudolf Steiner als den eigentlich ahrimanischen Laut. (GA 315, in: Ernst Moll, Die Sprache der Laute, S. 430) “… der Hinweis auf das S war immer verbunden mit etwas … Furchterregend bei denjenigen, die man auf dieses Symbolum hinwies; etwas Furchterregendes, etwas, wovor man sich hüten soll.” (GA 279, in: Ernst Moll, Die Sprache der Laute, S. 429)
Das X zeigt eine Verstärkung des S. Es findet sich häufig in Worten, die Schärfe, Schneiden und Trennen bezeichnen: angelsächsisch ’seax’, lateinisch ’saxum’ ist das ‘Schwert’, griechisch ‘xiphos’. Und ‘xiphidion’ ist griechisch das ‘kurze Schwert’, der ‘Dolch’, das ‘Sichelschwert’ heißt dort ‘xyéle’ und ‘xyrein’ bedeutet ’scheren, rasieren’. Das Messer zum Scheren ist ‘xyrón’; ‘xystón’ ist die ‘Lanze’, der ‘Speer’. Der ‘Fremdling’ der nicht dazugehört, der abgespalten ist, heißt ‘xénos’, das ‘Holzscheit’ oder bearbeitete Holzstück heißt ‘xýlon’.
Gleichzeitig zeigt das S die Form einer Schlange. Im Äskulap Stab ist es das Zeichen der Heiler und Rudolf Steiner bezeichnet die Schlange als den Ätherleib, mit dem der Mensch in früheren Zeiten sich mit der Erde verband und dadurch klug wurde (GA 142, S. 85).
Das S nennt Rudolf Steiner einen arimanischen Laut und ordnet das S zusammen mit dem Z dem Tierkreiszeichen des Skorpions zu. Von der ahrimanischen Wirksamkeit sagt er, dass sie verhärtend auf den Ätherleib wirkt. Daraus folgere ich, dass das K als Zersplitterer das irdisch-feste zu Staub zerfallen lässt und dadurch dem Verhärten entgegenwirkt. Das K ist dem Physischen zugehörig, das S dem verleiblichenden Ätherischen. Daraus lässt sich schließen, dass die Laute K und S zum X vereint den auf Erden lebenden Menschen mit seinen unteren Wesensgliedern, physischer Leib und Ätherleib, bilden. Doch auch noch eine andere, tiefer verborgene Botschaft scheint mir mit dem X verbunden zu sein. Denn es ist das X der drittletzte Buchstabe im Alphabet. Könnte mit den drei die Lautfolge beschließenden Buchstaben, mit X, Y und Z, nicht auch eine ferne Zukunft, verbunden sein — das was nach dem Zerfallen zu Staub kommen kann? Könnte das X vielleicht auch der ‘Phönix’ sein, der aus dem Staub der Asche ersteht — die neue Erde in ihrer kommenden Inkarnation als neuer Jupiter? Das Y würde dann die noch weiter in der Zukunft liegende weitere Inkarnation der Erde, die neue Venus, vertreten, und das Z stünde für ihre letzte von insgesamt sieben Inkarnationen, für den Vulkanzustand.
Über die Gegensprüche 24 X und 49 x
Schon beim flüchtigen Lesen fällt auf, dass das Mantra 24 X ganz besonders viele S‑Laute enthält, das Wort “Selbstsinns” allein vier. Wird das Sch mitgezäht, so sind es im ganzen Mantra 27 “Schlangen-Laute — und damit genau soviele, dass bezogen auf die Wochen des Jahres eine Schwellenüberschreitung stattfindet, die Schwelle der Halbjahre. Und genau das ist das Charakteristikum der Schlange in der Paradiesgeschichte — sie animiert zur Grenzüberschreitung, nachdem sie selber dort eingedrungen war. Im Mantra 49 x dominiert in den ersten drei Zeilen das K, zwar nicht zahlenmäßig, doch in der Wahrnehmung. Das Wort “Gedankenklarheit”, das im Mantra als sprechende Instanz auftritt, weist allein zwei K auf. Wird das KS von “Wachsen” mitgezählt, sind es fünf K‑Laute. Wird auch das nahe verwandte G hinzugenommen, sind es im ganzen Mantra 12 velare Verschlusslaute — sozusagen der Kristall des Jahreszyklus.
Das Mantra 24 X ist in der beschreibenden dritten Person verfasst, das Mantra 49 x dagegen in den ersten beiden Zeilen aus der Perspektive eines seiner selbst bewussten Ich-Sprechers. Doch wer ist dieser Ich-Sprecher eigentlich? Diese grammatisch erste Person im Mantra 49 x ist die Gedankenklarheit. Und ganz so, wie Gedanken innerlich erlebt werden, spricht die Gedankenklarheit auch in wörtlicher Rede. Es ist also nicht der ganze Mensch, der hier spricht und später in seinen Handlungen beschrieben wird, sondern nur ein Aspekt desselben. Es ist auch nicht das Denken, sondern noch spezieller, die Gedankenklarheit. Klarheit ist das Ideal des Denkens, das wonach das Denken strebt. Und dieses Klarheits-Ideal des Denkens, das spricht und agiert im Mantra 49 x.
Im Mantra 24 X geht es um das Seelensein, das sich seiner selbst gewahr wird durch Tätigkeit. Im Mantra 49 x fühlt die Gedankenklarheit, die Kraft des Weltenseins. In beiden Mantren findet also eine Seinsbegegnung statt — im Mantra 24 X eine Selbstbegegnung des Seelenseins, — im Mantra 49 x eine fühlende Begegnung der Gedankenklarheit mit dem Weltensein. Das Sein ist das Gewordene, das Fertige, dem das Tätige, Werdende wahrnehmend gegenübersteht.
Die Selbstbegegnung des Seelenseins (24 x) lässt an die Selbstberührung der Eurythmiegeste des E denken, bei der die Glieder ähnlich dem X diagonal gekreuzt werden. Durch diese Selbstberührung entsteht Bewusstsein für sich selber. Es entsteht ein Abschluss, eine Grenze. Und diese Selbstwahrnehmung impliziert, dass es außerhalb des Eingeschlossenen, das nun zum Eigenen wird, ein Außen gibt. Dieses sich selbst umgrenzen, sich selbst abschließen, könnte die Tätigkeit des Seelenseins sein, das sich dadurch selbst erschafft. Jede solche Abgrenzung ist also eine eigene Schöpfung, ein Abgeschlossenes, Gewordenes, das Bewusstsein von sich selbst erlangt und sich selber gewahr wird.
Die fühlende Begegnung der Gedankenklarheit (49 x) mit dem Weltensein lässt die Gedankenklarheit die Kraft erleben, die vom Weltensein ausgeht. Die Kraft des Weltensein wird der Gedankenklarheit fühlend wahrnehmbar — das sagt sie. Das Denken strebt nach Wahrheit, die Gedankenklarheit ganz besonders. Und Gedanken, die dem Weltensein nicht entsprechen, und seien sie noch so klar und logisch, sind nicht wahr. Das Weltensein wird also als korrektive Kraft erlebt, als gestrenger Lehrmeister des Denkens, das nach Klarheit strebt. Das Weltensein ist sozusagen das Kreuz, das X, an das die Gedankenklarheit gebunden ist, — ohne das Verbundensein, ohne den Verzicht auf Beliebigkeit können die Gedanken eben nicht klar sein. Und diese Kraft des Weltenseins hält die Gedankenklarheit in ihrer idealen, eben klaren Form.
In beiden, jeweils sechszeiligen Mantren, ist nach den ersten beiden Zeilen ein abrupter Wechsel festzustellen. Im Mantra 24 X schwenkt der Fokus vom Seelensein zum Weltengeist. Im Mantra 49 x endet die wörtliche Rede und die Perspektive wechselt in die beschreibende dritte Person. Es wirkt, als ob nach der einen Diagonale des X nun die andere folgt und beide ganz unterschiedliche Themen und Qualitäten haben. In beiden Mantren sind die folgenden vier Zeilen durch den Inhalt in je zwei Zeilen gegliedert, sodass beide Mantren insgesamt aus drei Doppelzeilen bestehen. Diese bei Gegensprüchen ungewöhnliche Entsprechung der Form wird noch verstärkt, indem die jeweils letzten drei Zeilen mit dem gleichen Wort beginnen — also spiegeln:
24 X In Selbsterkenntnis … Und schafft … Des Selbstsinns … |
49 x In finstern … Und neigt … Des Innern … |
Ich sehe darin einen Hinweis auf die Wirkung des spiegelsymmetrieschen X‑Zeichens.
Im Mantra 24 X wechselt der Fokus nun also vom Seelensein zum Weltengeist — zum Geist, der in der Welt, in allem was ist, waltet. So war auch der Weltengeist verbunden mit dem Seelensein, solange es sich selbst noch nicht gewahr war. Der Geist ist die Ursache und der Grund alles Werdens in der Welt. So denke ich mir, dass der Weltengeist die Voraussetzungen bereitstellt, damit sich das Seelensein selbst erschaffen kann. Der Weltengeist war also dabei zugegen, wenn er auch nicht aktiv handelte. Nun strebt er fort. Doch er hat durch seine Beobachterrolle etwas gewonnen. Er ist “in Selbsterkenntnis neu belebt”. Müsst es nicht eigentlich heißen “durch Selbsterkenntnis neu belebt”? Warum heißt es “in” — abgesehen davon, dass dadurch die spiegelnde Situation mit dem Mantra 49 x entsteht? Ist der Weltengeist selbst die Erkenntnis? Wenn es “durch Selbsterkenntnis” heißen würde, wäre die Erkenntnis etwas vom Weltengeist Unterschiedenes, das auf ihn einwirkt, ihn belebt. Mit der Formulierung “in Selbsterkenntnis” wird dagegen ein innerer Zustand beschrieben, wie z.B. “in Freude” oder “in Trauer”. Der Weltengeist hat Erfahrung gesammelt während sich das Seelensein selbst erschaffen hat. Da war der Weltengeist enthalten im Selbst-Schöpfungsprozess des Seelenseins, wie er in allem Lebendigen enthalten ist. Deshalb gewinnt er dadurch auch Selbsterkenntnis — und nicht Erkenntnis über das Seelensein. Und diese Erkenntnis wirkt belebend. Sie weckt in ihm sozusagen den Drang, sich etwas Neues für die Welt auszudenken, neue Spielregeln für das Leben.
Im Mantra 49 x wechselt nun der Sprachstil in die Beobachterperspektive, die dritte Person. Die Gedankenklarheit fühlt nicht mehr die Kraft des Weltenseins, das Andere, sondern beginnt eine Innenschau. Sie gedenkt, sie erinnert sich, an die finsteren Weltennächte und an das Wachsen ihres eigenen Geistes. Was sind die finsteren Weltennächte und warum wächst in ihnen der Geist? Pflanzen brauchen Licht zum Wachsen, der Geist offensichtlich die Finsternis. Liegt es vielleicht daran, dass der Geist selber Licht ist? Nach Rudolf Steiner gehört das Sommer-Halbjahr zur Wahrnehmung und in diese schläft der Mensch hinein. Das Winter-Halbjahr gehört dementsprechend zum Denken und hier ist der Mensch wach. Im dunklen Winter-Halbjahr, im dunklen Innern, im Denken leuchtet der Geist. Und durch Denken wächst er.
In beiden Mantren spielt zunächst das Sein eine Rolle, dann der Geist. Sprach das Mantra 24 X vom eigenen Seelensein und dann vom Weltengeist, als etwas von sich Getrenntem, so liegen die Verhältnisse im Mantra 49 x genau umgekehrt. Die Gedankenklarheit fühlt das von ihr Getrennte, die Kraft des Weltenseins und danach erinnert sie sich an das eigene, das Wachsen ihres Geistes.
Nun folgt in beiden Mantren das letzte Zeilenpaar, das jeweils mit “und” anschließt. Im Mantra 24 X schafft der Weltengeist nun aus Seelenfinsternis die Willensfrucht des Selbstsinns. Das sich selbst Gewahrwerden des Seelenseins zu Beginn des Mantras findet sozusagen in Seelenhelle statt. Die gegenteilige seelische Situation ist die Seelenfinsternis. Hier, aus der Finsternis, aus dem Material der Dunkelheit schafft der Weltengeist die Willensfrucht des Selbstsinns. Der Weltengeist erschafft eine Frucht. Diese Frucht entsteht aus dem Willen, wie der Apfel aus dem Apfelbaum. Und diese spezielle Frucht des Willens ist der Sinn, ein Selbst zu sein. Der Weltengeist erschafft die Begründung, warum es sinnvoll ist, dass der Mensch ein Selbst ist, dass er der Welt gegenübertreten kann.
Im Mantra 49 x wechselt die Ausrichtung der Gedankenklarheit von der Vergangenheit in die Zukunft — vom Gedenken zum Hoffen. Nun wird deutlich, dass es im Innern wirklich ein Licht gibt. Die Gedankenklarheit neigt vor dem nahenden Weltentag ihre Hoffnungsstrahlen. Sie neigt ihr Licht des eigenen Innern demütig vor dem größeren Licht des Weltentages.
Die vielfachen Entsprechungen der Mantren regen dazu an, sie in Gestalt eines großen X aufzuschreiben. Dabei stellt sich heraus, dass ihre jeweils drei Zeilenpaare den drei Seelenfähigkeiten zugehörig sind.
Die Mantren 24 X und 49 x bilden ein großes X
Sternbereich der Seele: Die beiden ersten Zeilen haben mit Selbsterkenntnis (24 X) und Gedankenklarheit (49 x) zu tun. Sie spielen sich im hellen Seelenbereich, im Denkbereich ab, der zu Selbsterkenntnis fähig ist. Das Mantra 49 x beginnt mit der Außenorientierung, dem Fühlen des Weltenseins und beginnt deshalb im Wahrnehmungs-Halbjahr. Das Mantra 24 X spricht vom Seelensein, das eine Innenorientierung voraussetzt, weshalb es im Winter-Halbjahr beginnt.
Sonnenbereich der Seele: Der Weltengeist strebt fort (24 X), wie das fühlende Gewahrsein, das Licht des Bewusstseins sich verströmt — vor allem in die Wahrnehmung. Die Gedankenklarheit (49 x) erinnert sich an das Wachsen des eigenen Geistes (des eigenen Lichtes) in der Finsternis der Weltennächte — im Innern.
Mondbereich der Seele: Der Weltengeist (24 X) schafft die Willensfrucht des Selbstsinns aus Seelenfinsternis. Erst seit Christus macht es Sinn, ein Selbst zu sein, deshalb stehen diese Zeilen in der nachösterlichen Zeit der Osterscholle. Die Gedankenklarheit (49 x) neigt die Hoffnungsstrahlen des eigenen Inneren vor dem nahenden Weltentag. Diese Zeilen gehören zur Vorosterzeit, denn hier geht es auf das Sommer-Halbjahr, auf den Weltentag zu.
Beide Mantren zusammen lassen eine “große” Seele sichtbar werden, die ihr eigenes Licht neigt und gleichzeitig echten Sinn darin finden kann, ein Selbst zu sein.
Ergänzung: über die Zahlen 24 und 49 — und die 24 Ältesten
Die Zahlen dieser beiden Mantren stehen in einem geheimnisvollen Verhältnis. Wie oben schon darauf hingewiesen, ist die 24, die Zahl des Mantras 24 X, eine Zahl erhöhter Vollkommenheit. Sie ist 2 x 12 und 4 x 6 und auch 8 x 3. Die 12, die 8, die 4 und die 2 verweisen jeweils auf den Jahreskreis, dem die vier Jahreszeiten, die Sonnenwenden und Equinoxien, d.h. die beiden Jahreshälften eingeschrieben sind. Die 8 kommt zustande, weil die Jahreszeiten auf zweifache Weise mit den obigen vier Sonnen-Markern verbunden werden können: einmal als deren Höhepunkte, einmal als Wechsel der Jahreszeit. Die 3 und die 6 verweisen dagegen auf den Zusammenhang von Sonne und Seelenraum, denn die Seele ist dreigliedrig. Im Zusammenhang mit der Sonne spricht Rudolf Steiner von sechs Sonnenelohim, die mit der Sonne verbunden blieben. Der siebte ist Jhave, der den Mond als Wohnplatz erwählte und die sechs Sonnenelohim spiegelt.
Die Zahl des Mantras 49 x ist nun 7 x 7 und damit die “Vollkommenheit” der 7. Die 7 ist die Zahl der Wochentage und aller zeitlichen Zyklen, wie z.B. auch die von Rudolf Steiner angegebenen 7 Erdinkarnationen.
Rudolf Steiner stellt die 24 Ältesten nun in Zusammenhang mit der Vollendung dieser Zyklen:
„Was für uns nun vor allen Dingen wichtig ist, das ist, daß der Mensch eigentlich erst im heutigen Sinne Mensch wird in der Mitte der Erdenentwickelung. Auch in unserer Erdenentwickelung müssen wir sieben Zustände unterscheiden. Wir stehen im vierten. Drei sind vorangegangen, drei werden folgen. Der vierte Hauptkreislauf war derjenige, in welchem unser heutiges Menschengeschlecht Mensch werden sollte. So wie nun in allen diesen Kreisläufen auf dem Saturn, auf der Sonne und auf dem Mond gewisse Wesenheiten die Menschheitsstufe erreichten — auf dem Saturn die Asuras oder Urkräfte, auf der Sonne die Erzengel, auf dem Monde die Engel —, so waren auch immer Wesenheiten zurückgeblieben. Und so gab es auch Wesenheiten, die nicht mehr auf dem Mond die Menschenstufe erreichen konnten, zurückgebliebene Engel etwa, die erst jetzt auf dem Erdenplaneten in den ersten drei Erdenzeiträumen ihre Menschheitsstufe nachholen konnten. Der Mensch kam in der vierten Stufe daran. Vor dem Menschen haben noch drei andere Wesenheiten auf der Erde die Menschheitsstufe durchgemacht. Und die vierte der Wesenheiten, die auf der Erde die Menschheitsstufe durchmachen, ist der Mensch selber. In dem Augenblick der kosmischen Entwicklung, als der Mensch sich eben anschickt, Mensch zu werden, da haben Sie also alle die Wesenheiten, die durch Saturn, Sonne, Mond und Erde bis zum Menschen hin die Menschheitsstufe haben durchmachen können, als mehr oder weniger über den Menschen hinausgeschrittene Wesenheiten. Aber alle sind so, daß sie zurückblicken können, sich erinnern können an die Stufe, auf der sie selbst die Menschheitsstufe durchgemacht haben. Sie konnten hinunterschauen auf den werdenden Menschen und sich sagen: Der wird jetzt etwas, was wir schon gewesen sind, wofür wir Verständnis haben, wenn wir es auch unter anderen Umständen gewesen sind. — Sie konnten deshalb seine Entwicklung leiten und regeln vom geistigen Weltenraum aus.
Zählen wir zusammen, wie viele solcher Wesenheiten es sind, die auf die Menschenstufe zurückblicken können, die Verständnis haben können für den werdenden Menschen: sieben von der Saturnentwickelung plus sieben von der Sonnen- plus sieben von der Mondenstufe plus drei von der Erdenentwickelung, das sind vierundzwanzig Wesenheiten. Vierundzwanzig «Menschen» blicken herunter auf den heutigen Menschen. Es sind die Wesenheiten, welche wir aus guten Gründen die Regulatoren der Entwicklung genannt haben, die Regulatoren der Zeit. Zeit hängt mit Entwickelung zusammen. Es sind die vierundzwanzig Ältesten, die uns in der Apokalypse des Johannes begegnen.“ (Lit.: GA 104, S. 115f)
Die 24 Ältesten repräsentieren jene Wesenheiten, die dem Menschen in der Ich-Entwicklung, der “Menschheitsstufe” vorangegangen sind. In den vorausgegangenen Erdinkarnationen macht jeweils eine andere Engel-Hierarchie ihre Ich-Entwicklung durch. Auf dem alten Saturn waren es die Archai, auch Urengel oder Geister der Persönlichkeit genannt; auf der alten Sonne die heutigen Erzengel und auf dem alten Mond die jetzigen Engel. Jede dieser Erdinkarnationen durchläuft dabei sieben Runden bzw. Lebenszustände. Auf jeder dieser Runden durchleben Wesen ihre Ich-Entwicklung und gehen uns in der Menschwerdung voran — manche schneller oder früher, andere später bzw. langsamer. Die Erde und wir mit ihr stehen gegenwärtig in der vierten, der mineralischen Runde. Insgesamt sind uns in der Ich-Entwicklung vorausgegangen 7 + 7 + 7 + 3 = 24 Gruppen von Engelwesenheiten. Jede dieser Gruppen, die diese Entwicklung abschließen konnten, ist repräsentiert durch einen Ältesten. Der Mensch selber wird die 25. Gruppe bilden.